Springe zum Hauptinhalt Skip to main navigation Skip to site search
Schulen strategisch sanieren

Raus aus der Energiefalle

Undichte Fenster, schlecht gedämmte Fassaden, Heizungen aus den 1970er-Jahren, heruntergekommene Sanitärräume und marode Installationsleitungen – viele Schulen in Deutschland befinden sich in einem baulich, vor allem aber energetisch schlechten Zustand. Erhebungen der KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg zufolge haben im Jahr 2021 landesweit nur zehn Prozent der 9.700 ausgewerteten öffentlichen Gebäude den Zielwert für klimaneutrales Bauen in Höhe von 50 Kilowattstunden Wärmeverbrauch pro Quadratmeter und Jahr erreicht [1].

Der Bundesverband Software und Digitalisierung im Bauwesen schätzt den bundesweiten Investitionsrückstand an Schulen inzwischen auf rund 68 Milliarden Euro [2] (Abb. 1). Gleichzeitig steigt die Schülerzahl der Kultusministerkonferenz zufolge bis 2035 um rund 758.000 auf insgesamt 11,8 Millionen an [3]. Hinzu kommt der flächendeckende Ausbau von Ganztagsangeboten im Primarbereich, der ab dem Schuljahr 2026/27 rechtskräftig wird und zusätzliche Räume erfordert, um Schülerinnen und Schüler zu betreuen.

Komplexe Prozesse, knappe Budgets: Der Weg zu ­gesunden Lernorten

Der Zustand vieler Schulgebäude gefährdet nicht nur die Qualität von Lernen und Lehren, sondern vor allem die Gesundheit der Menschen, die sich täglich dort aufhalten: Unzureichend gedämmte Gebäudehüllen und mangelhafte Luftzirkulation begünstigen Schimmelbildung und führen zu hohen Schadstoffkonzentrationen in der Raumluft. Dadurch kommt esu Schleimhautreizungen und in der Folge zu Atemwegserkrankungen bei Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften.

Jährlich fallen infolgedessen rund 200.000 Fehltage in Schulen an. Während der Bund strukturell unterstützen kann, die Missstände zu beseitigen, liegt die Verantwortung für das Planen, Sanieren und Umsetzen bei den Ländern und Kommunen. Dort fehlt es an Personal, komplexe Genehmigungsprozesse verzögern Projekte und die Budgets sind generell knapp.

Abhilfe könnte das im März 2025 beschlossene, 500 Milliarden Euro schwere Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität der Bundesregierung schaffen [4]. 100 Milliarden Euro fließen an die Länder und Kommunen (Abb. 2). Noch ist offen, welcher Anteil konkret in Schulen landet. Sicher ist jedoch: Die öffentliche Hand hat die Chance, den Bildungsbau zu priorisieren, ihn mit Mitteln zusätzlich zu unterstützen und so der jungen Generation eine Zukunft zu bieten.

Energetische Defizite in Babyboomer-Schulen

Doch selbst wenn finanzielle Mittel verfügbar sind, bleibt die Umsetzung der Neubau- und Sanierungsfälle komplex. Der Sanierungsbedarf ist vor allem bei den Gebäuden aus den 1950er- bis 1970er-Jahren enorm [5]. Viele Kommunen errichteten damals in kurzer Zeit möglichst viel Raum und Fläche mit kostengünstigen, einfachen und funktionalen Konzepten (Abb. 3). Typisch sind etwa Stahlbeton-Skelettbauten mit Waschbetonfassaden.

Die Bauweise sparte Zeit und Geld, führt aber zu hohen Energieverlusten: Unsanierte Schulen erreichen häufig einen Nutzerwärmeverbrauch von bis zu 170 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr [6], während energetisch sanierte Schulen den Wert je nach Standard auf etwa 70 bis 120 Kilowattstunden senken können – je nach Anstrengung auch darunter. Alte Fenster gegen moderne Wärmeschutzfenster auszutauschen, senkt den Wärmeverlust über transparente Flächen zusätzlich auf etwa ein Viertel bis ein Drittel [7].

Innovative Finanzierungsmodelle für Kommunen

Pro saniertem Schulplatz müssen Kommunen aktuell Kosten von 34.000 bis über 77.000 Euro kalkulieren. Für den Neubau von Schulen fallen pro Quadratmeter genehmigter Hauptnutzfläche – je nach Schultyp – zwischen 4.800 und über 6.400 Euro an. Für eine neue Grundschule werden im Durchschnitt rund 30 Millionen Euro Gesamtkosten veranschlagt, mit steigender Tendenz aufgrund des Fachkräftemangels und steigender Baukosten. Die Preise variieren dabei je nach Standort: in größeren Städten liegen sie höher, auf dem Land eher niedriger.

