Während man sich in Berlin und anderswo in unserer Republik die Köpfe heiß redet, wie sich die Bauwerkskosten spürbar reduzieren lassen, um den Wohnungsbau anzukurbeln, haben das Architekturbüro f5+ gemeinsam mit einer aufgeschlossenen Baugruppe in Kassel Nägel mit Köpfen gemacht: Gerade mal 2.700 Euro (brutto!) pro Quadratmeter Wohnfläche haben ausgereicht, um ein fünfgeschossiges Mehrfamilienwohnhaus in eine 13 Meter schmale Baulücke zu platzieren, dessen fünf Wohneinheiten je nach den Bedürfnissen der Mieter in bis zu neun Wohnbereiche aufgeteilt werden können – von der familientauglichen Großwohnung über Partner-/Singleappartements bis zur Wohngemeinschaft oder Clusterlösung.
Dem nicht genug, erfüllt der urbane Holzbau jedwede Ansprüche an das ökologische und ressourcenschonende Bauen. Dazu hat man sich nicht mit der Wahl entsprechend zertifizierter Baustoffe und Bauprodukte begnügt, sondern ging gemeinsam auf die Suche nach wiederverwertbaren Klinkersteinen, Betonplatten, Fenstern, Türen, Fassadenbekleidungen, Geländern, Fliesen, Sanitärobjekten, Heizkörpern und vielem mehr. Heraus kam – wie vorschnelle Kritiker nun vielleicht schon unken – keine bunt zusammengewürfelte Hausbaracke, sondern ein gleich mehrfach ausgezeichnetes und flexibel bewohnbares Suffizienzhaus, dessen Architektur das klassische Designprinzip „form follows function“ ganz pragmatisch umdeutet in „form follows foundings“. Was ganz eindeutig der gestalterischen Grundidee einer klaren Gebäude- und Fassadenstruktur geschuldet ist, die verwertbare gebrauchte Materialien und Bauteile ohne Gesichtsverlust zu integrieren versteht.
Reallabor für gelebte Suffizienz
Man kann das Suffizienzhaus U10 in Kassel auch als eine Art „Reallabor“ verstehen, das die Chance bietet, im Rahmen von Hochschulprojekten die Möglichkeiten und Grenzen auszuloten, wie sich Bauteile im Detail und in der Praxis wiederverwenden lassen und das Ergebnis durch eine Bilanzierung zu evaluieren und zu bewerten.
Das Pilotprojekt in Kassel soll aber nicht nur aufzeigen, wie unter heutigen Bedingungen ökologisch und ressourcenschonend gebaut werden kann, sondern dass sich unter dieser Prämisse auch kostengünstiger Wohnraum schaffen lässt. Darüber hinaus geht es um Spielräume für gemeinschaftliche Wohnformen, die zugleich im Sinne der Suffizienz ein angemessenes Maß in Bezug auf das Angebot an Wohnflächen, technischer Ausstattung und Komfort bieten.
Flächeneffizienz spart Kosten
Einfaches und kostengünstiges Bauen kann dann gelingen, wenn – ausgehend von den gesetzlichen Mindeststandards – der Aufwand, ein Haus zu bauen, minimiert wird. Ansätze hierfür gibt es zuhauf: Sei es, das beheizte Volumen des Gebäudes durch ein außerhalb der thermischen Gebäudehülle liegendes Treppenhaus zu verringern oder durch den Verzicht auf ein Kellergeschoss, was gerade in einer schmalen Baulücke mehr als einen Bagger und eine Betonschalung bedarf – und sich entsprechend in den Kosten niederschlägt. Bei dem U10 finden sich unbeheizte Räume für gemeinschaftliche Nutzungen wie Waschküche und Trockenboden auf dem Flachdach.
Große Schränke für jede Wohneinheit im offenen und für jedermann zugänglichen Teil des Erdgeschosses ermöglichen es auch den Bewohnern der oberen Etagen, unweit des Gartenhofes Spielsachen und andere Utensilien „fürs Grüne“ aufzubewahren. Der offene Durchgang bietet zudem genug Platz für Fahrräder, Tretroller, Bobbycars und eine gemeinschaftliche Werkstatt.
