Der Begriff der Nachhaltigkeit“, der früher noch zu Allgemeinplätzen einlud, füllt sich allmählich mit Inhalt. Mit Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie in deutsches Recht wird die Bilanzierung der Treibhausgasemissionen eines Gebäudes auf die Herstellungsphase und die Rückbauphase ausgedehnt. Doch schon länger muss ganzheitlich auf die Umweltwirkungen seines Neubau-, Umbau- oder Modernisierungsprojektes achten, wer es fördern lassen will und daher das Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG) anstrebt.
Im Rahmen einer Nachhaltigkeitsplanung gilt es, mittels Life Cycle Assessment (LCA) die komplette Lebenszyklusbilanz eines Projektes oder Vorhabens über alle Phasen hinweg darzustellen: von der Herstellung und Errichtung (Modul A) über die Nutzung (Modul B) und die Entsorgung (Modul C) bis zum möglichen Recycling oder zur Wiederverwendung der Materialien (Modul D).
Große Unterschiede beim globalen Treibhauspotenzial
Eine besondere Bedeutung hat in diesem Zusammenhang das globale Erwärmungspotenzial beziehungsweise Treibhausgaspotenzial oder GWP (Global Warming Potential). Es steht für die Emissionen an Treibhausgasen, für die ein Gebäude, ein Bauteil, ein Baustoff verantwortlich ist, wobei man alle Lebensphasen zusammenrechnen oder einzelne herausgreifen kann. Angegeben wird das GWP in Kilogramm oder Tonnen CO2-Äquivalenten (kg oder t CO2eq), da es ja neben Kohlendioxid noch andere im Laufe der Prozesse ausgestoßene Treibhausgase gibt, Methan beispielsweise. Sie werden in CO2 umgerechnet.
Das Gebäudeforum Klimaneutral liefert für die wichtigsten Baustoffgruppen Zahlen für 2020: Für Beton waren es 30 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, für Stahl vier Millionen Tonnen, für Boden- und Wandbeläge 3,4 Millionen Tonnen und für Mauer- und Dachziegel ebenfalls 3,4 Millionen Tonnen. Dämmstoffe brachten es zusammen auf fünf Millionen Tonnen CO2-Äquivalente – sie sparen allerdings ihre Emissionen in ihrer Lebenszeit spielend wieder ein, oft mehrfach.
Wer aber neu baut – und mehr noch wer modernisiert und daher an die Gebäudehülle geht – darf dazu Fenster und Türen nicht vergessen. In diesem Bereich wurden nur für 2019 Gesamtzahlen von 10,8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten genannt. Dabei entfielen fast fünf Millionen Tonnen auf das Glas und 4,4 Millionen auf die Fensterrahmen [1].
Zentrale Anlaufstelle Ökobaudat
Zur Beurteilung der einzelnen Baustoffe und Bauteile im Rahmen eines LCA steht in Deutschland die Datenbank Ökobaudat vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) zur Verfügung. Die dort zu findenden Zahlen und Informationen stammen von Herstellern und Verbänden. Der Verband Fenster + Fassade (VFF) nennt für das totale globale Erwärmungspotenzial (GWP-total) der vier wichtigsten Fenster-Rahmenmaterialien die folgenden Werte (in Kilogramm CO2-Äquivalente pro Quadratmeter Fensterfläche):
Die Angaben beziehen sich auf das GWP der ersten drei Teile des Moduls A aus der Tabelle in Abb. 2: die Rohstoffbereitstellung (A1), den Transport (A2) und die Baustoffherstellung (A3).
Profilrahmen aus bis zu 100 Prozent Rezyklat
Dass Holz als nachwachsender Rohstoff in der Herstellungsphase vorne liegt, überrascht nicht weiter. Was aber ebenfalls berücksichtigt werden muss, ist das Wiederverwendungs- beziehungsweise Rückgewinnungs- beziehungsweise Recyclingpotenzial der Komponenten oder Materialien in den Modulen B bis D des Lebenszyklus.
„Aluminium ist unkompliziert wiederzuverwerten, Alt-Aluminium kann unbegrenzt und ohne Qualitätseinbußen wieder zur Herstellung neuer Profile dienen“, erklärt VFF-Geschäftsführer Frank Lange im Gespräch mit der GEB-Redaktion. Bei PVC könne das Rahmenmaterial auch mehrfach in Form von Rezyklat aufbereitet werden. Um die systematische Sammlung der Altfenster und Wiedereingliederung der so gewonnenen Rohstoffe in die Fertigung kümmern sich seit längerem eigene Branchenorganisationen.
