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Gebäudeautomation lässt sich jetzt bewerten

Ein Zeugnis für smarte Gebäude 

Jahrzehntelang entschieden Dämmstandard und Anlagentechnik darüber, wie gut ein Gebäude energetisch dasteht. Seit 2002 werden diese Informationen in Deutschland im Energieausweis übersichtlich und anhand wesentlicher Kennzahlen dargestellt. Ob die verbaute Technik auch sinnvoll genutzt wird, ob das Gebäude beispielsweise Lasten verschiebt, Störungen selbst meldet oder auf Preissignale aus dem Netz reagiert, bleibt im Energieausweis unsichtbar. Genau an dieser Stelle setzt der Smart Readiness Indicator (SRI) an. Er soll sichtbar machen, wie gut ein Gebäude durch Gebäudeautomation sowie Informations- und Kommunikationstechnik darauf vorbereitet ist, seinen Betrieb smart, effizient und nutzerorientiert auszurichten.

Diese Fragestellung gewinnt zunehmend an Gewicht, weil die nächste Entwicklungsstufe des Gebäudebetriebs von künstlicher Intelligenz geprägt sein wird. Vorausschauende Instandhaltung, selbstlernende Regelstrategien oder eine bedarfsgeführte Steuerung entfalten ihren Nutzen nur dort, wo Anlagen vernetzt sind, Schnittstellen offenliegen und verlässliche Daten vorhanden sind. Der SRI prüft im Kern, ob diese Voraussetzungen erfüllt sind.

Den Grundstein legte die EU-Gebäuderichtlinie (Energy Performance of Buildings Directive, EPBD) 2018, indem sie den SRI erstmals als freiwilliges Instrument einführte. In den darauffolgenden Jahren entwickelte die Europäische Kommission eine Methodik, mit der sich die digitale Leistungsfähigkeit von Gebäuden systematisch bewerten lässt. Anschließend erhielten die Mitgliedstaaten die Möglichkeit, den SRI in der Praxis zu testen und Erfahrungen mit seiner Anwendung zu sammeln.

Mit der Überarbeitung der EPBD im Jahr 2024 hat der SRI deutlich an Bedeutung gewonnen. Aus dem zunächst freiwilligen Bewertungsinstrument wird ein verbindlicher Bestandteil zukünftiger Gebäudeanforderungen. Vorgesehen ist, den SRI für große Nichtwohngebäude verpflichtend einzuführen. Betroffen sind Gebäude mit Heizungs-, Klimaanlagen oder kombinierten Heizungs- und Klimaanlagen mit einer Nennleistung von mehr als 290 Kilowatt. Damit liegt der Schwellenwert auf derselben Höhe wie bei den deutschen Anforderungen an die Gebäudeautomation.

Wie genau der SRI künftig angewendet wird, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt. Die Europäische Kommission sollte bis Ende Juni 2026 einen Bericht über die bisherige Erprobung und Umsetzung vorlegen. Dieser Bericht steht derzeit noch aus und wird zum Jahresende 2026 erwartet. Bis zum 30. Juni 2027 soll ein delegierter Rechtsakt festlegen, wie der SRI für die betroffenen Nichtwohngebäude konkret anzuwenden ist.

Komplexes System führt zum SRI-Score

Methodisch bewertet der SRI neun technische Gebäudebereiche, die so genannten Domains: Beleuchtung, Elektrizität, dynamische Gebäudehülle, Heizung, Kühlung, Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge, Lüftung, Trinkwarmwasser sowie Überwachung und Steuerung. Jeder Domain ist ein Katalog von Einzelfragen zugeordnet, den Services. Derzeit sind 54 Services vorgeschlagen, welche sich in Teilen an die Automationsfunktionen der DIN EN ISO 52120-1 anlehnen. Für jeden Service wird der Grad der Automation und Vernetzung in bis zu fünf Funktionalitätsstufen eingeordnet, von Level 0 (niedrig) bis Level 4 (hoch).

Die neun Domains fließen mit unterschiedlicher Gewichtung in den gesamten SRI-Score ein. Die jeweiligen Gewichtungsfaktoren hängen unter anderem von der Klimaregion sowie davon ab, ob es sich um ein Wohn- oder Nichtwohngebäude handelt.

