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Vattenfall Wind-Chefin: „Wir wollen, dass fossilfrei auch bezahlbar bleibt“

Catrin Jung leitet die Business Area Wind bei Vattenfall, zu der Offshore Wind, Onshore Wind sowie große Solar- und Batterieprojekte gehören. Im Gespräch mit ERNEUERBARE ENERGIEN im Hamburger Büro erklärt sie, welche Bedeutung die unterschiedlichen Technologien für den Konzern haben.
Frau Jung, Sie leiten bei Vattenfall die Business Area Wind – und damit auch Solar und Batteriespeicher. Wie kam es zu dieser Kombination?
Catrin Jung:
Das ist tatsächlich ein bisschen verwirrend auf den ersten Blick. Aber es macht inhaltlich Sinn: Wir bündeln dort Offshore Wind, Onshore Wind und die großen Solar- und Batterieprojekte. Der Gedanke dahinter ist, dass diese Technologien immer stärker zusammenwachsen – auf dem Gelände, am Netzanschluss, im Business Case. Ich bin damit wirklich zufrieden. Es passt für mich gut.

Catrin Jung, Leiterin des Bereichs Windenergie bei Vattenfall.

Andreas Friese - Vattenfall

Catrin Jung, Leiterin des Bereichs Windenergie bei Vattenfall.


Sie sind seit vielen Jahren bei Vattenfall, haben Stationen in Stockholm gemacht, die Group Strategy Processes geleitet, dann den Schritt ins operative Geschäft gewagt – ­bewusst auch mal einen Schritt in der Hierarchie zurück. Was hat Sie dazu bewogen?
Catrin Jung:
Ich wollte näher ans Business kommen, raus aus der Zentralfunktion. Ich hatte die Strategieposition im Bereich Erneuerbare und dachte: Nee, das ist noch nicht ganz das Richtige. Also bin ich in die Marktentwicklung Offshore Wind gewechselt – mit dem konkreten Auftrag, Projekte zu gewinnen, die man tatsächlich bauen kann. Das war zu einer Zeit, als die ersten Nullgebote kamen. Wir haben dann zwei Projekte hintereinander in den Niederlanden gewonnen, Hollandse Kust Zuid 1 bis 4. Das war eine prägende Erfahrung.

Mehr zur Offshore-Logistik von Vattenfall und Häfen lesen Sie hier.

Vattenfall positioniert sich als nordeuropäi­scher Spezialist. Was unterscheidet Sie von anderen großen Windparkentwicklern?
Catrin Jung:
Wenn man einzelne Elemente herausnimmt, findet man immer einen Wettbewerber, der ähnlich aufgestellt ist. Aber in der Kombination sind wir relativ einzigartig: Wir sind ein vertikal integriertes Energieunternehmen mit Verteilnetz, Handel, Betrieb und verschiedenen Technologien – und wir haben uns bewusst entschieden, in Nordeuropa zu bleiben. Schuster, bleib bei deinen Leisten, könnte man sagen. Wir wollen nicht opportunistisch in Länder gehen, wo wir nur Erzeugung aufbauen, aber kein Kundengeschäft haben. Und wir haben früh gesagt: Wir wollen unseren Kunden ermöglichen, fossilfrei zu leben bzw. zu produzieren – aber so, dass es auch bezahlbar ist. Das ist unser Leitfaden, an dem wir unsere Entscheidungen ausrichten.

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Kommen wir zu Nordlicht. Vattenfall baut vor der deutschen Nordseeküste gerade Deutschlands künftig größten Offshore-​Windpark. Wie ist der aktuelle Stand?
Catrin Jung:
Wir haben im Juli begonnen die Monopiles rauszubringen, und im August haben wir mit der Installation der Transition Pieces gestartet. Alles läuft so weit im Zeitplan. Es kommen schöne Bilder und Clips von See – das macht Freude. Nordlicht I wird eine Leistung von rund 980 Megawatt haben, Nordlicht II rund 630 Megawatt. Der gesamte Cluster liegt etwa 85 Kilometer nördlich von Borkum und soll nach vollständiger Inbetriebnahme rund sechs Terawattstunden Strom pro Jahr erzeugen.

