Springe zum Hauptinhalt Skip to main navigation Skip to site search
Brandsicherheit von PV-Anlagen auf Flachdächern

Brandschutz im Paket

Mit der EU-Solarpflicht müssen ab 2026 neue gewerbliche und öffentliche Gebäude, ab 2027 sanierte Bestandsgebäude und spätestens 2029 neue Wohngebäude mit Photovoltaikanlagen ausgestattet werden. In Deutschland haben einzelne Bundesländer schon seit geraumer Zeit weitreichende Vorgaben erlassen. Besonders Flachdächer bieten sich aufgrund ihrer Statik und guten Zugänglichkeit für die Installation von PV-Anlagen an. Zugleich gelten Ausnahmen, etwa bei technischer oder wirtschaftlicher Unzumutbarkeit oder bei flächenmäßig unzureichenden Dachflächen. Für Planende bedeutet dies: Die jeweiligen Landesregelungen sind diesbezüglich vor Baubeginn sorgfältig zu prüfen.

PV-Anlagen: Bauprodukt? Nein – und das hat Folgen!

PV-Anlagen sind bauordnungsrechtlich keine Bauprodukte, weshalb ihre CE-Kennzeichnung auf der Niederspannungsrichtlinie basiert, nicht auf der Bauprodukteverordnung. Die dabei geprüften Eigenschaften berücksichtigen den späteren Einbauort nicht, weshalb Dachaufbau und PV-Anlage brandschutztechnisch derzeit noch getrennt bewertet werden. Während Flachdächer als „harte Bedachung“ [1] eingestuft werden müssen, existiert bisher kein europäisches Prüfverfahren, das das Zusammenspiel aus PV-Modul, Unterkonstruktion und Dach bewertet. Für Energieberater entsteht eine Lücke, die in der Praxis zunehmend relevant wird.

Wo PV-Brände tatsächlich entstehen: Risiken aus Installation und Betrieb

Trotz intensiver Debatten um brennbare Dachkomponenten entstehen Brände an Dächern mit PV-Anlagen überwiegend durch elektrische Defekte: beschädigte Kabel, unzureichend befestigte Steckverbindungen oder überhitzende Wechselrichter. Zusätzlich können Wind- und Schneelasten zu mechanischen Schäden führen. Versicherer empfehlen deshalb eine qualitätsgesicherte Planung, zertifizierte Komponenten, regelmäßige Wartung und thermografische Überprüfungen. Für einen wirksamen Brandschutz ist daher immer das gesamte PV-Anlagen-System aus Planung, Ausführung und Betrieb zu betrachten.

VdS 6023: Leitlinie mit Fokus auf Baumaterialien

Gerade weil Brandereignisse häufig auf elektrische Fehler zurückzuführen sind, richtet sich der Blick der Versicherer zunehmend auf zusätzliche Risiken, die sich aus dem Zusammenspiel von PV-Anlage und Dachkonstruktion ergeben. Vor diesem Hintergrund entstand die Publikation VdS 6023 [2], eine im Jahr 2023 veröffentlichte Empfehlung des Gesamtverbandes der Versicherer (GDV). Sie sollte unter anderem Orientierung für PV-Anlagen auf Flachdächern mit brennbaren Baustoffen geben, jedoch konnten bautechnische Aspekte nur begrenzt berücksichtigt werden.

Obwohl Brandfälle mit großem Schaden im Promillebereich liegen [3], identifizierten Versicherer zwei Hauptszenarien: die Brandausbreitung auf dem Dach sowie den Brandeintritt in das Gebäude. Denn wenn ein Brand den Dachaufbau durchdringt, können Feuer, Rauch und Löschwasser die Produktions- oder Lagerbereiche schädigen. Folgen sind Betriebsunterbrechungen, umfassende Sanierungen und hohe Folgekosten.

Die GdV-Empfehlung 6023 listet Dachaufbauten auf, die als brandschutztechnisch akzeptabel gelten – etwa Gründächer mit ausreichend dicker Substratschicht, Kiesschichten ab fünf Zetimetern oder Stahlbetondächer –, blieb jedoch in ihrer Bewertungstiefe hinter baupraktischen Anforderungen zurück.

Brandverhalten: Wie belastbar sind die Empfehlungen der Versicherer?

Die Zurückhaltung der Versicherer gegenüber brennbaren Dämmstoffen – insbesondere in Kombination mit Bitumenabdichtungen – veranlasste mehrere Industrieverbände, die Aussagen der ursprünglichen VdS 6023 durch eigene Brandversuche zu überprüfen. Getestet wurden PIR-, EPS- und Mineralwolle-Dämmungen unter PVC-Abdichtungen, teilweise angelehnt an Prüfverfahren für PV-Module, um realitätsnahe thermische Belastungen abzubilden. Das Ergebnis war eindeutig: Die pauschale Einstufung, wonach brennbare Dämmstoffe als besonders kritisch gelten, ließ sich empirisch nicht bestätigen.

