Die Stimmung war leicht angespannt, an diesem 7. Mai in Berlin, auf dem Bundeskongress des Energieberatendenverbandes GIH. Zwei Tage zuvor war der Referentenentwurf des Gebäudemodernisierungsgesetzes (GModG) veröffentlicht worden, das das Gebäudeenergiegesetz (GEG) ablösen soll [1]. Den Verbänden blieb Zeit bis zum Montag, dem 11. Mai, um ihre Einwände zu formulieren. Der Kabinettsbeschluss war für Mittwoch anberaumt. Niemand rechnete ernsthaft damit, dass die Regierung Änderungs- und Korrekturvorschläge berücksichtigen würde. Das und die Inhalte des Gesetzes, dessen Rechtskonformität inzwischen offiziell angezweifelt wird, sorgten für Unmut unter den Gästen.
Qualität der Energieberatung sichern
Doch die waren eigentlich zum Feiern gekommen. Der GIH kann als Bundesverband auf eine immerhin 25-jährige Geschichte zurückblicken. Aktuell hat er über 5.500 Büros mit zusammen 13.000 Mitarbeitenden als Mitglieder, so der Bundesvorsitzende Stefan Bolln in seinen einleitenden Worten. Die Sicherung einer qualitativ hochwertigen Beratung der Gebäudeeigentümer:innen war ebenfalls Thema, eine Qualität, die Billiganbieter und „iSFP-Fabriken“ nach Ansicht vieler im Saal nicht liefern können.
Bolln erinnerte an ein Highlight der Geschichte des Verbandes: Wie er in Schleswig-Holstein eine solche Massenabfertigung mit iSFPs von eher zweifelhaftem Wert verhindert hatte, eine Massenabfertigung, die auch noch vom Land unterstützt hatte werden sollen [2].
Qualitätssicherung muss durch Qualifizierung und Unterstützung der Mitglieder geschehen. So wurden im Rahmen dieser Veranstaltung die geehrt, die die notwendigen Strukturen und Voraussetzungen dafür geschaffen haben: Dieter Bindel, Initiator des Handbuchs Gebäudeenergieberatung, Jürgen Hofmann, erster Bundesvorsitzender, heute 84 und immer noch aktiver Energieberater, sein Nachfolger Jürgen Leppig, dann neben anderen auch Barbara Wittmann-Ginzel, Architektin der GIH-Musterverträge für Energieberatungen, die für Rechtssicherheit im Arbeitsalltag sorgen.
Grußadressen, Lob und Dank
Prominentester Gast war Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD). Schneider sprach von den gegenwärtigen geopolitischen Krisen, verursacht durch Abhängigkeit von fossilen Energien. Global, so der Minister, werde allerdings fast nur noch in den Ausbau der Regenerativen investiert – ein Trend, der nicht zuletzt vom vor 26 Jahren in Deutschland in Kraft getretenen Erneuerbare-Energien-Gesetz ausgelöst worden sei. Dieses EEG sei ein Exportschlager, international kopiert. Es gelte, auch hierzulande den Umstieg auf die Erneuerbaren konsequent weiter voranzutreiben. Die Beratungstätigkeit der Effizienzexpert:innen sei dabei von großer Bedeutung.
Corinna Enders, Vorsitzende der Deutschen Energie-Agentur (Dena), ging in ihrer Grußadresse ausdrücklich auf das Gebäudemodernisierungsgesetz ein, das die Arbeit der Energieberatenden noch wichtiger mache: Die Menschen bräuchten gerade jetzt Orientierung. Da war es keine schlechte Nachricht, dass mittlerweile laut Enders 25.000 Effizienzexpert:innen auf der Dena-Liste stehen. Christian Stolte von der Dena brachte einen Aspekt zur Sprache, der im weiteren Verlauf des Tages noch eine Rolle spielen sollte: den des menschlichen Austauschs. Nicht nur zwischen Dena und GIH, wie er ihn in den vergangenen Jahren schätzen gelernt habe, sondern ebenso zwischen den Energieberatenden und ihren Kund:innen.