Die klar strukturierten Grundrisse ermöglichen die flexible Aufteilung der Etagen in mehrere Wohnbereiche. Ein zentraler Erschließungsstrang versorgt pro Etage zwei Bäder und zwei Küchen; Verzüge und Leitungskreuzungen werden konsequent vermieden. Weil in jeder Wohnung Querlüftung möglich ist, bedarf es auch keiner Lüftungsanlage.
Da die gemeinschaftlich nutzbaren Bereiche wie Abstellräume, Waschmaschinen, Trockenboden und Nebenraum auf die Dachterrasse „ausgelagert“ sind, reduziert sich der Platzbedarf in den privaten Wohnbereichen entsprechend. Während zuletzt in Deutschland die durchschnittliche Wohnfläche pro Person bei rund 50 m² lag, kommen die Bewohnern des U10 – dank gemeinschaftlich nutzbarer Bereiche außerhalb ihrer Wohnung – auf einen Schnitt von 32 m², was sich mehr in günstigeren Mietkosten als in Einschränkungen beim Platz niederschlägt. Steht doch mal ein größerer Anlass oder eine Feier mit Freunden und Verwandten ins Haus, bieten der Garten oder die große Dachterrasse mit Rundumblick über die Stadt ohnehin die attraktivere Location. Zumal hier noch einige der vorgesehenen Ausbauoptionen für die Mieter (Sauna, Gewächshaus, überdachter Sitzplatz) brach liegen.
Formel r³: reduce – reuse – recycle
Die gesamte Konstruktion besteht aus ressourcenschonenden und weitgehend nachwachsenden Materialien, deren Herstellung mit möglichst geringen CO2-Emissionen verbunden ist. Nur die Sohle und das Erdgeschoss sind betoniert, ab der ersten Etage setzen sich die Wände, Decken und das Dach aus Massivholzelementen zusammen. Nichttragende Innenwände wurden in Holzständerbauweise mit Holzfaserdämmung ausgeführt, das Dach mit Holzweichfaser gedämmt; die Bodenbeläge in den Wohnungen sind aus Massivholz. Auf Verklebungen wurde zugunsten von wieder lösbaren Schraubverbindungen verzichtet, wo immer das möglich war. Die verwendeten Materialien sind also weitestgehend rückbaubar und recyclingfähig.
Der umgesetzte KfW55-Standard lässt neben minimierten CO2-Emissionen auch einen geringen Heizwärmeverbrauch erwarten. Solarthermie, vorinstallierte Plätze für Mieter-Balkonkraftwerke auf dem Dach und eine Regenwasseranlage reduzieren zusätzlich den Ressourcenverbrauch für Heizwärme, Stromerzeugung und Wasser.
Wiederverwertung von Bauteilen spart CO₂-Emissionen
Erste Ergebnisse einer Auswertung an der Fachhochschule Erfurt zeigen eine Einsparung von rund 92 Tonnen CO2-Äquivalente gegenüber einer konventionellen Ausführung. Zusätzlich sparen die wiederverwendeten Bauteile weitere 31 Tonnen CO2-Äquivalente ein.
Besonders markant wirkt sich jedoch die Verwendung gebrauchter oder fehlproduzierter Bauteile und Baustoffe auf die Ressourcen- und CO2-Reduktion aus:
Bauteil-Puzzle: Suchen, Finden, Anpassen, Einbauen
Alle diese Bauteile zu suchen, zu finden, sie abzuholen und zu lagern, wäre ohne die engagierte Bauherrschaft nicht zu stemmen gewesen oder aber die Puzzelei hätte sich spürbar aufs Budget ausgewirkt. Anders als in Städten wie Basel oder Berlin gibt es in Kassel erst seit Mitte 2025 eine Bauteilbörse.
Die Fassaden bestehen zu annähernd hundert Prozent aus Nicht-Neuware: Naturschiefer und Wellblech waren bereits verbaut, der Klinker ist gereinigtes Abbruchmaterial der Nachbarbaustelle.