Warum der Blick allein auf die Dämmung nicht ausreicht

Nach Einschätzung des Industrieverbandes Hartschaum (IVH) ist es irreführend, die Dämmung als zentralen Treiber einer möglichen Brandausbreitung zu betrachten. Das Brandverhalten eines Flachdaches wird vor allem durch den Schichtenaufbau oberhalb der Dämmung – insbesondere durch Abdichtungsbahnen sowie Trenn- und Schutzlagen – bestimmt. Die oft geforderte Substitution brennbarer Dämmschichten durch nicht brennbare Dämmstoffe erhöht daher nicht zwangsläufig die Sicherheit und kann unter Umständen andere, beispielsweise bauphysikalische und statische Probleme mit sich bringen. Entscheidend ist daher das Gesamtsystem Dach, nicht die isolierte Betrachtung einzelner Materialien.

Brandversuche zu EPS-Dächern: Bewährte Systeme im Praxis­test

Flachdächer mit EPS-Platten zu dämmen, ist seit Jahrzehnten etabliert. Um zu untersuchen, welchen Einfluss PV-Anlagen auf den Brandschutz solcher Dächer haben, ließ der IVH großmaßstäbliche Brandversuche durchführen. Bereits klassische Aufbauten mit EPS auf Betondächern zeigten: Ein nicht brennbares Glasvlies unter PVC-Abdichtungen – Teil des Standarddachaufbaus, um die Weichmacherwanderung aus der PVC-Bahn in EPS zu verhindern – verringert die Ausbreitung eines Brandes über die PV-Module hinaus deutlich. Eine doppellagige Verlegung des Glasvlieses erhöht diesen Schutzeffekt zusätzlich und reduziert die Brandausbreitung noch zuverlässiger [4].

Neue Schutzlage im Test: zementgebundene Spanplatte

Besonders überzeugt hat aber ein anderes, ganz neues Konstruktionsprinzip: eine zementgebundene Spanplatte oder eine Faserzementplatte als nicht brennbare Schutzlage direkt unter der Abdichtung. Bisher wurden in Deutschland zementgebundene Platten zur Lastverteilung bei mineralischen Dämmstoffen verwendet, um den zusätzlichen Belastungen aus der PV-Anlage, ihrer Montage sowie regelmäßigen Inspektions- und Wartungsbegehungen gerecht zu werden.

Die vom IVH veranlassten Brandversuche erfolgten in Anlehnung an das europäische Verfahren CLC/TR 50670 [5]. Begleitet wurden die Praxistests von Kiwa BDA Testing & Certification, einem ausgewiesenen niederländischen Prüf- und Forschungsinstitut für Dächer und Gebäudehüllen. Außerdem stand der Versuch unter der Beobachtung des Danish Institute of Fire and Security Technology. Bei den Brandversuchen beflammt ein 15-Kilowatt-Gasbrenner zehn Minuten lang die Dachhaut und die PV-Module. Beobachtet wird, ob und wie sich das Feuer über eine sieben mal sieben Meter große Prüffläche ausbreitet.

Die nicht brennbaren Schutzlagen aus zementgebundener Spanplatte oder einer Faserzementplatte wurden jeweils direkt oberhalb der Dämmschichten angeordnet [6]. Anhand der ­Messungen war erkennbar, dass die Platte die eingetragene Wärme effektiv aufnahm und verteilte: Auf der EPS-Ober­fläche lagen die Temperaturen während der gesamten Tests lediglich zwischen 40 und 80 Grad Celsius.

Der schützende Effekt der aufgelegten Werkstoffplatten war eindeutig:

  • es entstand kein Durchbrand in die Dachkonstruktion,
  • die Brandausbreitung blieb minimal, oft begrenzt auf die Fläche eines PV-Moduls,
  • der gesamte Aufbau zeigte ein selbstverlöschendes Brandverhalten.
  • Damit bestätigt sich, dass auch eine längere Brandexposition bei diesem Aufbau keine gefährliche Ausbreitung zur Folge hat.

    Vergleichstest mit nicht brennbarer Dämmung zeigt überraschendes Ergebnis

    Häufig empfohlen werden von den Versicherern Aufbauten mit nicht brennbaren Dämmstoffen. In den Praxisversuchen zeigte sich jedoch ein gegenteiliges Verhalten: Im Standard-
    aufbau führte die fehlende Wärmeableitung durch die zementgebundene Spanplatte zu einem Hitzestau, der die Brandintensität verstärkte. Der Versuch ohne schützende Platte musste als Vollbrand aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden – ein Hinweis darauf, dass nicht brennbare Dämmstoffe allein keinen Brandschutz garantieren [7].