Sehen Sie hier ein Video mit Vattenfall zu Nachhaltigkeit von der Hamburg Windenergy 2024.

Was bedeutet dieses Projekt für die ­deutsche Offshore-Branche?
Catrin Jung:
Die Investitionsentscheidung kam zu einem Zeitpunkt, an dem es insgesamt wenige solcher Entscheidungen gab. Ich habe danach viele Nachrichten bekommen – auch von Wettbewerbern, die gratuliert haben. Das ist typisch für diese Branche: Man kennt sich, man schätzt sich, auch wenn man hart miteinander konkurriert. Und solche ­Zeichen sind wichtig. Sie signalisieren: Es ist möglich, zu bauen und zu einer Investitionsentscheidung zu kommen. Das hält die Lieferkette am Leben, sichert Nachfrage bei den Herstellern und gibt der gesamten Industrie Zuversicht.
Vattenfall setzt bei Nordlicht auch auf emissionsarmen Stahl für die Turbinen­türme. Wie weit geht dieser Ansatz?
Catrin Jung:
Das ist Teil unseres Weges zu Net Zero – und der endet nicht bei der Stromerzeugung. Wir schauen auch auf das, was wir einkaufen, also auf unsere Lieferkette. So wird bei Nordlicht I und II rund die Hälfte der 112 Turbinentürme aus emissionsarmem Stahl gefertigt. Dadurch reduziert sich der CO₂-Fußabdruck der Turbinen insgesamt um rund 16 Prozent. Auch in unserem Onshore Windpark Clashindarroch II in Großbritannien verwenden wir CO₂-armen Stahl für die Türme. Und bei unserem Solarpark Juliusburg/Krukow in Schleswig-Holstein haben wir erstmals emissionsarmen Stahl des schwedischen Partners SSAB für die PV-Montagesysteme eingesetzt – mit einer CO₂-Reduktion von 67 Prozent gegenüber konventionellem Stahl.

In der Eifel nimmt Vattenfall in diesem Jahr den Hybridpark Hommerdingen / Biesdorf in Betrieb.

Vattenfall

In der Eifel nimmt Vattenfall in diesem Jahr den Hybridpark Hommerdingen / Biesdorf in Betrieb.

