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Brauchen wir wirklich neue Gaskraftwerke gegen die Dunkelflaute?

Interview mit Christof Wittwer, Geschäftsfeldleiter Systemintegration am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg und Honorarprofessor an der Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Universität Freiburg.

Die Bundesregierung plant in einer ersten Ausbaustufe zwölf Gigawatt neue Gaskraftwerke, perspektivisch ist sogar von bis zu 41 Gigawatt Kraftwerksleistung die Rede – Wasserstofffähigkeit spielt dabei nur am Rande eine Rolle. Begründet wird das mit der Absicherung gegen sogenannte Dunkelflauten. Ist dieser massive Ausbau notwendig – oder gäbe es Alternativen?

Christof Wittwer: Am Fraunhofer ISE haben wir mit den REMod-Studien sehr detailliert untersucht, wie ein künftiges Energiesystem aussehen kann. Darin werden die erforderlichen steuerbaren Kraftwerksleistungen auf Basis volkswirtschaftlich optimaler Pfade berechnet. Die Ergebnisse zeigen: Bei einem Bruttostromverbrauch von etwa 900 bis 1.100 Terawattstunden pro Jahr – also etwa dem Doppelten von heute – werden im Endausbau bis 2045 tatsächlich 80 bis 90 Gigawatt steuerbare Kraftwerksleistung benötigt – überwiegend Gas- oder Wasserstoffkraftwerke. Vor diesem Hintergrund sind die aktuell diskutierten Größenordnungen von 20 oder 40 Gigawatt durchaus konsistent mit den wissenschaftlichen Annahmen zu künftigen Backup-Leistungen.

Das eigentliche Problem der aktuellen Debatte liegt jedoch woanders: Wenn der Staat gezielt Kapazitätsmärkte schafft und neue Kraftwerke auf Kosten der Steuerzahler finanziert, geraten alternative Technologien wie Batteriespeicher ins Hintertreffen. Einerseits möchte man neue Marktteilnehmer profitabel machen, andererseits entstehen staatlich vorfinanzierte Konkurrenzkapazitäten, die bereits bezahlt sind. Die zentrale Frage ist daher, ob ein zu großzügiger Ausbau von Gaskraftwerken den dringend benötigten Ausbau von Speichern behindert.

Wenn Gaskraftwerke als Backup gebraucht werden, führt also kein Weg an ihnen vorbei?

Wittwer: Es ist vor allem eine Frage der Reihenfolge. Wir sind noch lange nicht am Ende der Energiewende, und der wichtigste Hebel für Dekarbonisierung ist weiterhin der konsequente Ausbau der erneuerbaren Energien. Alles muss darauf ausgerichtet sein, dass die Netzstabilität nicht zum Hemmnis für Wind- und Solarenergie wird. Für die kurzfristige Flexibilität im Tagesverlauf sind Batteriespeicher dabei unverzichtbar.

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Eine Variante mit weniger Wettbewerbsverzerrung wäre gewesen, deutlich stärkere Signale in Richtung Wasserstoff zu setzen. Stattdessen hat man sich bewusst für den Weg entschieden, neue Kraftwerke zunächst mit fossilem Gas zu betreiben und sie lediglich als „H₂-ready“ auszuweisen. Damit landet man im klassischen Henne-Ei-Problem: Es gibt noch nicht genug grünen Wasserstoff, also können die Kraftwerke auch nicht damit betrieben werden. Diese Übergangslösung mag pragmatisch erscheinen, birgt aber Risiken – denn ob und wie schnell die Umstellung auf Wasserstoff gelingt, hängt von vielen langfristigen Rahmenbedingungen ab.

Häufig wird auch auf Biogas als Lösung verwiesen. Wie groß ist dessen Potenzial?

Wittwer: Biogas kann einen Beitrag leisten, aber das Potenzial ist begrenzt. Aus den Szenarien wissen wir, dass Biomasse langfristig etwa 10 bis 15 Prozent des Energiebedarfs decken kann. Das ist deutlich weniger, als oft angenommen wird – selbst wenn man Abfallströme mit einbezieht.

Dennoch halte ich dezentrale Biogas- und KWK-Anlagen für gewisse Anwendungen für sehr sinnvoll. Sie erhöhen die Resilienz vor Ort, weil lokale Ressourcen genutzt werden können. Wichtig ist allerdings ein Paradigmenwechsel: Weg von der wärmegeführten Dauerproduktion, hin zu einer stromgeführten, flexiblen Betriebsweise. Dafür müssen die Anlagen leistungsfähiger werden, größere Gasspeicher bekommen und gezielt auf Netzbedarfe reagieren können. Das erfordert Investitionen – und entsprechende Anreize. In dieser Form können Biogasanlagen sinnvoll zur Netzstabilisierung beitragen.

Es existieren Beschwerden gegen absehbare Subventionen für neue Gaskraftwerke. Geht es hier um zwei unterschiedliche Debatten?

Wittwer: Ja, das sind tatsächlich zwei Ebenen. Mit Schwarm- oder Heimspeichern allein lassen sich keine mehrtägigen Dunkelflauten überbrücken. Eine typische Dunkelflaute im Januar dauert 72-120 Stunden. Selbst wenn wir 50 Millionen Heimspeicher mit je 10 kWh hätten – das sind 500 GWh Kapazität – wäre das bei einer durchschnittlichen Last von 80 GW in wenigen Stunden leer. Dafür braucht es echte Backup-Kapazitäten. Gleichzeitig sind Flexibilitätsanbieter und Speicher im sogenannten Arbitragegeschäft extrem wichtig und wirtschaftlich attraktiv.

Batteriespeicher, erneuerbare Energien und flexible Verbraucher können Tages- und teilweise auch Wochenunterschiede ausgleichen – aber keine längeren Dunkelflauten. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht „entweder oder“, sondern: Verzerrt der staatlich organisierte Kapazitätsausbau den Wettbewerb und behindert er Innovationen bei neuen Flexibilitätslösungen? Hier ist große Vorsicht geboten.

Wie ließe sich dieses Spannungsfeld auflösen?

Wittwer: Unser Ansatz am Fraunhofer ISE ist klar: Wir müssen konsequent entlang der volkswirtschaftlichen Gesamtkosten planen und diesen Rahmen als Leitbild für Regulierung und Politik nutzen. Entscheidend sind belastbare Mengengerüste und der nachweisliche Beitrag zur CO₂-Minderung. Darauf aufbauend braucht es eine strategische Entscheidung, welche Technologien zu welchem Zeitpunkt notwendig sind – ohne sie gegeneinander auszuspielen.

Das Marktdesign ist ohne Zweifel anspruchsvoll. Aber mit einem konsistenten Strategie- und Entwicklungsplan, dem man konsequent folgt, entstehen für alle Flexibilitätsanbieter tragfähige Geschäftsmodelle. In dieser Hinsicht bin ich optimistisch.