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Neue und wiederentdeckte Baustoffe

Zurück in die Zukunft

Die Baubranche wird in den kommenden Jahren mehr noch als bisher auf nachhaltige, kreislauffähige Baustoffe und nachhaltige Bauverfahren setzen müssen. Die europäische Gebäuderichtlinie EPBD, die bis Mai in deutsches Recht umgesetzt werden muss, verlangt im Falle neu zu errichtender Gebäude die Berechnung des Treibhausgaspotenzials über den gesamten Lebenszyklus. Die Regelung gilt ab 2028 für Neubauten mit mehr als 1.000 Quadratmetern Nutzfläche, ab 2030 für alle Neubauprojekte [1].

Das heißt: Spätestens ab dann müssen Planende ihre Bauprojekte in ihrer gesamten „Karriere“ erfassen und im Kopf haben, müssen nicht nur die Umweltwirkung inklusive der Treibhausgasemissionen in der Nutzungsphase mitdenken und mitberechnen, sondern auch all jene, die bei der Herstellung, der Errichtung und der Entsorgung anfallen. Diese Umweltwirkungen hängen entscheidend von der Wahl der Baustoffe und Baumaterialien ab. Planende sollten darüber hinaus seit dem 2025 die EU-Taxonomie im Blick haben. Sie verpflichtet Unternehmen dazu, zu dokumentieren, ob und wie ihre Aktivitäten den Nachhaltigkeitszielen dienen – also zum Beispiel ihre Bauprojekte [2].

Auch Energieberatende sollten sich auf diesen Aspekt des Bauens einlassen, der neue Verdienstmöglichkeiten durch neue Aufträge bringen kann. Wer Förderung nach den Programmen „Klimafreundlicher Neubau“ (KFN), „Wohneigentum für Familien“ (WEF) oder „Klimafreundlicher Neubau im Niedrigpreissegment“ (KNN) beantragen will, muss seit November 2025 die Zusatzqualifikation für eine Lebenszyklusanalyse (LCA = Life Cycle Assessment) nachweisen können. Nur so können er oder sie in der Dena-Liste in die Kategorie „Klimafreundlicher Neubau – Wohn- bzw. Nichtwohngebäude“ eingetragen werden.

Was heißt „nachhaltig“?

Aktuell werden intensiv Wege und Verfahren gesucht, um Baustoffe aus nachwachsenden Rohstoffen so zu modifizieren, dass sie modernen Anforderungen genügen. Diese Rohstoffe – darunter Hanf, Holz, Lehm, Stroh – sind mit der Industrialisierung entweder vergessen oder an den Rand gedrängt worden, geraten aber jetzt aufgrund ihrer positiven ökologischen Eigenschaften wieder mehr und mehr in den Fokus: Sie wachsen entweder nach oder sind wie Lehm in großen Mengen verfügbar – sie sind ohne besonderen energetischen Aufwand und ohne nennenswerte Emissionen als Baustoffe nutzbar. Die pflanzlichen Materialien binden Kohlendioxid im Laufe ihres Wachstums, das erst beim Verbrennen oder Verrotten wieder in die Atmosphäre gelangt. Sie sind damit CO₂-Senken.

Baustoff aus der Baugrube

Lehm ist neben Holz das älteste Baumaterial der Menschheit, eingesetzt seit der Jungsteinzeit. In den 1950ern noch als „Notbaustoff“ verachtet, wurde es von den Pionieren des ökologischen Bauens wiederentdeckt. Für die Denkmalpflege wurde klar, dass bei Renovierungsarbeiten in Fachwerkbauten das diffusionsoffene, feuchteausgleichende Material sich am besten mit den Bauweisen historischer Häuser verträgt – man bleibt sozusagen im System. Mit dem Aufkommen des Nachhaltigkeitsgedankens wurde Lehm für den Neubau zu einem interessanten Baustoff.

Seit 1998 existieren die Lehmbau-Regeln [3]. Schon länger bekommt man Bauplatten, Putzmischungen und Steine aus Lehm, der Dachverband Lehm informiert über geltende Normen. 2023 schrieb Bettina Hemme vom Deutschen Institut für Bautechnik: „In den letzten Jahren hat sich mit der werksmäßigen Herstellung von Lehmbauprodukten die Qualität erheblich weiterentwickelt. Das Leistungsvermögen hinsichtlich Tragfähigkeit hat ein mit Mauerwerk (z. B. Porenbeton) vergleichbares Niveau erreicht.“ [4].

Lehm kann wie Beton vom 3D-Drucker verarbeitet werden. An der TU Dresden und der RWTH Aachen wird im Exzellenzcluster „Climate-Neutral and Resource-Efficient Construction“ an Lehmmischungen für die additive Fertigung geforscht, die plastisch und gut verarbeitbar und nach dem Trocknen hoch belastbar sein sollen. Die Forscher:innen experimentieren mit der Integration von Fasern aus nachwachsenden Rohstoffen, da das Material seine Kreislauffähigkeit behalten soll.

