Herr Waldmann, das Thema Smart Meter kam zuletzt wieder auf dem Handelsblatt‑Energiekongress auf. Deutschland hängt beim Rollout weiter hinterher. Woran liegt das?
Lars Waldmann: Das Hauptproblem sind die Zuständigkeiten. Ursprünglich war die Idee, dass vor allem der Bürger vom Smart Meter profitiert: Er sollte seinen Stromverbrauch besser verstehen, stromintensive Geräte identifizieren und seinen Verbrauch zeitlich anpassen können. Daran geknüpft war die Vision dynamischer Tarife, mit denen Verbraucher netz‑ und systemdienlicher agieren können.
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Umsetzen sollten das die Netzbetreiber – entweder als grundzuständige oder wettbewerbliche Messstellenbetreiber. In der Praxis hat man sich jedoch fast ausschließlich darauf konzentriert, Strom zu zählen. Zusätzliche Funktionen wurden kaum berücksichtigt. Für Netzbetreiber reichten die bisherigen Daten aus, Viertelstundenwerte boten für sie lange keinen echten Mehrwert. Gleichzeitig fehlte ein Akteur mit einem starken Eigeninteresse, der das Thema vorantreibt.
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Hat sich das inzwischen geändert?
Waldmann: Ja. Heute kommen neue Anforderungen hinzu: Versorgungssicherheit, Flexibilität, Krisenresilienz, aber auch die Absicherung von Wechselrichtern und Anlagen. Dadurch entsteht eine neue Dynamik. Der Smart Meter bekommt plötzlich eine andere Bedeutung im Gesamtsystem.
Andere Länder scheinen deutlich weiter zu sein. Was machen sie anders?
Waldmann: Nehmen wir die Niederlande. Dort gab es früh den sogenannten „Slimme Meter“ – also einen wirklich „schlauen“ Zähler. Er konnte nicht nur messen, sondern den Kunden auch aktiv über seinen Verbrauch informieren, teilweise bis hin zu nachbarschaftlichem Stromtausch.
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Allerdings gab es dort eine intensive Datenschutzdebatte: Welche Rückschlüsse lassen sich aus den Daten auf das private Verhalten ziehen? Diese Diskussion führte dazu, dass viele intelligente Funktionen wieder entfernt wurden. Übrig blieb ein digitaler, aber kaum noch „smarter“ Zähler.
Das klingt vertraut – auch in Deutschland ist Datenschutz ein Dauerthema.
Waldmann: Absolut. Die Vision aus den frühen 2010er‑Jahren war, Smart Meter als zentrales Instrument für ein Smart Grid zu nutzen – mit dynamischen Netzinformationen und Steuerungsfunktionen. Diese Funktionen hat man den Geräten aber nie wirklich gegeben. Trotzdem wurde lange behauptet, der Smart‑Meter‑Rollout führe automatisch zu einem Smart Grid. Das ist schlicht falsch.
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Ein Smart Meter allein macht kein Smart Grid. Entscheidend ist die Steuerbarkeit. Die kommt jetzt über neue regulatorische Vorgaben, etwa §14a EnWG oder §19 StromNEV. Dadurch entsteht erstmals echter Handlungsdruck auf Netzbetreiber.
Kritiker sagen, Viertelstundenwerte seien dafür nicht ausreichend.
Waldmann: Für viele Anwendungsfälle reichen sie durchaus aus – vorausgesetzt, man hat ausreichend Datenreihen und nutzt sie intelligent. Das Problem ist weniger die Datentiefe als die fehlenden Funktionen und die mangelnde Verknüpfung mit marktwirtschaftlichen Anreizen.
Ein weiteres großes Thema ist die Kostenfrage. Wer bezahlt den Rollout?
Waldmann: Genau hier liegt ein Kernproblem. In den Niederlanden galt die klare Vorgabe: Der Rollout muss kostenneutral für den Endkunden sein. Das funktionierte, weil Netzbetreiber aus den Daten neue Dienstleistungen und Effizienzen generieren konnten.
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In Deutschland liegt die Preisobergrenze inzwischen so hoch, dass Verbraucher bis zu 280 Euro pro Jahr zahlen sollen – ohne spürbaren Mehrwert. Der Gesetzgeber hat die jährlichen Kosten für die Verbraucher jedoch nach Verbrauch gestaffelt und das geht bei 40 Euro bei 4.000 kWh los und endet bei 140 Euro(bei 50.000 kWh. Da rechnet jeder kurz nach und fragt sich zu Recht: Wofür eigentlich?
Sehen Verbraucher aktuell überhaupt Vorteile?
Waldmann: Kaum. Der Zähler liefert Daten, aber keine echten Mehrwerte. Erst wenn Endkunden ihre Flexibilität auch vermarkten können, wird ein Smart Meter wirklich „smart“.
Ein Beispiel: Wer ein Elektroauto mit großer Batteriekapazität besitzt, könnte diese theoretisch ins System einbringen. Dafür braucht es aber zusätzliche Technik, sichere Schnittstellen, interoperable Systeme und klare Marktmechanismen. All das fehlt derzeit noch.
Ihr Fazit?
Waldmann: So wie der Rollout aktuell läuft, wird er weder beim Verbraucher noch im Energiesystem den gewünschten Effekt erzielen. Erst wenn Smart Meter echte Steuer‑ und Marktfunktionen ermöglichen, werden sie ihren Namen verdienen.