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Neue WTA-Merkblattreihe zur Luftdichtheit

Luftdicht im Bestand – aber wie?

Im Neubau lässt sich die Luftdichtheitsebene von Anfang an als durchgängige Schicht planen und in den Konstruktionsaufbau integrieren. Die Materialien sind bekannt, die Anschlussdetails standardisiert, die Ausführungsqualität im Bauablauf gut kontrollierbar. Im Bestand hingegen trifft der Planer auf eine grundlegend andere Ausgangslage: Historische Baukonstruktionen – ob Fachwerk, Bruchsteinmauerwerk oder Holzbalkendecken – wurden ohne jede Luftdichtheitskonzeption errichtet. Die Materialien sind heterogen, die Geometrien unregelmäßig, Anschlüsse zwischen Bauteilen selten normgerecht ausgeführt. Das GEG fordert in § 13 zwar unmissverständlich eine dauerhaft luftundurchlässige Gebäudehülle und die DIN 4108-7 konkretisiert diese Anforderung – doch beide Regelwerke sind in weiten Teilen auf den Neubau zugeschnitten.

Neue Planungsgrundlage für den Bestand

Genau an diesem Punkt setzt die Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege (WTA) an. Ihre neue Merkblattreihe „Luftdichtheit im Bestand“ (siehe Infokasten auf Seite 44) widmet sich systematisch den Besonderheiten der Bestandssanierung und versteht sich als Ergänzung zur DIN 4108-7. Was die Reihe für die Planungspraxis besonders wertvoll macht, ist ihr konstruktiver Ansatz: Statt lediglich Anforderungen zu formulieren, zeigen die Merkblätter konkrete Lösungswege auf.

Sie differenzieren zwischen verschiedenen Bestandskonstruktionen, behandeln die Frage, unter welchen Voraussetzungen vorhandene Materialien als Luftdichtheitsschicht fungieren können, und gehen auf die besonderen Anforderungen an Durchdringungen und Bauteilanschlüsse ein, die im Bestand häufig wesentlich komplexer ausfallen als im Neubau.

Innenputz, Überprüfung der Dichtheit, Feuchteschutz

Ein zentraler Aspekt betrifft die Nutzung vorhandener Putzschichten als Luftdichtheitsschicht – ein Ansatz, der aus ökonomischer und denkmalpflegerischer Sicht attraktiv ist, aber voraussetzt, dass der Bestandsputz durchgängig ist und bestimmte Qualitätskriterien erfüllt. Die Merkblätter geben Orientierung, wie mit einem Wechsel der Luftdichtheitsebene von innen in die Konstruktion hinein – oder umgekehrt – umzugehen ist und in welchen Fällen Materialien zu ertüchtigen sind.

Zugleich betonen sie die Notwendigkeit einer bauteilbezogenen hygrothermischen Bewertung, da eine innenseitige Luftdichtheitsschicht immer auch als Dampfbremse wirken soll. Ebenso empfiehlt die Reihe, Blower-Door-Messungen mehrstufig einzusetzen – vor, während und nach der Sanierung –, um Leckagen gezielt zu identifizieren, bevor sie durch Bekleidungen unzugänglich werden.

Wie sich diese Empfehlungen in der täglichen Planungspraxis umsetzen lassen, welche typischen Fehler auftreten und wo die Grenzen des technisch Machbaren liegen, erläutert Wilfried Walther im folgenden Gespräch. Er ist Leiter der Arbeitsgruppe, die die WTA-Merkblattreihe erarbeitet hat.

Herr Walther, warum braucht es eine eigene WTA-Merkblattreihe zur Luftdichtheit im Bestand – reicht die DIN 4108-7 nicht aus?

Wie einleitend von Ihnen beschrieben, geht es in dieser Norm darum, mit handelsüblichen, neuen Materialien eine gute luftdichte Gebäudehülle zu realisieren. Im Bestand ist im ersten Schritt aber zuerst einmal festzustellen, ob und welche Bauteilschichten überhaupt luftdicht sind und welche Materialien sich auch in Zukunft für eine Luftdichtheitsschicht eignen. Danach muss festgelegt werden, welche neuen Materialien hinzukommen müssen, um die Luftdichtheitsschichten im Keller, in den Erd- und Obergeschossen sowie im Dach miteinander zu verbinden und luftdicht zu verkleben. Das gilt auch für eventuelle Anbauten und Aufstockungen. Diese Schritte sind neu.

Wo liegen aus Ihrer Erfahrung die größten Unterschiede zwischen der Luftdichtheitsplanung im Neubau und im Bestand?