    Fazit: Brandschutz braucht Systemdenken – nicht Betrachtungen einzelner Baustoffe

    Die Solarpflicht wird den PV-Ausbau deutlich beschleunigen, besonders auf Flachdächern. Damit steigen die Anforderungen an Planung und brandschutztechnische Bewertung. Die Analysen zeigen: Weder Dämmstoff-Brandklasse noch Einzelkomponenten entscheiden über die Sicherheit – sondern der gesamte Dachaufbau und seine Schutzlagen.

    Moderne Flachdachaufbauten bestehen aus brennbaren oder nicht brennbaren Dämmstoffen und brennbaren Abdichtungen mit zusätzlichen nicht brennbaren Schutzschichten. Sie können selbst bei intensiver thermischer Belastung ein hohes Sicherheitsniveau bieten. Gleichzeitig müssen Prüf- und Regelwerke weiterentwickelt werden, um das reale Zusammenspiel von PV-Anlage und Dachkonstruktion abzubilden. Für Gebäudeenergieberater bedeutet das: Mehr denn je ist ein ganzheitlicher Blick gefragt – technisch, normativ und wirtschaftlich.

    Literatur und Quellen

    [1] DIN 4102-7 – „Brandverhalten von Baustoffen und Bauteilen – Teil 7: Bedachungen; Begriffe, Anforderungen und Prüfungen“

    [2] „Photovoltaik-Anlagen auf Dachflächen mit brennbaren Baustoffen“, Publikation der Deutschen Versicherer zur Schadenverhütung, GDV, 2023. 

    Die VdS 6023, unter dem neuen Arbeitstitel „Photovoltaik-Anlagen auf Dächern – Möglichkeiten zur Minimierung eines Brandrisikos“ befindet sich in der Überarbeitung (Konsultationsverfahren bis 31.12.2025), nachdem umfangreiche Kritik und neue Prüfergebnisse eingebracht wurden.

    [3] Aktuelle Fakten zur Photovoltaik in Deutschland, Harry Wirth, Fraunhofer ISE, Download von www.pv-fakten.de, Fassung vom 1.3.2023

    [4] Hameete, A.R.; Haanappel, N.W.J.: Test report 24L0474/2 REV 02; Large-scale fire test on a flat roof system with EPS insulation and a glass-fleece fire barrier; KIWA Assurance B.V. KIWA BDA Testing; 2025

    [5] Das europäische Verfahren CLC/TR 50670 ist kein Gesetz, sondern ein technischer Prüfbericht (Technical Report) des europäischen Normierungsgremiums CENELEC. CLC/TR 50670 beschreibt Brandprüfverfahren für PV-Systeme auf Dächern, insbesondere dafür, wie sich eine lokale Brandquelle – zum Beispiel ein technischer Defekt an einem PV-Modul – auf den Dachaufbau auswirkt.

    [6] Hameete, A.R.; Haanappel, N.W.J.: Test report 25L0271/2; Large-scale fire test on a flat roof system with EPS isolation and a cement-board fire barrier, with a PVC roof waterproofing sheet; KIWA Assurance B.V. KIWA BDA Testing; 2025

    [7] Hameete, A.R.; Haanappel, N.W.J.: Test report 25L0271/1; Large-scale fire test on a flat roof system with mineral wool insulation and a PVC roof waterproofing sheet; KIWA Assurance B.V. KIWA BDA Testing; 2025

    Ulrich Meier
    ist Diplom-Bauingenieur und war lange in der Holzbauplanung tätig. Inzwischen ist er Geschäftsführer Technik beim Industrieverband Hartschaum (IVH), wo er für die Bereiche Normen und Standards, technische Eigenschaften und Brandtests zuständig ist. Im Rahmen dessen entwickeln und prüfen er und das IVH-Projektteam Anwendungsbereiche von EPS-Dämmstoffen. Vor seiner Zeit beim IVH hat er Gebäudeenergieberater im Handwerk ausgebildet.

    Bild: IVH

    Jetzt weiterlesen und profitieren.

    Mit unserer Future Watt Firmenlizenz top informiert und immer auf dem neuesten Wissenstand in ihrem Fachgebiet.

    + Unbegrenzter Zugang zu allen Future Watt Inhalten
    + Vergünstigte Webinarteilnahme
    + E-Paper Ausgaben
    + Sonderhefte zu speziellen Themen
    + uvm.

    Wir haben die passende Lizenz für Ihre Unternehmensgröße!

    Mehr erfahren