Da die Kommunen die Kosten längst nicht mehr alleine stemmen können, rücken alternative Finanzierungs- und Fördermittelmodelle zunehmend in den Fokus. Um im Bürokratiedschungel herauszubekommen, wo es welche Fördermittel gibt, ist die Fachkenntnis der Energiemanager und Energieberater gefragt.

Neben klassischen Fördermitteln setzen einige Kommunen auf private Investoren und Public-Private-Partnership-Modelle, um die Sanierung und den Neubau von Schulen zu finanzieren. Private Kapitalgeber bringen dabei frische Mittel in Bildungsimmobilien ein, die dann von den Kommunen langfristig angemietet werden. Das öffnet neue Finanzierungsspielräume für überforderte Kommunalhaushalte, da die Investitionskosten über Mietverträge gestreckt werden können. Der Trend zu solchen alternativen Finanzierungsformen wird durch ein wachsendes Investoreninteresse und das Bedürfnis nach nachhaltiger, klimaneutraler Bauweise befeuert.

Multiprojektmanagement: Bauen im Verbund

Um den Sanierungsstau an deutschen Schulen aufzulösen, braucht es eine Art Sanierungsfahrplan, der kommunale Grenzen überschreitet. Er sollte eine strategische Liegenschaftsberatung enthalten, die Bildungsstandorte systematisch erfasst, ihren baulichen und funktionalen Zustand bewertet und daraus konkrete Prioritäten ableitet.

Wie das in der Praxis funktioniert, zeigt die Stadt Köln [8]. Bereits 2017 beauftragte die Domstadt das auf Bau, Immobilien und Infrastruktur spezialisierte Beratungsunternehmen Drees & Sommer damit, mehrere Schulen zu sanieren, zu erweitern und neu zu bauen. Bis 2023 hat das Team sieben Projekte erfolgreich und termingerecht abgeschlossen. Bei einem zweiten Maßnahmenpaket vergab die Stadt weitere Projekte an das Unternehmen. Für die insgesamt 22 Schulbauprojekte hat die Stadtverwaltung ein Multiprojektmanagement etabliert (Abb. 4). Alle Projekte werden dabei im Verbund gesteuert. Das ergibt Synergien und spart Zeit und Ressourcen.

Zu den Leistungen im Multiprojektmanagement gehört neben der unterstützenden Projektleitung und -Steuerung das BIM-Qualitätsmanagement. Building Information Modeling vernetzt alle relevanten Planungs- und Projektdaten eines Gebäudes in einem digitalen 3D-Modell. Dadurch arbeiten alle Beteiligten auf einer gemeinsamen Datenbasis, können Konflikte frühzeitig erkennen und Abläufe effizienter koordinieren. In Köln steuert ein interdisziplinäres Team von rund zwanzig Fachleuten das Projekt auf dieser Grundlage.

Eine weitere Besonderheit des Multiprojektmanagements liegt in der gebündelten Vergabe an General- und Totalunternehmer. Damit lassen sich aufwendige Einzelausschreibungen vermeiden. Die Umsetzung erfolgt aus einer Hand, was das Projekt beschleunigt. Standortübergreifende Vorteile entstehen auch durch Synergien zwischen den verschiedenen Teilprojekten. Hierbei bewährt es sich vor allem, Planungselemente weiterzuverwenden, Bauzeiten abzustimmen und Ressourcen gemeinsam zu nutzen. Dasselbe erfolgt innerhalb des Projektteams: Es gibt Expertinnen und Experten mit pädagogischem, soziologischem und baufachlichem Know-how. Dadurch lassen sich die Schulen nicht nur baulich fit machen, sondern die Anforderungen moderner Lernwelten bereits im Planungsprozess berücksichtigen.

Bayern baut schneller mit dem Gebäudetyp E

Ein vielversprechender Ansatz, um Schulbauprojekte zu beschleunigen, zeigt sich im Gebäudetyp E. Er liefert einen planerischen und rechtlichen Rahmen, der es erlaubt, von technischen Normen abzuweichen. E steht für einfach, effizient und experimentell und verfolgt das Ziel, Schulgebäude modular, flexibel und standardisiert zu planen. Durch ihn lassen sich Bauzeiten verkürzen, Kosten senken und gleichzeitig moderne, pädagogisch hochwertige Lernwelten schaffen. Die modulare Bauweise, auf die der Gebäudetyp E setzt, erlaubt es nicht nur, Gebäude schnell an wechselnde Schülerzahlen, sondern auch nachträglich Wärme- und Lüftungssysteme, Dämmung und nachhaltige Energieversorgung zu integrieren.