Die Faserzementplatten sind Ausschussware mit optischen Fehlern, die der Hersteller zur Verfügung gestellt hat. Die Umsetzung des daraus entwickelten Fassadenentwurfs gelang in Kooperation mit der Fachhochschule Erfurt, die im Rahmen eines Reallabors projektspezifisch digitale Werkzeuge für die Variantenentwicklung bis hin zu Schnittplanerstellung erstellt hat.
Die Hälfte der Holzfenster konnten über einen Hersteller bezogen werden, dessen Projekt nicht realisiert wurde – was sie vor dem Downcycling bewahrt hat. Die Elemente wurden mit Oberlichtern ergänzt und so schließlich doch noch eingebaut. In Kombination mit neuen Fenstern wird die energetische Anforderung an die Gebäudehülle erfüllt.
Am Beispiel der Fenster zeigt sich sehr gut, wie sich die Wiederverwendung von Bauteilen auf die Planung auswirkt: In so einem Fall muss die Planung um das gefundene Bauteil herum und iterativ erfolgen, nicht wie sonst üblich, linear. Dem entsprechend wurden bei der Tragwerksplanung zunächst maximale Fensteröffnungen als Platzhalter vorgesehen. Zeitdruck gab es trotzdem, denn rechtzeitig bevor es im Werk an die Vorfertigung der Massivholzwände ging, musste das „geerntete“ Bauteil und damit die finale Öffnungsgröße feststehen.
Sämtliche Stahl-Balkongeländer wurden gebraucht erstanden und geringfügig maßlich angepasst. Ebenso die massiven Stahl-Eingangstore, die dann sandgestrahlt und neu lackiert wurden. Gehweg- und Betonplatten konnten direkt recycelt werden.
Die gebrauchten Sanitärobjekte, Heizkörper und Innentüren gingen nach sorgfältiger Reinigung direkt in den Innenausbau. Die aus Abbruch und kleineren Restbeständen erstandenen Fliesen, in Format und Farbe ganz unterschiedlich, waren ohne Aufwand zu verarbeiten und konnten collagenartig zu zeitgemäß designten Bädern kombiniert werden.
Der Umgang mit so viel unterschiedlichen, wiederverwendeten Bauteilen erfordert zwingend ein vertrauenvolles und kooperatives Verhältnis zwischen Bauherrschaft und ausführenden Firmen. Da die Firmen für den Einbau gebrauchter Bauteile nicht in Haftung genommen werden können und Leistungsbeschreibungen in vielen Fällen nur bedingt möglich waren, sind manche Arbeiten von Bauteams auf Stundennachweis ausgeführt worden. Die frühzeitige und partnerschaftliche Einbindung der Bauteams in den Planungsprozess war in dem Zusammenhang ein entscheidender Punkt, um einerseits die vorgesehenen Baukosten einzuhalten und andererseits eine hohe handwerkliche Qualität bei der Ausführung zu erhalten.
Gemeinschaftliches Wohnen
Der Bedarf an gemeinschaftlich genutztem Wohnraum wächst: Das Vermischen der Generationen innerhalb eines Hauses, die unmittelbare Nachbarschaft verschiedener Haushalte – Familien, Paare, Singles – und die gemeinsame Teilhabe fördert den sozialen Kontakt, wirkt dem vereinsamenden Rückzug in die eigenen vier Wänden entgegen, sorgt aber auch durch das gemeinsame Nutzen von Räumen für höhere Suffizienz in der Wohnflächennutzung ohne nachteiligen Verzicht.
Gemeinschaftlich ein Haus zu bauen, bedeutet jedoch auch eine große finanzielle, emotionale und zeitliche Herausforderung für Wohnprojekte. Die Baugruppe U10 hat sich daher zum Ziel gesetzt, das gesamte Haus an eine Gruppe von Menschen zu vermieten, die hier zusammen wohnen wollen. Alle Bewohnerinnen und Bewohner bilden eine Hausgemeinschaft, die die gemeinschaftlich genutzten Flächen, Räume und Ausstattungsgegenstände eigenverantwortlich organisiert und verwaltet. Hausmeistertätigkeiten, Gebäudereinigung und Gartenpflege übernimmt die Bewohnerschaft, was die Miet-Nebenkosten reduziert und die Identifikation mit dem Haus stärkt. Zieht eine Partei aus, hat die Gruppe ein Vorschlagsrecht für neue Mitbewohner. Die Wohnungen beziehungsweise die Grundrisse lassen sich dann individuell anpassen.