Im Neubau ist das Planen der Details klar definierbar. Im Bestand sind die ersten Planungsschritte auch mal vage, beziehungsweise man beschreibt die vorgefundene Situation oder problematisiert das Detail. Erst wenn man genauer hinschauen kann, also die Stelle „öffnet“, wird es konkret. Es sind also mehrere Schritte nötig. Manchmal kann man die Planung erst während der Bauausführung vervollständigen.

Die Merkblattreihe beschreibt die Möglichkeit, vorhandene Putzschichten als Luftdichtheitsebene zu nutzen. Unter welchen Voraussetzungen funktioniert das in der Praxis – und wann nicht?

Das gelingt dann, wenn die Putzschichten nicht hohl liegen und nicht von Rissen durchzogen sind. Fehlschläge gibt es dann, wenn die Putzschicht hinter einer Abhängung, Fußbodenaufständerung und Einbauten nicht weitergeführt wurde, also das steinsichtige, luftdurchlässige Mauerwerk zu sehen ist. Undichtigkeiten gibt es auch bei Holzbauteilen, die sich durch Schwinden verformen oder Risse bekommen.

Welche typischen Fehler beobachten Sie bei der Herstellung der Luftdichtheit in Bestandsgebäuden immer wieder?

Meist sind es falsche Annahmen über die Verklebbarkeit des Untergrundes oder Unwissenheit über die Luftwege der Hohlkammersysteme des Mauerwerks. Häufig sind auch Ritzen an Innenwänden und den Türzargen die Ursache für nicht bedachte Leckagen. Zu den weiteren Fehleinschätzungen gehört die Vermutung, dass eine Materialpressung ausreicht oder die Annahme, dass an Fugen oder Stellen, wo kein Licht durchkommt, auch keine Luftleckage besteht.

Welchen Stellenwert hat die Luftdichtheit bei der Erstellung eines individuellen Sanierungsfahrplans (iSFP) – und sollte sie dort als eigenständige Maßnahme auftauchen oder wird sie in der Praxis zu oft als Nebenprodukt anderer Maßnahmen wie Dämmung oder Fenstertausch mitgedacht?

Die Luftdichtheit kann bei Fenster- und Türfugen sowie bei Klappen- und Abseitentüren oder Dachbodentreppen als eigenständige Maßnahme auftauchen – und sich von Fall zu Fall auch in Eigenleistung durchführen lassen. Diese in den iSFP aufzunehmen, kann durchaus sinnvoll sein. Bei anderen Bauteilen wie Fenstern oder Gewerken wie Elektro, Lüftung und Sanitär wird das Thema Luftdichtheit, vor allem bei Durchdringungen, leider immer noch als ein Nebenprodukt empfunden.

Die Merkblätter empfehlen mehrstufige Blower-Door-Messungen. Wie lässt sich das in der Praxis gegenüber Bauherren und ausführenden Firmen durchsetzen – auch mit Blick auf die Kosten?

Mehrstufig heißt ja, dass man während der Baumaßnahme eine Messung durchführt. Hier ist kein Messwert erforderlich, sondern es müssen die Restleckagen „erfühlt“ werden. Die Kosten werden hier überschätzt, denn das eigene Gewerk auf Restleckagen zu überprüfen und gegebenenfalls nachzumessen ist immer günstiger als ganz am Ende nachbessern zu müssen.

Gibt es Situationen, in denen eine normgerechte Luftdichtheit schlicht nicht herstellbar ist?

Wenn „normgerecht“ bedeutet, dass der Feuchteschutz gewährleistet ist, dann muss die Konstruktion soweit zurückgebaut werden oder es sind Durchdringungen soweit zu verändern, dass eine verlässliche Luftdichtheit zustandekommt. Eine sorgfältige Planung ist dafür unerlässlich – mittels Improvisation funktioniert das jedenfalls nicht.

An wen richten sich die Merkblätter primär – an planende Energieberater, an ausführende Handwerker oder an beide gleichermaßen?

Die Merkblätter richten sich an alle am Bau Beteiligten. Also auch an beratende und planende Energieberater und natürlich an Planer und Ausführende, die sich mit dem Luftdichtheitskonzept beschäftigen müssen und dafür Skizzen und Hinweise erarbeiten, um auf Problemstellungen hinzuweisen.

Was würden Sie sich von Energieberatern wünschen, die ein Bestandsgebäude sanieren – was sollte sich in der Planungspraxis konkret ändern?

Meiner Meinung nach fehlt es an einer Sensibilisierung hinsichtlich der vorhandenen Probleme und Herausforderungen. Wünschen würde ich mir, dass Energieberatende bei Messdienstleistern hospitieren und Handwerker bei einer Messung anwesend sind und sie aufmerksam begleiten. Eine bessere Weiterbildung zum Thema Luftdichtheit kann man nicht bekommen.