Warum kaufen Sie teureren grünen Stahl, wenn Sie das noch nicht müssten?
Catrin Jung:
Weil wir den Markt aktivieren müssen. Wenn wir jetzt schon kleine Anteile kaufen, schaffen wir Nachfrage, die diesen Markt überhaupt erst skalierbar macht. Wohl wissend, dass wir dieses Geld im Moment nicht ausgeben bräuchten. Aber wenn niemand den ersten Schritt macht, entwickelt sich kein Leitmarkt. Das sehen wir auch in der Analyse des European Climate Neutrality Observatory: Die Nachfrage nach sauberen Grundstoffen ist noch unterentwickelt, sie beruht zu stark auf freiwilligen Initiativen. Wir wollen da Vorreiter sein, weil wir langfristig auch unseren Strombedarf decken: Grüner Stahl braucht grünen Wasserstoff und Strom. Das ist ein Kreislauf, den wir mitgestalten wollen.
Vattenfall ist vor allem für Offshore bekannt. Welche Rolle spielt Onshore?
Catrin Jung:
Lange haben wir uns in Deutschland zurückgehalten, weil wir eher auf große Projekte ab 100 Megawatt gesetzt haben – und die gibt es im deutschen Onshore-Markt selten. Meist sind es drei, vier Turbinen. Vor etwa fünf, sechs Jahren haben wir dann entschieden: Deutschland ist ein zu großer Markt, als dass wir ihn ignorieren könnten. Wir haben eine Pipeline von inzwischen rund 1,5 Gigawatt aufgebaut und bauen gerade unseren ersten Hybridpark in Deutschland fertig.
Das Projekt Hommerdingen/Biesdorf in der Eifel – was ist daran besonders?
Catrin Jung:
Es ist unsere erste Kombination aus Wind und Photovoltaik in Deutschland. Vier Wind­energieanlagen von Enercon mit zusammen 17 Megawatt und mehr als 12.000 Solarmodule mit 7,6 Megawatt – und das Entscheidende: Der Solarpark wird nicht separat ans Netz angeschlossen, sondern technisch wie eine weitere Windturbine behandelt. Es gibt also nur einen einzigen Netzanschluss für die gesamte Anlage. Das reduziert die Anschlusskosten deutlich und entlastet das Verteilnetz, weil Wind und Solar antizyklische Erzeugungsprofile haben.
In den Niederlanden betreiben Sie mit ­Haringvliet bereits ein Vollhybridprojekt mit Wind, Solar und Batteriespeicher. Ist das auch für Deutschland ein Modell?
Catrin Jung:
Es ist zumindest eine wichtige Richtung. Wir versuchen je nach Standort zu schauen, was sich anbietet und was kombiniert werden kann – um das Land gut zu nutzen, denn Fläche ist knapp. In Deutschland planen wir, Solarparks zunehmend mit Batteriespeichern zu ergänzen, abhängig von den Rahmenbedingungen vor Ort. Das ist keine Ideologie, sondern schlicht wirtschaftliche Logik: Wenn man nur in den Mittagsstunden Strom liefern kann, hat man irgendwann keine Erlöse mehr.
Was braucht die Offshore-Branche jetzt von der Politik?
Catrin Jung:
Mein Dauerwunsch, der vielleicht nie ganz in Erfüllung geht: mehr Harmonisierung der Ausschreibungsregeln zwischen den Ländern. Ein Gebot vorzubereiten ist enorm zeitaufwendig. Wenn dann jedes Land seine eigenen Sonderregelungen hat – andere Kreditwürdigkeitsnachweise, andere Anforderungen, andere Risikoverteilungen – kostet das Ressourcen, die besser in Projekte fließen sollten. Das dänische Modell finde ich dabei vorbildlich: ein 20-jähriger CfD mit Inflationsindex, einfach und klar strukturiert. Man misst gegen einen monatlichen Day-Ahead-Mittelwert, hat aber trotzdem noch Anreize zur Marktoptimierung, weil man bei negativen Preisen abschalten kann. Das kombiniert Erlössicherheit mit Marktnähe. Und noch etwas: Wir sprechen oft über den Ausbau des Angebots. Genauso wichtig ist es aber, die Nachfrage zu stimulieren. Denn die Energiewende wird nur gelingen, wenn der Ausbau erneuerbarer Erzeugung und die Nachfrage aus Industrie und Wirtschaft Hand in Hand wachsen. Stärkere Anreize für industrielle Abnahmevereinbarungen würden Investitionen absichern und den Hochlauf der Offshore-Windenergie zusätzlich beschleunigen.
Bleiben Sie trotz allem optimistisch?
Catrin Jung:
Länder wie Spanien zeigen, dass ein Stromsystem mit wenig Fossilen den Gaspreis­anstieg abpuffern kann – das ist ein handfestes Argument für die Energiewende. Und dann ist da noch die Digitalisierung: Ich glaube, dass wir durch KI und smarte Steuerung – Wetterdaten, Netze, Nachfrage – noch sehr viel Potenzial heben können. Wir haben im Moment noch viel Verlust, weil Angebot und Nachfrage nicht gut genug aufeinander abgestimmt sind. Wenn wir das in jeder Sekunde besser hinbekommen, kommen wir dem Ziel deutlich näher. Der Pfad, auf dem wir sind, hat kein Zurück – davon bin ich überzeugt. Und das ist eigentlich das Beruhigendste.