Hersteller von PVC- und Aluminiumfenstern heben hervor, dass sie Profile mit einem Recyclatanteil von bis zu 100 Prozent anbieten können, was das GWP der Fenster in der Bilanz stark senken kann. Alte Holzprofile werden dagegen in der Regel verbrannt, einer der Gründe sind die verwendeten Beschichtungen. Flachglasrecycling wiederum ist extrem anspruchsvoll, die Altscherben müssen hohen Anforderungen genügen.
Hersteller: Fenstertausch lohnt sich fast immer
Im Rahmen einer energetischen Modernisierung von Bestandsbauten steht zwangsläufig die Entscheidung an, ob die alten Fenster saniert oder gegen neue ausgetauscht weder sollen. Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten ist das eine spannende Frage. Neue Fenster bieten einen hervorragenden Wärmeschutz, sie können an bestimmten Orten in der Außenhülle unter Umständen sogar bilanziell zu Energieversorgern werden.
Nach Ansicht des VFF ist der Austausch unterm Strich die nachhaltigere Variante. Das habe die im Verbandsauftrag vom Institut für Fenstertechnik (Ift Rosenheim) erstellte Studie „Graue Energie und Emissionen von Fenstern im Vergleich zum Einsparpotenzial“ ergeben. Veröffentlicht wird sie zur Messe Fensterbau Frontale im März. Auf einem Branchentreffen im November 2025 hatte Norbert Sack vom Ift Rosenheim bereits so viel verraten: Der Ersatz der Altfenster lohne sich fast durchweg, sogar beim Einsatz von Fenstern mit der energieintensiv herzustellenden Dreifachverglasung. In der THG-Bilanz amortisiere sich der Austausch innerhalb von zehn Jahren.
Einsatz von Vakuumverglasungen im Denkmalschutz
Die Alternativen zum Komplettaustausch sind vielfältig. Bei Denkmalgebäuden, wo der Erhalt der Rahmenkonstruktion im Vordergrund steht, ist die optisch von außen unauffällige Ergänzung der Einfachverglasung mit einer Vorsatzscheibe innen beliebt, auch die Erweiterung zum Kastenfenster. Für denkmalpflegerische Zwecke werden gern auch die immer noch hochpreisigen Vakuumverglasungen genommen, die – wesentlich dünner im Aufbau und leichter als herkömmliche Wärmeschutzverglasungen – in bestehende Original-Rahmenprofile eingesetzt werden können.
Zum Beispiel als Ersatz des vielleicht luftgefüllten Isolierglases oder als dahinter angebrachte, positionierte Ergänzung, wie es die Holzmanufaktur Rottweil in der Künstlerkolonie Darmstadt durchgeführt hat. Dort reduzierte man so einen Ug-Wert von 3,0 W/m²K auf 0,7 oder gar 0,5 W/m²K [6]. Lange bringt als finanziell weniger aufwendige Alternative die Dreifach-Verglasung mit Dünnglasscheiben ins Spiel, mit auf bis zu zwei Millimeter reduzierten Scheibendicken.
Per Planungstool die nachhaltigste Methode ermitteln
Systematisch untersucht hat die Fenstererneuerung ein Team unter Leitung von Markus Binder an der Hochschule für Technik Stuttgart. Ziel des Projektes mit Namen Eno.Safe war die Entwicklung eines Tools zur Bewertung und Planung unterschiedlicher Methoden der energetischen Optimierung von Bestandsfenstern. Die Varianten ging man praktisch an mehreren Objekten in Stuttgart durch, unter anderem an einem Gebäude der Hochschule mit Verbundfenstern mit Einfachverglasung in beiden Flügelrahmen, als vertikale Schwingflügel.
Die Verwendung einer Zweischeiben-Sonderisolierverglasung erlaubte es, das Original-Verbundfenster ohne großen Substanzverlust zu bearbeiten (Abb. 3 bis Abb. 5). Andere Varianten waren Einscheiben-Verglasungen mit Metallrahmen und Clipsystem hinter der Originalscheibe oder der Austausch der alten luftgefüllten Isolierverglasung durch Zweischeiben-Wärmeschutzverglasung [7].
Das Folgeprojekt Eno.Safe2:LCA dehnte die Perspektive auf die Umweltwirkungen der verschiedenen Arten der Sanierung beziehungsweise des Komplettaustauschs aus. Die Ergebnisse sollen Binder zufolge Planerinnen und Planern eine verlässliche Entscheidungsgrundlage geben, in welchen Fällen bestehende Fenster im Hinblick auf den Klima- und Umweltschutz besser erhalten und ertüchtigt werden sollten anstatt sie durch neue zu ersetzen. Die Abwägung der Methoden und das Abschätzen ihrer Folgen mit Blick auf den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes könnte so wesentlich vereinfacht werden.