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Der Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) warnt vor einer dauerhaften Auftragslücke für die deutsche Offshore-Windindustrie. In einem von wind:research untersuchten Krisenszenario sinkt die Zahl der Vollzeitstellen in der Branche bis 2045 von derzeit rund 31.530 auf etwa 9.000. Gegenüber einem Ausbau entlang des gesetzlichen Ziels beziffert die Studie den möglichen kumulierten Umsatzausfall auf mehr als 550 Milliarden Euro. Die Zahlen beschreiben ein Szenario, keine Prognose für den tatsächlich eintretenden Ausbau.
Zwei Ausbaupfade im Vergleich
Die Untersuchung ergänzt eine im April veröffentlichte Studie zur Wertschöpfung der Offshore-Windenergie. Sie stellt dem Ziel von 70 Gigawatt (GW) installierter Leistung bis 2045 eine „Wertschöpfungskrise“ gegenüber: Projekte verzögern sich oder scheitern, neue Aufträge kommen unregelmäßig, und Unternehmen können ihre Kapazitäten nicht kontinuierlich auslasten.
Unter diesen Annahmen wären 2045 nur 34 GW Offshore-Windleistung installiert – 36 GW weniger als im gesetzlich vorgesehenen Ausbaupfad. Das wäre eine erhebliche Lücke bei der Erzeugungskapazität. Wie viel Strom dadurch tatsächlich fehlte, lässt sich aus der Leistungsdifferenz allein allerdings nicht ableiten.
Beschäftigung könnte stark zurückgehen
Nach Angaben des BWO sichert die Offshore-Windindustrie in Deutschland derzeit rund 31.530 Vollzeitäquivalente. Der Verband setzt dies mit etwa 49.000 Arbeitsverhältnissen gleich. Im Krisenszenario blieben bis 2045 rund 9.000 Vollzeitäquivalente übrig. Das entspräche einem Rückgang um rund 22.500 Vollzeitäquivalente gegenüber heute.
Betroffen wären laut Verband nicht nur Unternehmen an der Küste. Auch Zulieferer, Produktionsbetriebe und Dienstleister in anderen Regionen hängen von Offshore-Projekten ab. Der BWO warnt, dass Fachkräfte und Fertigungskapazitäten nach einem länger anhaltenden Auftragsmangel für einen späteren Ausbau nicht ohne Weiteres wieder verfügbar wären.
Umsatzlücke wächst bis 2045
Für 2025 nennt der BWO einen Branchenumsatz von rund 14,6 Milliarden Euro einschließlich Exporten. Bei einem Ausbau entsprechend dem gesetzlichen Ziel könnte dieser laut Studie auf etwa 20 Milliarden Euro im Jahr 2030 und 57 Milliarden Euro im Jahr 2045 steigen. Im Krisenszenario wären es dagegen rund 8 Milliarden Euro im Jahr 2030 und nur noch etwa 4 Milliarden Euro im Jahr 2045.
Die Differenz zwischen beiden Szenarien läge damit 2030 bei rund 12 Milliarden Euro und 2045 bei bis zu 53 Milliarden Euro Jahresumsatz. Über den gesamten Betrachtungszeitraum summiert die Studie den möglichen Umsatzausfall bis 2045 auf mehr als 550 Milliarden Euro. Es handelt sich dabei um die modellierte Differenz zwischen zwei Ausbaupfaden, nicht um bereits verlorene Einnahmen.
Verband sieht Ausschreibungen als Warnsignal
Anlass für die Forderungen des BWO ist auch die Entwicklung bei den Ausschreibungen: Ausgebliebene Gebote im Jahr 2025 seien ein Warnsignal gewesen, erklärt BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm. Selbst ein erteilter Zuschlag garantiere noch nicht, dass ein Projekt gebaut werde oder Aufträge bei der Industrie ankämen. Entscheidend seien Bedingungen, unter denen Entwickler investieren und Zulieferer längerfristig planen könnten.
Der Verband drängt deshalb auf Nachbesserungen an der Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes (WindSeeG). Sie soll nach seiner Auffassung nicht nur neue Zuschläge ermöglichen, sondern vor allem die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die vergebenen Projekte tatsächlich realisiert werden.
CfDs, Indexierung und Rückgabe von Flächen
Konkret fordert der BWO, neue Offshore-Projekte von Beginn an über zweiseitige Contracts for Difference (CfDs) abzusichern. Dieses Fördermodell soll langfristige Strompreisrisiken begrenzen. Zudem sollen Kostenänderungen zwischen Zuschlag und endgültiger Investitionsentscheidung durch eine Indexierung berücksichtigt werden. Das könnte nach Angaben des Verbands die Finanzierung erleichtern und Risikoaufschläge verringern.
Für wirtschaftlich gefährdete Zuschläge aus den Jahren 2023 bis 2025 schlägt der BWO außerdem eine einmalige, geordnete Rückgabe der Flächen vor. Diese könnten anschließend unter anderen Bedingungen erneut ausgeschrieben werden. Ob die vorgeschlagenen Maßnahmen die in der Studie beschriebenen Verluste verhindern würden, beziffert der Verband in seiner Mitteilung nicht. Seine Warnung macht jedoch deutlich, worauf er im parlamentarischen Verfahren den Schwerpunkt legen will: eine verlässlichere Folge tatsächlich gebauter Projekte statt bloßer Ausschreibungsziele.