Schon in der dritten Januarwoche hatte der Weltwindenergierat GWEC seine Vorhersage für den erwarteten weltweiten Windkraftzubau um noch einmal 13,3 Gigawatt (GW) auf mehr als 150 GW erhöht – nach einem Zubau von 117 GW im Jahr davor. Nach einer Neuberechnung durch den Marktanalysedienst Bloomberg New Energy Finance (BNEF) von Mitte März explodierte der Weltwindkraftmarkt wohl eher auf ein 169-GW-Volumen. Wie ERNEUERBARE ENERGIEN im aktuellen Heft berichtet, deuteten schon Ende März internationale Daten auf die für diesen Zuwachs hauptverantwortlichen Länder hin: nach China die USA, Indien, Deutschland, Türkei und möglicherweise Australien mit bis zu sieben oder wenigstens bis zu zwei Gigawatt – wobei Brasilien als weitere Windkraftmittelmacht mit ebenfalls bis zu 2 GW in einem Abwärtstrend steckt, nach im Vorjahr noch fast 3,3 GW. Inzwischen von der globalen Erneuerbare-Energien-Agentur Irena vorgelegte Daten lassen nun, wenige Tage bevor GWEC am Montag, 20. April, in Madrid die offizielle Gesamtstatistik vorlegt, auch bis zu zehn neue Hoffnungsländer dahinter sichtbar.
Die in der neuen „Renewable Capacity Statistics 2026“ von Irena unterscheiden sich etwas von den GWEC-Daten, weil Irena eine andere Bilanzierung vornimmt. Sie hat nicht zuletzt mit einer Unterscheidung zu tun, ob Netzanschlüsse von Windparks erst als Kompletteröffnung der Gesamtanlage oder schon bei den Inbetriebnahmen erster Einzelturbinen zählt. Irena bilanzierte zudem im Vergleich zu BNEF und dem offenbar BNEF folgenden alternativen Weltwindenergieverband WWEA in Bonn zehn Gigawatt weniger: 158,3 GW globaler Windkraftzubau im vergangenen Jahr.
Während Irena das von uns anhand der BNEF- und einiger nationaler Daten identifizierte führende halbe Dutzend der Windenergieländer bestätigt – nach China mit 119 GW ein Quintett oder gar Sextett verbliebener Windkraft-Mittelmächte – offenbart sich nun auch, welche Länder die neuen Hoffnungsmärkte sein könnten.
Philippinen schreiben Kapazitäten für raschen ersten Offshore-Windparkbau aus
Stabile 117 Gigawatt, kein Marktwachstum: China und die 17 anderen Windkraft-Leitmärkte
So bilanziert Irena als nationale Märkte mit auffälligen Werten außerhalb Europas auch noch Chile, Usbekistan und Laos mit fast gleichen gut 1,15 GW, Ägypten und Südafrika mit 884 und 829 Megawatt (MW), Taiwan dank Offshore-Windkraft mit 610 MW – sowie die vier Länder mit gut 300 bis knapp 400 MW Japan, Kasachstan, Kanada und Peru. Der mit GWEC gemäß eigenem Anspruch konkurrierende alternative Branchenverband WWEA, das soll nicht unter den Tisch fallen, zählt auch Vietnam mit sogar 2,5 GW zu den globalen Hoffnungsmärkten, was unabhängig von der Richtigkeit der Zählweise gemäß vielen Marktbeobachtern wohl stimmt.
Der Vergleich mit den GWEC-Daten des Vorjahres 2024 zeigt, dass die Zehn in der Irena-Statistik erkennbaren Windkraft-Aufschwung-Länder mit Ausnahme Kanadas möglicherweise einen stabilen anhaltenden Windkraft-Aufschwung erleben:
1. Chile: Das südamerikanische Land hatte schon 2023 und 2024 mit 688 MW und 307 MW Zubau aus dem schwachen Installationsgeschehen des Kontinents deutlich herausgestochen.
2. Usbekistan: Schon der GWEC-Bericht des vergangenen Jahres erklärte, die „Philippinen, Kasachstan und Usbekistan sind die zu erwartenden neuen aufgehenden Sterne der Region“ Zentralasiens. Bereits 13 GW fortgeschrittener Windparkprojekte seien erkennbar. Vor allem Projekte mit privatwirtschaftlich-staatlicher Partnerschaft, sogenannte PPP-Projekte (public-private partnerships) trieben hier die Entwicklung.
3. Laos: Der Zubau erfolgte offenbar aufgrund des hohen Strombedarfs im aufstrebenden östlichen Nachbarland Vietnam, das selbst stark auf Windkraft setzt: Die drei Windparks Monsoon mit 600 MW sowie die zunächst in einem Teilbauabschnitt in den Betrieb gestarteten Projekte Truong Son und Savan mit 260 und 300 MW gingen an grenzüberschreitenden Übertragungsnetz-Leitungen für den Stromexport in Betrieb. Die Investmentgesellschaften kommen aus Vietnam und China.