Der SRI fragt zwar, was ein Gebäude kann, bewertet aber zugleich auch die Auswirkungen dieser Fähigkeiten. Jede erreichte Funktionalitätsstufe beeinflusst das Ergebnis unterschiedlich - je nachdem, welchen konkreten Beitrag sie zu den sieben Wirkungskriterien, den sogenannten Impacts, leistet: Bequemlichkeit, Energieeffizienz, Gesundheit, Informationsbereitstellung für die Nutzer, Komfort, Wartung und Fehlerprognose und Wohlbefinden sowie Energieflexibilität und Speicherung. Eine präsenzgeführte Beleuchtung etwa zahlt vor allem auf die Energieeffizienz ein, ein Störungsmonitoring der Lüftungsanlage in erster Linie auf Wartung und Fehlerprognose. Die sieben Impacts lassen sich drei zentralen Schlüsselfunktionen zuordnen, die den SRI ausmachen: Optimierung der Energieeffizienz, Anpassung an Nutzerbedürfnisse und Energieflexibilität.

Ein digitales Profil des Gebäudes wird erstellt

Wer die 54 Services der SRI-Bewertung beantwortet, erhält am Ende weit mehr als nur einen einzelnen SRI-Score. Aus den Antworten entsteht ein detailliertes digitales Profil des Gebäudes mit insgesamt 83 Teil-SRI-Scores. Jeder Score liegt zwischen 0 und 100 Prozent und zeigt, wie viel des jeweils möglichen Niveaus in einem bestimmten Bereich bereits erreicht wird. Dabei fasst der Gesamt-SRI-Score den digitalen Reifegrad des Gebäudes auf einen Blick zusammen. Gleichzeitig wird das Ergebnis auf Teil-SRI-Scores zu je den neun Domains, sieben Impacts und drei übergeordneten Schlüsselfunktionalitäten heruntergebrochen. Weitere 63 Scores zeigen, wie stark die einzelnen Impacts in den jeweiligen Domains bereits ausgeprägt sind.

Aus 54 Antworten, die mit dem Fachwissen eines Gebäudemanagers beziehungsweise Objektbetreuers zum Gebäude zu erheben sind, entsteht so ein detailliertes Bild davon, was ein Gebäude bereits leisten kann und wo noch Potenzial steckt. Der Gesamt-SRI-Score ermöglicht einen schnellen Vergleich im eigenen Portfolio oder innerhalb Deutschlands und EU-weit. Die Teil-Scores gehen deutlich tiefer und machen sichtbar, wo genau die Stärken und Schwächen derzeit liegen. So kann beispielsweise die Beleuchtung bereits weit entwickelt sein, während die Lüftung kaum auf den tatsächlichen Bedarf in einer Immobilie reagiert.

Genau darin liegt der praktische Nutzen des SRI. Er zeigt nicht nur, wie smart ein Gebäude ist, sondern auch, wo sich der nächste Schritt lohnt. Eigentümer können Gebäude und Portfolios vergleichen und gezielt Prioritäten setzen. Betreiber erkennen, in welchen Bereichen eine Nachrüstung besonders viel bewirken kann. Investoren erhalten eine nachvollziehbare Grundlage, um den digitalen Reifegrad eines Gebäudes einzuschätzen.

Der SRI macht Digitalisierung damit erstmals greifbar und vergleichbar. Aus einer Bestandsaufnahme wird eine Orientierung für konkrete Entscheidungen.

SRI versus Gebäudeautomationsgrad

Neben dem SRI gibt es in Deutschland bereits ein Verfahren zur Bewertung der Gebäudeautomation: den Gebäudeautomationsgrad nach DIN/TS 18599-11. Er beschreibt, wie weit die technischen Anlagen eines Gebäudes automatisiert sind, und ordnet sie den Automationsgraden A bis D zu.

Das Gebäudemodernisierungsgesetz stellt dabei unterschiedliche Anforderungen an Bestand und Neubau. Nichtwohngebäude mit Anlagen von mehr als 70 Kilowatt müssen bis Ende 2029 mit einem System für Gebäudeautomation und -steuerung ausgestattet sein. Es muss unter anderem Energieverbräuche überwachen und analysieren, Effizienzverluste erkennen und die Raumklimaqualität erfassen.

