Umspannstation für polnische Windparks Baltyk 2 und 3 in der niederländischen Werft Vlissingen von Smulders. Hier rollte der belgisch-französische Zulieferer im September auch die Trafostation OSS Darß für Gennaker in der Ostsee aus der Halle. Rubrikaufmacher S.14: OSS Jasmund von Smulders
Europäische Union will mehr Komponentenbau für Meereswindparks in Europa. Innovative deutsche Anbieter wirken in der ganzen Breite mit.
Tilman Weber
Ende Januar zeigte das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) der deutschen Wertschöpfungskette für Offshore-Windparks einmal mehr ein rotes Haltesignal. Auf einem „parlamentarischen Abend“ in Berlin ließ BMWE-Staatssekretär Frank Wetzel die Branchenleute wissen, dass „eine Neukonzeption des Ausschreibungssystems Offshore erst für 2027 vorgesehen ist“, wie es Wolfram Axthelm berichtet. Der Geschäftsführer des Windkrafthauptverbandes Bundesverband Windenergie ist überzeugt, dass zwar die von der Europäischen Union (EU) 2024 als Net Zero Industry Act (NZIA) beschlossenen Wirtschaftsstandort-Förderregeln noch in die im Sommer geplante Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) einfließen werden. Für neue Solar- und Windparks an Land würden sie ab 2027 wirken. Bei Meereswindkraft laufe die Gesetzgebung aber wohl erst an, kommendes Jahr, in einer Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes (WindSeeG).
Das NZIA sieht vor, dass die EU-Mitgliedstaaten die Unternehmen aus der EU an der geplanten Netto-Null-Emissionen-Wirtschaft deutlich beteiligen. Alle Technologien, die eine Wirtschaft ohne klimaverändernden Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen ermöglichen, sollen bis 2030 zu mindestens 40 Prozent von heimischen Unternehmen kommen. Deshalb soll in Ausschreibungen von Grünstromanlagen künftig weniger zählen, dass projektierende Unternehmen wenig Vergütungszuschüsse für ihren erzeugten Grünstrom verlangen. Denn allzu kostengetriebene Ausschreibungen könnten bei Windkraft auf See, wie schon bei Photovoltaik (PV) geschehen, nur noch unschlagbar günstige asiatische Zulieferer mit viel größeren Massenproduktionen und staatlicher Förderung zum Zuge kommen lassen. Insbesondere chinesische.
Gründung geliefert, Rothe Erde baut Lager
Noch ist die EU-Wertschöpfungskette verhältnismäßig stark: So stammten zum Beispiel von den in der ersten Februarhälfte frisch gestarteten oder gerade abgeschlossenen Großkomponentenlieferungen für fünf europäische Offshore-Windparks drei aus europäischer Fertigung: Das belgisch-französische Unternehmen Smulders rollte die bereits zweite Umspannplattform einer doppelten Offshore-Trafostation für den deutschen Ostseewindpark Gennaker aus der Fertigungshalle in den Niederlanden. Das französische Chantiers de l’Atlantique beendete in Saint-Nazaire die Herstellung zweier Umspannwerke für Nordseecluster A in Deutschland. Zugleich kamen erste XXL-Monopiles als Unterwasserfundament-Säulen für das britische Nordseewindfeld Hornsea 3 im Logistikhafen in Nordengland an – aus spanischer Fertigung. Kurz davor waren Lieferungen des Fundamentes der deutschen Nordsee-Umspannplattform Borwin Kappa aus Dubai und zur Turbinengründung im schottischen Inch Cape aus China erfolgt. Dafür vergab Vattenfall die letzte Teilfertigung zur Turbinengründung im deutschen Nordlicht an ein dänisches Unternehmen, derweil der deutsche Stahlbaukonzern EEW aktuell die Monopiles fertigt.
48 Gigawatt ist die von Wind Europe erwartete Zubaukapazität, die Offshore-Windpark-Projektierer in den Ländern der EU dann zusätzlich installiert haben werden. Das wäre noch einmal mehr als das Doppelte der Ende 2025 in EU-Europa einspeisenden Kapazität. Die Zubauziele der EU liegen weit höher.