Lob und Würdigung kam auch von Mandy Pastohr, Präsidentin des Bafa. Die Tätigkeit der Expert:innen sei unverzichtbar. Sie müssten den Antragstellenden komplexe Sachverhalte verständlich machen, und es sei ihr Verdienst, wenn Effizienz heute einen Stellenwert habe. Insbesondere dankte sie den Versammelten für ihre „Beharrlichkeit und Fachkompetenz“, für den „offenen und kritischen Austausch“. Sie würden klar und deutlich sagen, wenn etwas nicht passe – ein Feedback, das man beim Bafa brauche, um besser zu werden.
Energieberatung in der Gegenwart: Es läuft nicht so schlecht
Jens Acker vom Bundeswirtschaftsministerium, dort Leiter des Referats BEG, gab sich zuversichtlich. Der Trend hin zu mehr Klimaschutz sei gesetzt, verlaufe unabhängig von der politischen Diskussion. Thomas Kramps von GIH Nordrhein-Westfalen sprach im Anschluss allerdings einen der Webfehler der Förderregularien an, als er fragte, wann denn endlich die Anwesenheit des Energieberatenden vor Ort vorgeschrieben werde. Der Hintergrund: Die Richtlinie über die Förderung der Energieberatung für Wohngebäude (EBW) fordert zwar die Datenaufnahme im Gebäude [3], lässt aber die Möglichkeit offen, diese durch Hilfskräfte zu erledigen, was Billiganbieter ausnutzen. Daran werde gearbeitet, versicherte Acker.
Energieberatung der Zukunft: systemisch denken
Der Hochschullehrer Lars Klitzke zeigte in seinem Beitrag auf, dass man die Beratungstätigkeit in Zukunft ganz anders werde angehen müssen. Es müsse verstärkt systemisch gedacht werden, das Gebäude müsse als Knoten in einem übergreifenden Energiesystem betrachtet werden. Es gelte, die Ratsuchenden für diesen größeren Zusammenhang zu sensibilisieren. Häufig träten die mit dem Wunsch nach Autarkie an ihn und seine Kollegen und Kolleginnen heran – hier könne man ansetzen. Auch Christian Noll von der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff) lenkte den Blick über das Gebäude hinaus. Er sprach von dem riesigen Einsparpotenzial in der Industrie, etwa im Bereich der Prozesswärme.
Oder läuft derzeit etwas grundsätzlich falsch?
„Efficiency first“, dieser Grundsatz gilt Noll zufolge offensichtlich nicht mehr. Ein Hinweis auf einen bedenklichen Richtungswechsel in der Politik. Professor Andreas Löschel von der Expertenkommission zum Energiewende-Monitoring [4] äußerte ebenso Kritik am GModG und am Kurs der Bundesregierung, diagnostizierte eine „Krisen-Amnesie“. Man lasse die Chance, den durch den Irankrieg verursachten Energiepreisschock für die Einführung wirksamer Maßnahmen zu nutzen, einfach liegen, mildere stattdessen die Krisensymptome ab, etwa durch die Tankrabatte. Das Szenario steigender CO2-Preise werde draußen nicht ernst genommen– wie auch, wenn etwa der Kanzler den Emissionshandel in der jetzigen Form infrage stelle [5].
Auf die Dringlichkeit des Klimaschutzes wies der Geoökologe Eberhard Faust hin. Durch den fortschreitenden Klimawandel kämen vermehrt Extremwetterereignisse wie Starkregen und Hitzeperioden mit Dürren, Waldbränden und weiter steigenden Zahlen von Hitzetoten auf uns zu, die jetzt schon alarmierend hoch seien. Nur mit den entsprechenden Gegenmaßnahmen ließe sich Schlimmeres verhindern, beispielsweise durch systematische Stadtbegrünung. Die könne messbar zur Abkühlung urbaner Hitzeinseln beitragen.
