Bauwatch sichert unter anderem auch die Energieinfrastruktur ab. Sie bieten verschiedene Systeme an – Solartürme, stromgebundene Türme, Wärmebildkameras. Welche Technik kommt unter welchen Voraussetzungen zum Einsatz?
Christoph Siegle: Das hängt vom Projekt ab. Thermalkameras setzen wir insbesondere ein, wenn wir wirklich lange, gerade Distanzen von 300 bis 400 Metern überwachen müssen. Aber so oft kommt das nicht vor, weil in der Praxis fast immer etwas die Sichtachse blockiert, zum Beispiel Gebäude oder Pflanzenwuchs. Das Hauptprodukt, gerade bei Umspannwerken, ist der autarke Solarturm mit Solarpaneelen an der Außenseite. Die Module übernehmen die Grundversorgung. Im Inneren hat der Turm eine Methanol-Brennstoffzelle als Backup. Das stromgebundene System kommt eher selten zum Einsatz. Denn die Netzbetreiber wollen nicht extra eine Stromversorgung installieren und auch keine eigene Infrastruktur bereitstellen. Deshalb kommen in der Regel die autarken Geräte zum Einsatz. Bauwatch stellt das System auf und übernimmt alles Weitere, inklusive des Services.
Wie stellen Sie sicher, dass nicht zuerst die Sicherheitsanlage selbst sabotiert wird, bevor jemand in den Solarpark oder das Umspannwerk eindringt?
Bei den stromgebundenen Türmen haben wir immer einen Akku-Backup von bis zu 96 Stunden. Wenn jemand das Kabel zieht, sehen wir das sofort und bekommen einen Alarm. Bei den Solartürmen läuft es ähnlich: Wenn der Methanolstand unter einen bestimmten Wert fällt, wird automatisch eine Serviceanfrage ausgelöst, und unser Techniker füllt nach. Zusätzlich sorgt eine Sabotagekamera für eine konstante Überwachung des Turmes selbst und schlägt Alarm, sobald sich Unbefugte am System zu schaffen machen.
Wie oft muss das Methanol nachgefüllt werden?
Das hängt vom Standort ab. In Südeuropa seltener als in Norddeutschland, wo es viel regnet und wenig Sonne scheint. Im deutschen Durchschnitt hält eine Füllung etwa zwei Monate, im Sommer kommen die Systeme in der Regel völlig autark aus. Bei Projekten mit kurzer Laufzeit bekommt der Kunde davon oft gar nichts mit, weil wir gar nicht zum Nachfüllen fahren müssen.
Die Grundversorgung läuft aber über die Solarmodule. Diese müssen gut zur Sonne ausgerichtet sein, damit sie auch ausreichend Strom liefern. Wie stellen sie das sicher, können die ausgeklappt werden?
Nein, die Module sind fest im Turm verschraubt. Da sie aber an drei der vier Seiten montiert sind, liefern sie über den Tag verteilt immer ausreichend Strom. Unsere Techniker stellen den Turm so auf, dass die Module gut zum Stand der Sonne ausgerichtet sind. Die Türseite, an der sich keine Module befinden, wird nach Norden ausgerichtet.
Hinter der Kamera muss natürlich jemand sitzen, der die Bilder auswertet. Wie funktioniert die Alarmkette?
Wir betreiben eine zertifizierte, rund um die Uhr besetzte Leitstelle in unserem Hauptsitz in Ratingen – nicht im Ausland. Wenn jemand den Detektionsbereich betritt, den wir mit dem Kunden festgelegt haben, wird ein kurzer Alarmclip in die Leitstelle gespielt. Unser Operator sieht das. Er bewertet die Situation und leitet innerhalb von weniger als einer Minute den nächsten Schritt ein – eine persönliche Ansprache über den Lautsprecher am Turm, einen Anruf beim Sicherheitsdienst oder bei der Polizei. Je nachdem, was individuell mit dem Kunden vereinbart ist.