Wilfried Walther

Bild: Energie- und Umweltzentrum Deister (e-u-z)

Wilfried Walther
1 Die Grafik zeigt mögliche Undichtheiten/Strömungs­pfade bei schlaufenförmiger Verlegung der Luftdichtheitsschicht. Diese entstehen durch Umgehen der Verklebungen aufgrund ihrer unterschiedlichen Lage/Ebenen und/oder Fehlstellen. Es besteht die Gefahr von Luftundichtheiten infolge rissiger und/oder fehlkantiger Sparren.

Bild: WTA

1 Die Grafik zeigt mögliche Undichtheiten/Strömungs­pfade bei schlaufenförmiger Verlegung der Luftdichtheitsschicht. Diese entstehen durch Umgehen der Verklebungen aufgrund ihrer unterschiedlichen Lage/Ebenen und/oder Fehlstellen. Es besteht die Gefahr von Luftundichtheiten infolge rissiger und/oder fehlkantiger Sparren.
2 Bei der wannenförmigen Verlegung muss die Luftdichtheitsschicht über die gesamte Sparrenlänge mit geeigneten Produkten luftdicht angeklebt werden. Die Verklebung sollte bis maximal 2/3 der Dämmstoffdicke erfolgen.

Bild: WTA

2 Bei der wannenförmigen Verlegung muss die Luftdichtheitsschicht über die gesamte Sparrenlänge mit geeigneten Produkten luftdicht angeklebt werden. Die Verklebung sollte bis maximal 2/3 der Dämmstoffdicke erfolgen.
3 An den umlaufend abzudichtenden Kehlbalken zeigt sich, wie aufwändig die wannenförmige Verlegung sein kann. Dies birgt nicht zuletzt durch den unzugänglichen Spalt zwischen Kehlbalken und Sparren sowie den vielen Kreuzungspunkte ein hohes Risiko für Luftundichtheiten – problematisch sind auch rissige, verformte oder fehlkantige Sparren und Kehlbalken.

Bild: WTA

3 An den umlaufend abzudichtenden Kehlbalken zeigt sich, wie aufwändig die wannenförmige Verlegung sein kann. Dies birgt nicht zuletzt durch den unzugänglichen Spalt zwischen Kehlbalken und Sparren sowie den vielen Kreuzungspunkte ein hohes Risiko für Luftundichtheiten – problematisch sind auch rissige, verformte oder fehlkantige Sparren und Kehlbalken.

Neue WTA-Merkblattreihe „Luftdichtheit im Bestand“ (Teil 1–3)

Die dreiteilige Merkblattreihe der Wissenschaftlich-Technischen Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege (WTA) ergänzt die DIN 4108-7 um bestandsspezifische Planungs- und Ausführungshinweise. Die drei Teile bauen systematisch aufeinander auf:

  • Teil 1 – Grundlagen der Planung (WTA-Merkblatt 6-9) definiert die Anforderungen an die Luftdichtheit sanierter Gebäude und Bauteile und formuliert grundlegende Planungsregeln. Dazu gehören die Identifikation geeigneter Luftdichtheitsebenen in Bestandskonstruktionen, die Bewertung vorhandener Putzschichten sowie die hygrothermische Einordnung geplanter Maßnahmen.
  • Teil 2 – Detailplanung und Ausführung (WTA-Merkblatt 6-10) behandelt Planungsdetails, typische Fehlerquellen, mögliche Ausführungsvarianten sowie Methoden zur baubegleitenden Qualitätskontrolle. Im Fokus stehen Anschlüsse an unebene Bestandsoberflächen, Durchdringungen durch Installationen und Balkenköpfe sowie materialgerechte Lösungen für bewegliche Bauteilfugen.
  • Teil 3 – Messung der Luftdichtheit (WTA-Merkblatt 6-11) beschreibt geeignete Verfahren zur Untersuchung der Luftdichtheitsebene von bestehenden und sanierten Gebäuden – einschließlich der Gebäudepräparation sowie optimaler Zeitpunkte für Kontrollen bzw. Messungen. Empfohlen wird ein mehrstufiges Vorgehen mit Messungen vor, während und nach der Sanierung.
  • Die WTA-Merkblätter können über den WTA-Webshop unter www.wta.de einzeln als PDF oder in gedruckter Fassung bezogen werden. WTA-Mitglieder erhalten die Merkblätter zu vergünstigten Konditionen. Darüber hinaus sind die Merkblätter über den Fraunhofer IRB Verlag sowie über technische Regelwerksdatenbanken wie das Baunormenlexikon erhältlich.

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