Auch deutsche Unternehmen punkten weltweit durch innovative Produkte. Zu lernen ist das nicht zuletzt bei Thyssenkrupp Rothe Erde. Das Industrieunternehmen mit Großwälzlagerfertigung im westfälischen Lippstadt und einer Produktionsstätte in Dortmund für nahtlos gewalzte Ringe als Grundkörper der Großwälzlager stellt nicht nur Schnittstellenkomponenten für Drehbewegungen einer Windenergieanlage her: Drehlager für die Hauptwelle vom Rotor ins Getriebe, zahnradbehaftete Pitch-Großwälzlager für die Rotorblätter, Getriebelager und den Azimut fürs Stellen des Maschinenhauses in den Wind. Außerdem hat das Industrieunternehmen 2024 eine Pitch-Bearing-Unit als Standardisierungseinheit fürs Stellen der Rotorblätter entwickelt: Ein mit Extenderlagern variabel auf verschiedene Radien auslegbares Bauteil. Es erlaubt Rotorblattverlängerungen, ohne dass die Turbinenbauer größere Naben benötigen. Rothe Erde liefert sie als fertige Baugruppe mitsamt Pitchlager, Versteifungsplatte und hydraulischem oder elektronischem Pitchantrieb fürs Blattstellen. Fürs Aufbessern oder einen Lageraustausch im sogenannten After-Market nach einer Laufzeitverlängerung von Altwindturbinen bieten die Lagerspezialisten das Tower Ready Modul im konventionellen Design an, das alle für den Blattlageraustausch notwendigen Teile – Pitchlager selbst, Schrauben und Schmiersystem – integriert und daher viel Zeit beim Austausch einspart (siehe Interview Seite 19).
Rothe Erde ist weltweit aktiv und produziert mit 14 Werken in 10 Ländern die Lagerprodukte immer in Kombination mit den dazugehörigen Ringwalzwerken. Weil die Thyssenkrupp-Tochter „alle namhaften Hersteller“ beliefert, und weil die Lager in Windenergieanlagen auch an Land zum Einsatz kommen, kommt es bei ihr im Offshore-Windkraftgeschäft „trotz Marktunruhe durch gescheiterte Ausschreibungen oder verzögerte Netzanschlüsse derzeit zu keinem Fadenriss“. Das teilt Vertriebssprecher Peter Küpper mit.
Das trifft wohl auch auf die deutlich kürzeren Projekt- und Technologie-Entwicklungszyklen in Asien zu. Dort beliefert das Unternehmen sowohl den zweitgrößten Windkraftmarkt des Kontinents Indien, als auch den abgeschlagen führenden Topmarkt China. Allerdings, so heißt es bei dem Zulieferer, mache neben einer „preisaggressiven Wettbewerbssituation“ auch „die geopolitische Gesamtlage seriöse Prognosen“ nahezu unmöglich, die einen Ausbau der Fertigungen planen lassen.
Nordseeländer wollen Wertschöpfung
Bei einem Nordseegipfel in Hamburg vereinbarten sich indes Ende Januar die Staatschefs der neun Länder der Oostende-Deklaration von 2023 auf eine Planbarkeit fördernde gemeinsame Offshore-Wertschöpfung-Politik. Deutschland, Frankreich, die Benelux-Länder, Großbritannien, Irland, Norwegen und Dänemark hatten in der belgischen Seestadt einen Ausbau von zusammen 300 Gigawatt (GW) Erzeugungskapazität bis 2050 angekündigt. Jetzt beschlossen die Partnerländer im Beisein des erstmals teilnehmenden Island und mit teils neuem Personal wie Bundeskanzler Friedrich Merz, davon 100 GW durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu leisten. Deutschland und Dänemark vereinbarten als Startsignal das gemeinsame3-GW-Projekt Energieinsel Bornholm, die den Strom über zwei Anbindungen in beide nationalen Netze liefern soll. Wie es der NZIA vorsieht, vereinbarten die zehn Länder, strategisch für die Wertschöpfungskette wichtige Produktionsstätten und das Investieren in europäisch produzierte Bauteile zu fördern, Risiken rauszunehmen und stabile Fahrpläne für Ausschreibungen zu liefern.
Gescheiterte Ausschreibungen und verspätete Lieferungen von Umspannstationen sind aktuelle Probleme in Europas Offshore-Windkraft-Wertschöpfung. In Großbritannien blieb schon 2023 eine Auktion ohne Beteiligung von Bietern, Dänemark ereilte dies Ende 2024. Davor hatte Belgien sich das Ausgeben staatlicher Zuschüsse bis 680 Millionen Euro durch die EU genehmigen lassen, damit geplante Meereswindkraft-Kapazitäten von 3,5 GW rings um die künstliche Prinzessin-Elisabeth-Insel entstehen, die den Strom in drei Nachbarländer umspannen wird. 2025 waren Tender in Frankreich, Litauen, Niederlande und Deutschland gescheitert. Weil Baukosten durch Inflation oder globale Handelsprobleme explodierten, versagten die zuvor siegreichen Null-Cent-Ausschreibungen mit Ausschluss von Vergütungszuschüssen. Erst recht funktionierten deutsche Negativgebotstender mit Zahlungen für Projektierungsrechte nicht mehr. Auch verspätete Netzanschlüsse verursachten Verzögerungen.
