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Grüner Bluff: Staffelgeschosse sind Bauschrott von morgen

Das Staffelgeschoss ist nicht die Krönung nachhaltigen Bauens. Ganz im Gegenteil: Es ist ein ästhetisch gut verpackter Irrtum. Ein Gebäude, das als Entwurf glänzt, in der Realität aber die zentrale Frage kommender Jahrzehnte verfehlt: Wie viel Energie kann ein Haus selbst erzeugen, selbst nutzen und seinen Bewohnern dauerhaft sichern?

Unbequeme Wahrheit

Genau hier wird es unbequem. Diese Häuser sind gut darin, zwei altbekannte Probleme kleinzureden: Heizung und Warmwasser. Dicke Dämmung, eine Wärmepumpe, vielleicht noch Effizienzstandard. Das senkt den Energieverbrauch für Heizung und Warmwasser.

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Aber die Menschen im modernen Mehrfamilienhaus haben nicht nur zwei Energieposten auf der Rechnung. Sie haben vier: Heizung, Warmwasser, Haushaltsstrom und Mobilität. Auf die letzteren gibt das gefeierte Staffelgeschoss keine Antwort.

Staffelgeschosse tun nur grün

Die Waschmaschine, der Herd, der Router, das Homeoffice, der Aufzug, die Lüftung, das E-Auto in der Tiefgarage – all das braucht Strom, viel Strom. In einer elektrifizierten Zukunft wird Mobilität zum größten Energieposten vieler Haushalte.

Wer nur Heizung und Warmwasser optimiert, aber Haushaltsstrom und Autostrom ausblendet, baut keine Energiezukunft. Er baut Abhängigkeit. Um es bildlich auszudrücken: Diese Gebäude sind drogenabhängig. Ihre Droge heißt teurer Strom von außen.

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Das klingt hart, ich weiß. Aber es trifft den Kern. Wer heute ein Haus plant, das über Jahrzehnte bewohnt werden soll, entscheidet über die künftige Verwundbarkeit seiner Bewohner. Über ihre Stromkosten. Über ihre Abhängigkeit von Netzen, Märkten, politischen Krisen und steigenden Abgaben. Über die Frage, ob ein Gebäude bei Energiepreisschocks stabil bleibt, oder ob es seine Mieter jedes Jahr aufs Neue in die Kostenfalle schickt.

Zertifiziert, gedämmt, abhängig

Warum bauen wir trotzdem so? Weil diese Häuser hervorragend in die Logik unserer Förderwelt passen. Ein Staffelgeschoss mit stark gedämmter Hülle, Wärmepumpe, Gründach und etwas Photovoltaik lässt sich ausgezeichnet zertifizieren. Es sieht in grafischen Simulationen freundlich aus. Es klingt nach Nachhaltigkeit.

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Es erfüllt Bebauungspläne. Es passt zu den Modellen für Investoren. Es lässt sich mit Effizienzlabeln, Nachweisen und steuerlichen Argumenten versehen. Mit anderen Worten: Es bedient die Zertifizierungsindustrie. Es ist das perfekte Produkt einer Bauwelt, die Nachhaltigkeit zunehmend mit Formularen verwechselt. Doch ein Zertifikat ersetzt keine gute Architektur.

Zertifikate ersetzen keine gute Architektur

Das Kernproblem liegt nicht im einzelnen Bauteil. Nicht jede Wärmepumpe ist falsch. Nicht jedes Gründach ist Unsinn. Nicht jedes Staffelgeschoss ist automatisch eine Katastrophe. Das Problem ist die Summe einer Bauweise, die so tut, als sei ein Gebäude ökologisch, sobald es gut gedämmt ist und ein viele technische Anlagen beinhaltet. Aber ein Haus ist kein Kühlschrank mit Fassade. Es ist ein Energiesystem.

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Und als Energiesystem ist das typische Haus mit Staffelgeschoss erschreckend schwach. Das zurückgesetzte oberste Geschoss verkleinert die Dachfläche. Genau dort, wo die Sonne einfach und dauerhaft geerntet werden könnte, verschenkt man Fläche.

Der Rest wird häufig begrünt, weil es ökologisch klingt. Nur konkurriert ein Gründach in der Praxis oft mit Photovoltaik. Entweder die Module stehen dicht, dann fehlt den Pflanzen Licht. Oder das Grün soll wachsen, dann bleibt nur wenig Platz für Solarmodule. Am Ende liegt auf dem Dach ein grünes Symbol für nachhaltiges Wohnen, das keine ernstzunehmende Energieernte ermöglicht.

Gründach wird Pflegefall

In längeren Trockenperioden aufgrund des Klimawandel wirds das Gründach zudem selbst zum Pflegefall. Was als Biodiversität verkauft wird, endet allzu oft als vertrocknete Fläche. Sie müsste bewässert werden, während Wasser zur nächsten knappen Ressource wird. Die grüne Krone des Hauses wird schnell zur teuren Illusion.

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Noch gravierender ist der architektonische Fehler: Ein Gebäude, das heute ohne große, gut ausgerichtete Solarflächen geplant wird, lässt sich später kaum retten. Man kann Technik tauschen, Leitungen erneuern, Speicher nachrüsten. Aber die Sonnengeometrie eines Hauses ist gebaut.