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Unter einer Minute – das ist ein enormer Druck auf die Operatoren?
Absolut. Vor allem in den Abendstunden. Da ist keine Ablenkung erlaubt. In der Leitstelle gelten deshalb sehr klare Abläufe, denn bei einem Alarm geht es um Sekunden und oft um enorme Werte. Sobald der Alarm eingeht, hat das Team nur eine sehr kurze Zeitspanne, um die Situation zu bewerten und die nächsten Schritte einzuleiten: Ansprache über Lautsprecher, Alarmierung von Sicherheitsdienst, Kontakt mit der Polizei. Die Operatoren arbeiten daher in einer Umgebung, die vollständig auf die Alarmbearbeitung ausgerichtet ist und maximale Aufmerksamkeit sicherstellt.
Wie viele Alarme laufen denn in der Leitstelle auf?
Das ist sehr unterschiedlich. Europaweit betrieben wir aktuell 13.800 Systeme, in Deutschland rund 6.500. Pro Anlage gehen pro Tag mehrere Alarme ein – in der Summe ergibt sich daraus eine erhebliche Anzahl an Vorfällen, die wir rund um die Uhr bearbeiten. Das ist aber der Durchschnitt. Denn wir überwachen auch viele Baustellen, auf denen nicht viel passiert. Aber gerade Baustellen in Innenstädten sind Hochrisikogebiete. Dort passiert eigentlich ständig etwas. Allein im Jahr 2025 wurden in Deutschland über 85.400 Personen von überwachten Arealen vertrieben und mehr als 800 Personen durch die Polizei festgenommen.
Wie unterscheiden die Operatoren einen harmlosen Spaziergänger von einem Einbrecher?
Das erfordert Fingerspitzengefühl. Wenn wir sehen, dass drei maskierte Personen mit einer Brechstange auf einen Container zulaufen, reagieren wir natürlich anders, als wenn jemand mit Hund über das Gelände spaziert. Entscheidend ist in beiden Fällen die persönliche Ansprache über den Lautsprecher. Wir sprechen die Person direkt an – nicht mit einem Tonband, sondern individuell. Wenn wir sagen „Sie mit der grünen Jacke“, dann merkt jeder sofort, dass er beobachtet wird. Die Reaktion darauf ist eine vollkommen andere als bei einer automatischen Ansage. Das erkennen auch erfahrene Täter, und genau das macht den Unterschied.
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Und was ist mit Tieren? Ein Reh oder ein Hase löst doch sicher auch Alarme aus.
Hinter unseren Systemen liegt eine KI, die grundsätzlich menschliche von tierischen Bewegungen unterscheidet. Tiere werden so herausgefiltert. Es gibt natürlich Grenzfälle, bei denen die KI nicht ganz sicher ist – dann wird der Alarm trotzdem in die Leitstelle gespielt und manuell geprüft. Wir stellen die KI bewusst nicht zu scharf ein, weil wir sichergehen wollen, dass wirklich jeder echte Alarm bei uns aufläuft. Lieber einmal zu viel prüfen als einmal zu wenig.
Wie läuft die Signalübertragung von der Kamera zur Leitstelle? Das ist doch ein potenzieller Schwachpunkt.
Wir prüfen bei jedem Projekt vor Ort den Mobilfunkempfang. In jedem unserer Systeme steckt eine Multi-SIM-Karte, die automatisch das beste verfügbare Netz nutzt. Selbst in schlecht abgedeckten Regionen haben wir Empfang. Falls es doch einmal eng wird, können wir mit Signalverstärkern arbeiten.
Das Interview führte Sven Ullrich.
Im ersten Teil unseres Interviews mit Christoph Siegle erfahren Sie, wie wichtig die Sicherheit der kritischen Infrastruktur ist und wie diese organisiert wird. Im dritten Teil, der in der kommenden Woche erscheint, erklärt Christoph Siegle, wie auch der Schutz von Solaranlagen vor Dieben gelingt.