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Droht das Aus für die Energiewende?

Die Stimmung ist angespannt, die Worte sind deutlich: Was die Bundesregierung derzeit an energiepolitischen Gesetzespaketen vorbereitet, könnte nach Ansicht der Erneuerbaren-Branche den weiteren Ausbau der Erneuerbaren komplett ausbremsen. Auf einer Pressekonferenz zeichnen die Verbände ein düsteres Bild – und sprechen offen von einem möglichen „Ende der Energiewende“.

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„In Summe sind diese Vorschläge geeignet, tatsächlich den Aufwuchs der erneuerbaren Energien zum Erliegen zu bringen“, sagt Ursula Heinen-Esser, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie. Gemeint sind mehrere parallel geplante Reformen – vom EEG über das Netzpaket bis hin zu Änderungen im Energierecht. Vieles sei bislang nur als Entwurf oder Leak bekannt, doch die Richtung sei eindeutig.

Kriege verdeutlichen Energieabhängigkeit

Dabei ist der geopolitische Kontext klar: „Beim zweiten Mal innerhalb von vier Jahren ist das kein Warnschuss mehr“, wird betont mit Blick auf steigende fossile Energiepreise infolge erst des Ukrainekriegs und dann des Irankriegs. Die Konsequenz: Wirtschaft und Verbraucher seien gleichermaßen betroffen – und gerade deshalb brauche es mehr, nicht weniger erneuerbare Energien.

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Besonders scharf fällt die Kritik an den geplanten Eingriffen in den Solarmarkt aus. BSW-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig warnt: „Das wird der größte Angriff auf die Solarenergie der letzten 15 Jahre.“ Damals sind zehntausende Arbeitsplätze durch Eingriffe der Bundesregierung zerstört worden. Jetzt stehen wiederum 100.000 Jobs u.a. im Handwerk zur Disposition. Konkret gehe es um die Streichung von Förderungen für kleine PV-Anlagen und neue Hürden bei der Direktvermarktung. „Die meisten werden selbst nicht in der Lage sein, ihren Strom direkt zu vermarkten“, heißt es. Die Folge: ein massiver Einbruch bei neuen Anlagen.

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Auch bei der Finanzierung drohen gravierende Folgen. BWE-Präsidentin Bärbel Heidebroek bringt es auf den Punkt: „Wenn ich vorher nicht kalkulieren kann, wie oft ich abgeregelt werde, kann ich nicht kalkulieren, wie viel Einnahmen fehlen.“ Und weiter: „Ein Projekt wird so von keiner Bank der Welt finanziert.“ Gemeint ist der sogenannte Redispatch-Vorbehalt – also Eingriffe ins Netz, die Anlagen abschalten.

Erneuerbare schaffen Unabhängigkeit 

Dabei sei die technische Realität eine andere. „Unsere Netze langweilen sich 90 Prozent des Tages“, sagt Heidebroek. „Sie könnten arbeiten – und sie wollen auch arbeiten.“ Stattdessen würden Anlagen abgeschaltet, obwohl Strom gebraucht werde. „Eine Anlage, die nicht produziert, macht keinen Sinn.“

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Die Branche sieht sich dabei nicht als Problem. „Die Erneuerbaren sind die Lösung“, so Horst Seide, Präsident des Fachverbands Biogas. „Sie sind dezentral, unabhängig – und kriegstauglich.“ Gerade in Krisenzeiten könne ein erneuerbares Energiesystem Stabilität schaffen. Doch dafür brauche es politische Klarheit. „Unser Wunsch an die Bundesregierung ist eine konsistente Energiepolitik“, sagt Martin Sabel, Chef des Bundesverbands Wärmepumpe. Das Ziel von 80 Prozent erneuerbarem Strom bis 2030 sei richtig – doch die aktuellen Vorschläge liefen dem zuwider.

Netzengpässen und regulatorische Unsicherheit

Die Windenergie steht akut unter Druck. Auf der Pressekonferenz der Erneuerbaren-Verbände wird deutlich: Vor allem Netzengpässe und regulatorische Unsicherheiten bremsen den Ausbau massiv. Der Kern des Problems liegt im Redispatch-System. Statt die Einspeisung flexibel zu steuern, werden Anlagen direkt abgeschaltet. Heidebroek kritisiert: „Es dürfte nicht die Erzeugung abgeregelt werden, sondern die Einspeisung.“ Andernfalls könnten weder Speicher genutzt noch Strom lokal verbraucht werden – ein volkswirtschaftlicher Verlust. Die Folgen sind gravierend, besonders für Investitionen. „Wenn ich nicht kalkulieren kann, wie oft ich abgeregelt werde, finanziert mir keine Bank ein Projekt“, so Heidebroek weiter. Damit droht der Ausbau gerade in ohnehin sensiblen Regionen zu stocken.

Hier die Maßnahmen, die jetzt nötig sind, um die Energiewende auf Kurs zurückzubringen. 

Ein Blick auf Deutschland zeigt: Besonders Süddeutschland steht im Fokus. Dort steigt der Bedarf an erneuerbarem Strom, während gleichzeitig Netzengpässe zunehmen. Redispatch-Maßnahmen treffen diese Regionen besonders stark – mit direkten Auswirkungen auf neue Windprojekte. Auch Horst Seide betont: „Bio- und Windenergie, Photovoltaik, Wärmepumpe und Speicher müssten zusammengedacht werden. Nur so könne das System effizient funktionieren.“

Digitalisierung des Netzes, bessere Auslastung Infrastruktur

Die Lösung sieht die Branche in drei Punkten: Digitalisierung der Netze, bessere Auslastung bestehender Infrastruktur und die Kombination verschiedener Erzeuger an einem Netzanschlusspunkt. „Wir müssen die erneuerbaren kombiniert nutzen“, heißt es. Nur dann lasse sich ein „kostengünstiges und resilientes System“ erreichen. Klare Botschaft: Windenergie ist nicht das Problem – sondern Teil der Lösung. Doch ohne passende Rahmenbedingungen bleibt ihr Potenzial ungenutzt.

Am Ende bleibt ein Appell – und eine Warnung: Milliardeninvestitionen stünden auf der Kippe (Studie Enervis). „Wir können es uns nicht leisten, auf 43 Milliarden zu verzichten“, so Heinen-Esser. Jede Kilowattstunde zähle. Und jede politische Entscheidung.