Vor allem die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen erschweren es bislang noch, den Gebäudetyp E bundesweit einzusetzen. Um ihn flächendeckend anzuwenden, erfordert es umfangreichere Abstimmungen in Normung und Gesetzgebung. Bayern hingegen hat diese Hürden früh adressiert. Im Sommer 2023 wandelte das Bayerische Bauministerium Artikel 63 der Bayerischen Bauordnung von einer Ermessens- in eine Sollvorschrift um. Behörden dürfen seither von bestehenden Normen abweichen. Das ermöglicht eine einfachere, kostengünstigere und ressourcenschonendere Bauweise, ohne die Sicherheit zu gefährden. In Mittelfranken und Oberbayern entstehen bereits erste Schulen nach dem Gebäudetyp E.

Mehr als Lippenbekenntnisse

Damit solche Vorhaben wie aktuell in Bayern oder Köln nicht nur auf dem Papier bestehen, braucht es politischen Rückhalt, klare Prioritäten und ein Budget, das gezielt statt mit der Gießkanne eingesetzt wird. Nur wenn Bund, Länder und Kommunen gemeinsam klare Prioritäten setzen, lassen sich die hohen Auflagen im Bildungsbau nachhaltig bewältigen. Studien belegen, dass die gesellschaftliche Rendite bei der Investition in Kitas mit sieben bis zehn Prozent am höchsten ist [9].

Es kann sich nur etwas wandeln, wenn alle – vom Staat bis hin zur Privatwirtschaft – an einem Strang ziehen. Nur so können komplexe Großprojekte schneller, kosteneffizienter und qualitativ hochwertiger umgesetzt werden. Will Deutschland als Wirtschaftsstandort aufholen, müssen Partnerschaften nicht nur zugelassen, sondern aktiv gefördert werden. Der Staat muss nicht alles selbst bauen. Aber er muss sicherstellen, dass gebaut wird.

Literatur und Quellen

[1] KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg: Nur rund zehn Prozent der Verwaltungsbauten, Schulen und Kindergärten im Land erreichen beim Wärmeverbrauch den Zielwert, https://t1p.de/GEB260321

[2] Erheblicher Investitionsstau im Schulbau – BVBS Bundesverband Software und Digitalisierung im Bauwesen, https://t1p.de/GEB260320

[3] Kultusministerkonferenz, Aktuelle Vorausberechnung: Schülerzahlen steigen voraussichtlich um 758.000 bis 2035, Artikel vom 15.11.2024, https://t1p.de/GEB260322

[4] Presse- und Informationsamt der Bundesregierung: Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität – Investitionsoffensive für das ganze Land, https://t1p.de/GEB260323

[5] DU Umweltdialog, Dringlichkeit bei Sanierung von Schulen angemahnt, Artikel vom 22.12.2023, https://t1p.de/GEB260324

[6] Deutsche Energie-Agentur (Hrsg.): Zielparameter für klimaneutrale Nichtwohngebäude im Bestand, 2023, https://t1p.de/GEB260325

[7] Schimpf, Axel, Deutsche Sanierungsberatung: Alte Fenster tauschen: Kosten, Förderung & Einsparpotenzial, Februar 2026, https://t1p.de/GEB260326

[8] Drees & Sommer, Presseinformation 19.10.2023, Köln macht Schule: Drees & Sommer unterstützt Stadt bei Schulbauprojekten, https://t1p.de/GEB260327

[9] Positionspapier des Didacta Verbandes zum Sondervermögen des Bundes „Infrastruktur und Klimaneutralität“: „Wer Bildung ernst meint, spielt Kitas und Hochschulen nicht gegeneinander aus!“, https://t1p.de/GEB260328

Thomas Köhler
ist seit 2025 als Manager und Head of Education Science Research bei Drees & Sommer tätig und treibt dort Projekte im Bildungsbau voran. Zuvor arbeitete er als Leading Consultant im Unternehmen. Seine berufliche Laufbahn begann am Institut für Textiltechnik (ITA) der RWTH Aachen University, wo er über knapp acht Jahre hinweg als Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Gruppenleiter und später als Programmmanager tätig war.

Bild: Drees & Sommer

Jetzt weiterlesen und profitieren.

Mit unserer Future Watt Firmenlizenz top informiert und immer auf dem neuesten Wissenstand in ihrem Fachgebiet.

+ Unbegrenzter Zugang zu allen Future Watt Inhalten
+ Vergünstigte Webinarteilnahme
+ E-Paper Ausgaben
+ Sonderhefte zu speziellen Themen
+ uvm.

Wir haben die passende Lizenz für Ihre Unternehmensgröße!

Mehr erfahren