Wenn kein großes Pultdach nach Süden vorhanden ist, wenn Fassaden nicht für Photovoltaik mitgedacht wurden, wenn Dachterrassen, Staffelungen und kleinteilige Aufbauten die Flächen zerstückeln, bleibt das Haus dauerhaft unzureichend. Das ist der eigentliche Skandal: Wir fördern Häuser, die wir später mühsam verbessern wollen. Obwohl wir sie heute richtig planen könnten!

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Bauen für die Zukunft statt Baukulisse

Die Alternative ist keine Fantasie. Sie heißt Solararchitektur. Solararchitektur beginnt nicht bei der Technik, sondern beim Entwurf. Sie fragt zuerst: Wo steht die Sonne? Welche Dachfläche kann über Jahrzehnte Strom liefern? Welche Fassaden können zugleich Fenster, Gestaltung und Energiefläche sein? Wie kann ein Mehrfamilienhaus gebaut werden, damit es nicht nur wenig Energie verbraucht, sondern viel selbst erzeugt?

Das führt zu anderen Gebäudeformen. Zu flachen, nach Süden orientierten Pultdächern, die ohne Staffelgeschoss auskommen. Dafür überspannen sie die Grundfläche des Gebäudes wie ein riesiges Sonnensegel. Es führt zu Fassaden, in denen Photovoltaik nicht nachträglich angeklebt wird, sondern Teil der Architektur ist. Zu Gebäuden, die Energie für Heizung, Warmwasser, Haushaltsstrom und Elektromobilität gemeinsam denken. Nicht als vier getrennte Rechnungen, sondern als ein hochgradig energieautarkes System.

So wird Autarkie realistisch

Dann wird Autarkie realistisch. Nicht vollständig, und nicht als Inseltraum. Aber hochgradig genug, um Bewohner massiv zu entlasten und die Abhängigkeit vom Energiemarkt deutlich zu senken. Ein Haus, das über Jahrzehnte einen großen Teil seiner Energie selbst erzeugt, ist ökologischer als ein Haus, das nur seinen Bedarf für Heizung und Warmwasser kleinrechnet.

Darüber hinaus ist es sozialer. Denn die Wohnungsfrage wird nicht allein über Kaltmieten entschieden. Entscheidend ist, was Menschen jeden Monat insgesamt zahlen.

Wenn der Strompreis steigt, und damit das Laden des Autos und Haushaltsstrom teuer werden, wenn Nebenkosten unkalkulierbar sind, hilft die schönste Effizienzklasse wenig. Zukunftsfähiger Wohnungsbau muss Warmmiete, Strom und Mobilität zusammen denken. Er muss Kostensicherheit schaffen, nicht nur gute Werte im Energieausweis.

Komplex gebaut, schlecht gedacht

Hinzu kommt ein zweiter Punkt, über den in der Baubranche bislang zu wenig gesprochen wird: Low Tech. Wir bauen immer komplexer, obwohl Handwerker fehlen, Wartung teurer wird und technische Systeme schneller altern als Gebäude. Ein Haus, das 80 oder 100 Jahre stehen soll, wird mit teuren komplexen wassergeführten Wärmepumpenheizungsanlagen bestückt, die nach zehn bis fünfzehn Jahren ersetzt werden müssen. Nachhaltig ist das nur auf dem Papier.

Genau daran scheitert das Staffelgeschoss. Dieser Trend verkauft Oberfläche als Ökologie. Er verwechselt Dachbegrünung mit Zukunftsfähigkeit. Er reduziert Energie auf Heizung, Warmwasser und Wärmepumpen. Er blockiert große Solarflächen und nennt sich trotzdem nachhaltig. Er schafft teure Wohnungen und liefert den Bewohnern keine echte Energiesouveränität.

Falsch entworfen

Um es deutlich zu sagen: Viele dieser Häuser sind der Schrott von morgen. Nicht, weil sie morgen einstürzen. Sondern weil sie in einer Energiezukunft stehen werden, für die sie falsch entworfen sind. Weil sie teuer, zertifiziert und technisch aufwendig sind, aber architektonisch zu wenig leisten. Weil sie genau dann abhängig bleiben, wenn Unabhängigkeit zum entscheidenden Wert wird.

Die Bauwirtschaft hat jetzt die Wahl. Sie kann weiter Staffelgeschosse stapeln, Gründächer verordnen, ein paar Solarmodule dekorativ verteilen und sich an Zertifikaten wärmen. Oder sie kann anfangen, Gebäude wieder vom Leben her zu denken: bezahlbar im Betrieb, robust in der Technik, stark in der Eigenversorgung, ehrlich in der Ökologie.

Zukunft liegt nicht in grüner Symbolik

Die Zukunft des Bauens liegt nicht in grünen Symbolen. Sie liegt in Häusern, die sich größtenteils selbst versorgen können. Alles andere ist nur schöne Visualisierung für falsche Gebäude.

Die Form folgt der Funktion – eines der zentralen Gestaltungsprinzipien des Bauhauses – lässt sich nun abwandeln: Die Form folgt der Energie. Und das bedeutet nichts anderes, als dass die Form eines Gebäudes allein aus seinem energetischen Nutzen abgeleitet werden sollte. Goodbye, Staffelgeschoss!