David Reichwein vom Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) übernahm die undankbare Aufgabe, den Referentenentwurf des GModG in seinen Grundzügen vorzustellen, mit seinen hochumstrittenen Punkten, wie der Streichung der 65-Prozent-Regel oder der Biotreppe. Eine Frage aus dem Publikum im Anschluss, wo die versprochene Vereinfachung sei, wurde allseits mit Gelächter und Applaus quittiert, Reichwein musste eine echte Antwort schuldig bleiben.
Leben (und arbeiten) Energieberatende in einer Bubble?
Wie zu erwarten, gingen die Teilnehmenden der abschließenden Podiumsdiskussion, die nicht aus den verantwortlichen Ministerien kamen, mit dem Referentenentwurf wie mit der Energiepolitik der Regierung insgesamt hart ins Gericht. Klimaaktivistin und Autorin Luisa Neubauer hielt fest, dass das GEG ein „ganz okayes“ Gesetz gewesen sei, das neue hingegen sorge lediglich für eine „fröhliche Gaslobby“. Auch Stefan Bolln stellte klar: „Das GEG war nicht so schlecht, wie man es uns gemacht hat.“ Mit der Neufassung würde das Erreichen der Klimaziele noch unwahrscheinlicher, erklärte Bundestagsabgeordnete Julia Verlinden von Bündnis 90/Die Grünen. (Was elf Tage später der Expertenrat für Klimafragen bestätigte [6].)
Staatssekretär Olaf Joachim (SPD) vom Bundesbauministerium meinte auf die Frage von GIH-Geschäftsführer Benjamin Weismann, warum der Zeitplan so gedrängt sei, es ginge darum, schnell Klarheit zu schaffen. BMWE-Ministerialdirektorin Stephanie von Ahlefeldt behauptete, das GEG habe einen „Zwang zur Wärmepumpe“ enthalten, worauf ihr ein entschiedenes „Nein!“ aus zahlreichen Kehlen entgegenschlug. Weiter sagte sie – sinngemäß –, man solle doch von Gesetzen nicht zu viel Wirkung und Weichenstellung erwarten, man könne ja nicht wissen, welche Technologien in ein paar Jahren zur Verfügung stünden. Wer sich da noch an Umweltminister Schneiders Hinweis auf die Katalysator-Rolle des EEG erinnerte, dürfte dieses Argument wenig schlüssig gefunden haben.
Wirkliches Befremden und allgemeines Kopfschütteln löste dann jedoch ihr Statement aus, Energieberatende lebten wohl in einer Bubble, sprich: ohne Kontakt zur Normalbevölkerung. Man merke – einem Berufsstand, der tagein, tagaus mit Hausbesitzenden spricht, auch und gerade mit denen, die finanziell nicht auf Rosen gebettet sind, wird vorgehalten, im Elfenbeinturm zu sitzen. Bolln reagierte diplomatisch, sprach von dem, was seine Beratungstätigkeit ausmache, auch von den Info-Veranstaltungen, die er gerne in Dorfgaststätten abhalte.
„Wir machen einen guten Job“
Wenn also von wirklicher Verständigung keine Rede sein konnte, blieb doch der Umgang fair. Nicht nur Bolln, sondern ebenso einer der Hörer dankte Joachim und von Ahlefeldt ausdrücklich dafür, dass sie gekommen waren und sich den Fragen gestellt hatten, auch einen Achtungsapplaus bekamen sie.
Bolln, der bei seiner Begrüßung herausgestrichen hatte, die Menschen wüssten trotz des Hin und Her in der Politik, was zu tun sei, sah Grund zu Optimismus und Selbstbewusstsein: „Wir haben eine gesellschaftliche Aufgabe. Wir machen einen guten Job und den werden wir weiter machen.“