Stroh im Kopf? Gut so!

Stroh wurde im Bau lange Zeit lediglich als Dämmmaterial und zur Dacheindeckung eingesetzt. Mit der Erfindung des Mähdreschers jedoch wurden in den USA erstmals Gebäude aus Strohballen gebaut. Die hochkompakten Materialpakete sind, anders als man denken möchte, kaum in Brand zu stecken und auch kein gefundenes Fressen für Mäuse und andere Schädlinge. Sie werden in der Regel in ein tragendes Gerüst aus Holz eingefügt und dann mit Lehm verputzt.

Der Fachverband Strohballenbau Deutschland hält Tipps, Handreichungen und Regeln für ihre Verarbeitung bereit [5]. Darüber hinaus wird der Rohstoff vom Feld für Lehmmischungen aller Art verwendet und – eine jüngere Entwicklung – in Form von unter Hochdruck gepressten Platten, die zum Beispiel als Putzträgerplatten genutzt werden.

Mit Hanf in die Höhe

Eine ebenso lange Geschichte wie Holz, Lehm und Stroh hat der Baustoff Hanf. Er wächst schnell, die Fasern und Schäben kann man zu Dämmmatten verarbeiten oder in Kombination mit Kalk zu Hanfsteinen (in diesem auch „Hanfbeton“ genannt). Die Tragfähigkeit der Hanfsteine hat allerdings Grenzen.

An der Technischen Hochschule Köln läuft daher gerade ein Projekt mit dem Namen „Einfach Mauern mit Hanfkalk“ [6] und dem Ziel, Steine mit hochverdichteten Zonen herzustellen, die statisch deutlich belastbarer sind und dennoch gut dämmen. Daneben werden auch Leichtbauplatten aus Hanf hergestellt, ebenso Akustikplatten.

Baustoff aus Pilzen – einfach wachsen lassen

Pilze sind im Allgemeinen in Gebäuden nicht gern gesehen, sie können aber auch die Grundlage für besonders umwelt- und klimafreundliche Baustoffe sein. Unter anderem am Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik forscht man derzeit an Verfahren zur Herstellung von Wärme- und Schalldämmstoffen auf Basis der Myzele, der widerstandsfähigen, fadenartigen „Wurzeln“ der Pilze.

Man lässt sie auf einem Substrat aus zum Beispiel Holz- und Pflanzenresten wachsen – sie durchdringen es, binden und verfestigen es so. Durch das anschließende Trocknen sterben die Pilze im Werkstoff ab. Auch solcherart hergestellte Materialien lassen sich auf einfachste Art rückbauen und wieder zu neuen Baustoffen verarbeiten.

Bausteine aus Massivholz

Rückbaubarkeit und Kreislauffähigkeit sind mit die wichtigsten Nachhaltigkeitsaspekte, dazu die Verfügbarkeit des Rohstoffs. Das Unternehmen Triqbriq [7] sieht diese Kriterien mit seinem gleichnamigen System aus Massivholzbauelementen voll erfüllt. Nach Art von Legosteinen werden die Elemente zu ganzen Gebäuden zusammengefügt, ohne Kleber, lediglich mit Holzdübeln stabilisiert.

Das Ausgangsmaterial besteht aus Schwach- und Kalamitätsholz, das für die Produktion von Konstruktionsvollholz nicht infrage kommt. So schnell, wie Gebäude aus diesen „Bauklötzen“ entstehen, so schnell sind sie auch wieder auseinandergenommen und können anschließend anderweitig zu einem neuen Objekt zusammengesetzt werden.

Zurück zu den Schutthalden

Derzeit gehen weltweit 40 Prozent des CO₂-Ausstoßes und 60 Prozent des Müllaufkommens auf das Konto der Baubranche. Hinter der Wiederentdeckung nachwachsender Rohstoffe steckt folglich keine Nostalgie. Es geht um Lösungen für ein akutes und drängendes Problem. Die Triqbriq-Bausteine sind eine Art, dieses Problem anzugehen – noch etwas konsequenter will es die Firma Shards machen [8].

Im Münsterland entsteht derzeit ihre Produktionsstätte für Fliesen, die laut Geschäftsführung zu 100 Prozent aus Recycling- und Sekundärrohstoffen bestehen werden. Für ihre Herstellung soll ausschließlich Ökostrom verwendet werden, unter anderem in einem rein elektrisch betriebenen Brennofen. Aktuell wird das Projekt von der Initiative Grüne Gründungen NRW gefördert.

Nur so eine Idee: Will der Bausektor sich für die Zukunft aufstellen, könnte er sich jetzt endlich seiner Vergangenheit zuwenden, sprich: den Deponien, dem Ort, an dem sein Müll, sein Schutt liegt.

Quellen

[1] https://t1p.de/GEB260140

[2] https://t1p.de/GEB260141

[3] https://t1p.de/GEB260142

[4] https://t1p.de/GEB260143

[5] https://fasba.de

[6] https://t1p.de/GEB260144

[7] https://triqbriq.de

[8] https://shards.eco

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