Für neu zu errichtende Nichtwohngebäude gelten darüber hinaus Anforderungen an den Gebäudeautomationsgrad. Über 70 Kilowatt ist mindestens Automationsgrad C und über 290 Kilowatt mindestens Automationsgrad B erforderlich.

SRI und Gebäudeautomationsgrad verfolgen damit eine ähnliche Grundidee. Beide machen sichtbar, wie gut die technischen Systeme eines Gebäudes automatisiert und gesteuert werden können. Der SRI betrachtet jedoch ein deutlich breiteres Spektrum. Neben der technischen Gebäudeausrüstung nimmt er auch Komfort, Ladeinfrastruktur und Wartung die Fähigkeit zur Reaktion auf das Energienetz in den Blick. Dadurch entsteht ein umfassenderes Bild davon, wie gut ein Gebäude auf die Anforderungen einer zunehmend digitalen und flexiblen Energiewelt vorbereitet ist.

Damit stehen in Deutschland heute zwei Instrumente nebeneinander, die sich in Teilen überschneiden, aber unterschiedliche Perspektiven auf die Intelligenz eines Gebäudes eröffnen. Wie sie künftig zusammenspielen, wird sich noch zeigen.

Was SRI für die Energieberatung bedeutet

Für Energieberatende mit Fokus auf Nichtwohngebäuden eröffnet der SRI ein neues Arbeitsfeld - und das schon heute. Für die SRI-Bewertung wird eine Bestandsaufnahme der technischen Anlagen und ihrer Funktionen benötigt, die in vielen Fällen bereits Teil der energetischen Bewertung ist. Wer diese Grundlagen kennt, kann den Digitalisierungsgrad des Gebäudes direkt miterfassen. So entsteht aus der klassischen Sanierungsstrategie ein umfassender Fahrplan, der Gebäudehülle, Anlagentechnik und Digitalisierung gemeinsam betrachtet.

Der erste Schritt ist eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Technik und eine systematische Bewertung der 54 SRI-Services. Dabei wird schnell sichtbar, wo bereits Potenzial für Verbesserungen steckt. Oft sind es zunächst einfache Maßnahmen wie eine präsenzabhängige Beleuchtungssteuerung oder eine bedarfsgeregelte Lüftung. Diese Maßnahmen lassen sich durch innovative Lösungen bereits heute auf Bestandssysteme aufsetzen, sodass zum Teil nicht einmal Anlagen ausgetauscht werden müssen, sondern einfach erweitert werden können. Solche Maßnahmen können den SRI kostengünstig verbessern und gleichzeitig dazu beitragen, gesetzliche Anforderungen zu erfüllen und den Gebäudebetrieb effizienter zu machen.

Wichtig ist dabei, dass der SRI zeigt, welche Voraussetzungen ein Gebäude für einen smarten und effizienten Betrieb mitbringt. Damit schafft er eine wichtige Grundlage, um gezielt Verbesserungen anzustoßen. Für die praktische Umsetzung stehen inzwischen digitale Werkzeuge zur Verfügung, mit denen sich der SRI strukturiert und mit überschaubarem Aufwand erfassen lässt.

Der SRI ist ein politisches Instrument und in seinem Charakter mit dem Energieausweis vergleichbar. Seine Wirkung entscheidet sich jedoch nicht in Brüssel oder Berlin, sondern im Gebäude selbst. Er sollte nicht einfach nur als weitere Nachweispflicht verstanden werden, sondern als praktisches Werkzeug, das den Wert intelligenter Technik sichtbar macht.

Eigentümer und Betreiber großer Nichtwohngebäude sollten deshalb bereits heute ihren Bestand analysieren. Wer heute weiß, wo sein Gebäude steht, kann die verbleibende Zeit nutzen, um gezielt die richtigen Weichen für einen smarten und zukunftsfähigen Gebäudebetrieb zu stellen.

Dr.-Ing. Tristan Emich
hat Bauingenieurwesen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) studiert und zum Smart ­Readiness Indicator promoviert. Aus seiner Forschung ist das KIT-Spin-off Onsite Solutions hervorgegangen.

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