Bild: foundation 5+ architekten
Bild: foundation 5+ architekten
Bild: foundation 5+ architekten
Bild: Constantin Meyer, Köln
Bild: © Constantin Meyer, Köln
Bild: Constantin Meyer, Köln
Bild: Constantin Meyer, Köln
Bild: foundation 5+ architekten
Bild: foundation 5+ architekten
Bild: foundation 5+ architekten / Constantin Meyer
Bild: foundation 5+ architekten / Constantin Meyer
Bautafel
Projekt: Neubau eines fünfgeschossigen Mehrfamilienhauses in Stb.-/Holzbauweise
Standort: Uhlandstraße 10, 34119 Kassel
Bauherr: private Baugruppe U10, Kassel
Architektur + Freiraum: Foundation 5+ Architekten, 34119 Kassel, www.foundation-kassel.de
Bauteilsuche und -ernte: Mario Hoebel, Lisa-Marie Schmidt, Matthias Foitzik, Frieder Schmidt, Stefanie Kleppek
wissenschaftliche Begleitung LCA: Prof. Philipp Krebs, FH Erfurt, 99089 Erfurt
Statik: IB Karin Haberstroh, 34117 Kassel
TGA: IB Maestre, 34128 Kassel, www.maestre.de
Bauphysik: RBS Ingenieure PartG mbB, 34125 Kassel, www.rbs-ingenieure.de
Brandschutz: Dr. Ing. René Stein, 06722 Droyßig
Fotografie: Constantin Meyer, 50829 Köln, www.constantin-meyer.de
Bauzeit: 08/2023 – 09/2024
Wohnfläche: 611 m²
Umfang: 5 Wohneinheiten (aufteilbar in 9 Wohnbereiche als Clusterwohnungen)
BGF (Regelfall + Sonderfall): 995 qm
Baukosten KG 300+400: 1.654.000 Euro (brutto)
CO₂-Einsparung: 124 t CO₂-Äquivalent gegenüber konventioneller Bauweise
Mietmodell: Einzelmietverträge, selbstorganisierte Hausgemeinschaft
Energiekennwerte
Jahres-Primärenergiebedarf: 17,3 kWh/m²
Endenergiebedarf: 43,0 kWh/(m²a)
U-Werte:
• Decke gegen unbeheizten Bereich (EG): 0,19 W/m²K
• Außenwände zum Nachbargebäude: 0,47 bis 0,53 W/m²K
• Außenwände gegen Unbeheizt: 0,21 bis 0,23 W/m²K
• EG-Außenwand Süd: 0,23 W/m²K
• Flachdach: 0,15 W/m²K
• Bodenplatte / Sohle: 0,28 W/m²K
• Fensterelemente neu: UW 0,95 W/m²K
oder besser
• Fensterelemente Re-Use: UW 1,1 W/m²K
• Türen neu: UW 1,1 W/m²K
Lüftungswärmeverluste: n = 0,60 h-1 / 298,86 W/K
wärmeübertragende Umfassungsfläche A: 650,5 m²
Gebäudenutzfläche AN: 586 m²
beheiztes Gebäudevolumen Ve: 1.831,3 m³
Verhältnis A/Ve: 0,36-1
Transmissionswärmeverlust H’T: 0,37 W/(m²K)
Anlagenaufwandszahl ep: 0,39
Anlagentechnik
regenerativ erzeugte Nah-/Fernwärme, Vor-/Rücklauf 55/45 °C,
zentrale Warmwasserbereitung, indirekt beheizter Speicher (520 l)
Auszeichnungen
GEB Dossier
Grundlegende Informationen zum -Thema -finden Sie auch in unserem Dossier Gebäude-konzepte mit -Beiträgen und News aus dem GEB:
www.geb-info.de/gebaeudekonzepte