4. Ägypten: Die Zubaukurve zeigt steil nach oben. Nach 2023 schon 360 MW und 2024 mehr als verdoppelt schon 793,5 MW waren es 2025 nun also möglicherweise noch einmal 90 MW mehr. Auch Ägypten zählte GWEC zu den aufgehenden Sternen, wo eine „Multi-Gigawatt-Projektepipeline“ für Windturbinen an Land bereits im Bau sei oder deren Projekte nun baubereit seien.
5. Südafrika: Für das bisherige Windkraft-Führungsland hatte GWEC nach einem enttäuschenden Bilanzjahr 2024 ab 2025 bis 2030 ein stabiles Wachstum vorhergesagt. Nachdem der staatliche Netzbetreiber jahrelang im Verdacht stand, die Integration von Windkraft zugunsten der eigenen fossilen Kraftwerke zu verzögern, scheint es nun zur vorläufigen Windenergie-Energiewende gekommen zu sein: Der neue sogenannte Integrated Resource Plan der Regierung lässt einen nun jährlich zunehmenden Windparkbauvolumen erwarten, womit die Windkraft zu einem Pfeiler in der Energieversorgung des Landes werden könnte, wie GWEC vermutete.
6. Taiwan: Hier hat der Offshore-Windkraftausbau nach 692 und 933 MW in beiden Vorjahren inzwischen seinen kontinuierlichen Zubaufluss erreicht. Die Regierung in Taipeh hatte allerdings in der Vergangenheit die Entwicklung kurzfristig abgewürgt, indem sie nach schon erfolgten Ausschreibungen die bezuschlagten Vergütungen rückwirkend gesenkt und die Berechenbarkeit des Marktes in Frage gestellt hatte.
7. Japan: Nach 572 MW und 603 MW Zubau an Land sowie geringen 62 MW und 100 MW im Meer waren es nun wieder etwas weniger. Allerdings blieb Japan damit nicht nur zum dritten Mal in Folge unter den ersten vier Ländern Asiens hinter den Führungsmärkten China und Indien. Mit einem zu erwartenden Netzanschluss weiterer fünf Gigawatt auf See sowie nach dem bisherigen Rekord-Onshore-Jahr 2024 einer weiterhin mäßig guten Perspektive für Windparkbau an Land, urteilte der Weltwindenergierat im vorigen Jahresbericht zudem: Japan gehöre zusammen mit Südkorea und den Philippinen zu denjenigen asiatischen Ländern, die zuletzt wichtige politische Fortschritte bei Windkraft an Land eingeleitet hätten.
8. Kasachstan: Das Land zählt gemäß den Marktbeobachtungen bei den Weltwindenergierat-Experten als eines von drei wichtigen zentralasiatischen Ländern mit großskaliken fortgeschrittenen Projekten. Hier zählen offenbar langfristige Stromlieferverträge zu einer der treibenden Faktoren, Kasachstan arbeitet zudem in Kooperation mit Usbekistan am Windkraftausbau auf Basis strategischer Vereinbarungen und einer gemeinsamen Zusammenarbeit mit internationalen Finanzierungs-Förder-Organisationen.
9. Kanada: Das Windpark-Baugeschehen im Land ist eher rückläufig nach 1,7 und 1,4 GW in den beiden Vorjahren. Wenigstens erwartete GWEC vor einem Jahr noch einen Zubau bis 2030 von mehr als 6 bis 7 GW in den sechs Jahren ab 2025. Das käme einem Zubau in den restlichen Jahren bis zum ersten Jahr des neuen Jahrzehnts immerhin stetig oberhalb der Ein-GW-Grenze gleich.
10. Peru: Eine großartige Perspektive für die Windkraft sehen bislang die Windenergieorganisationen nicht für dieses Land. Doch die deutsche Außenhandelsfördergesellschaft GTAI urteilte schon im vergangenen Jahr mit Verweis auf eine Studie des Wirtschaftsexpertise-Dienstleisters Ernst & Young: „Nach dem Attraktivitätsindex für erneuerbare Energien (RECAI) der Unternehmensberatung Ernst & Young lag Peru bereits … auf Rang 5 in der Region.“
Zum Vergleich: Zubauvolumen im Bereich von 300 MW bis oberhalb der Ein-Gigawatt-Schwelle waren weltweit bislang nur in Europa gehäuft zu messen. So installierten im vergangenen Jahr auf unserem Kontinent hinter Deutschland mit 5,8 GW an Land und auf See sowie der Türkei mit 2,1 GW genau ein Dutzend der 33 europäischen Länder entsprechende Nennleistungs-Volumen: von mehr als 300 MW bis zu großzügig aufgerundeten 1,8 GW.
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