48 Stunden beträgt die Frist, in der die Medizindienstleistenden vom Medical Offshore Support aus Ganderkesee Auftragsanfragen besetzen.
Bestandsaufnahme deutsche Zulieferer
Während aktuell fast alle EU-Länder und auch der größte europäische Offshore-Windkraftmarkt Großbritannien ihre Ausschreibungssysteme nach teils mehrfachen Korrekturen bestenfalls wieder hochfahren, prüfen Marktkenner die Wertschöpfungschancen für die Zeit nach dem Neustart regulärer Ausschreibungen. Sind genug Kapazitäten da, wenn die Aufträge anziehen? So wird sich die betriebene Nennleistung auf See alleine in der EU gemäß Europas Branchenverband Wind Europe um 48 GW bis 2030 erhöhen und so mehr als verdreifachen Und 2024 allein waren Zuschläge in europaweiten Ausschreibungen von 19,9 GW dazugekommen.
„Für einen Markt, der alle ursprünglich ausgegebenen Ausbauziele der Offshore-Windenergie erreichen will, wären nicht ausreichend Kapazitäten im Bereich Turbinenbau, Netzanschlüsse/Konverterstationen sowie die gesamte Logistikkette – Schiffe, Häfen – vorhanden“. Das sagt Dirk Briese, Geschäftsführer von Windresearch. Das Bremerhavener Dienstleistungsunternehmen hatte 2022 eine Studie zur Wertschöpfung der Offshore-Windkraftbranche im Auftrag des Branchennetzwerks WAB veröffentlicht. Nun steht deren Neuausgabe bevor. Briese kennt die aktuelle Situation.
Die von Windresearch neu ausgemachten Knappheiten betreffen nicht die volle Breite der vielfältigen, bundesweit gut verteilten Unternehmen, die der 2022-er Studie zufolge umgerechnet mehr als 21.000 Menschen in Vollzeit beschäftigen. Doch für Offshore-Umspannwerke sei weiter mit Lieferzeiten von gut drei Jahren zu rechnen. Den deutschen Unternehmen, sagt Briese, vernebelten gestiegene Kapitalkosten, regulatorische Unsicherheit wohl wegen der dringenden Reform des WindSeeG und Fachkräftemangel weiter die Marktlage.
Kriterien für neue Auftragsvergabe
Koordinierend ist dieses Mal der Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) an der Studie beteiligt. Der Verband hat vier vorrangige Erwartungen an die NZIA-Umsetzung. Dies erklärt BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm: „Erstens gilt, hohe Abhängigkeiten von einzelnen Nicht-EU-Staaten zu reduzieren und strategisch wichtige Komponenten resilienter zu beschaffen“. Damit die Lieferketten widerstandsfähig gegen nicht selbst beeinflussbare Entwicklungen von außerhalb der EU sind, sollte die EU genau das regeln: „Hier können auch Mengenvorgaben für eine resiliente Beschaffung bestimmter Materialien oder Komponenten eine Rolle spielen“.
Dann dürften die NZIA-Kriterien nur gestaffelt zum Einsatz kommen: „Es ist sinnvoll, diese erst auf eine Teilmenge der Offshore-Auktionen zu begrenzen, um praktische Erfahrungen zu sammeln und Fehlsteuerungen zu vermeiden“. Auch müssten die Kriterien praxisgerecht ausfallen, auf bestehenden nationalen Ausschreibungssystemen aufbauen und als überprüfbare begrenzte Mengenvorgaben gelten. Und bei der Vorauswahl der für Lieferkettenausschreibungen zulässigen Bieter brauche es ein Resilienzkriterium, das diese nur bei eigener Widerstandsfähigkeit gegen Krisen zulässt.
Über die Stabilität der Projekte entscheiden auch Dienstleistungsunternehmen am anderen Ende der sogenannten Wertschöpfungskette mit. Dort arbeitet Elmar Heidenescher. Er ist Mediziner und leistet in einem zwölfköpfigen Team einen sogenannten notfallmedizinischen Versorgungsdienst auf See. Der von ihm geführte Medical Offshore Support in Ganderkesee ist dabei einerseits ein notfallmedizinischer Werkdienst. Die Gesetze legen nämlich fest, dass der Meereswindpark und die Einsatzschiffe der Windparkarbeitenden als deutsches Betriebsgelände gelten, auf das nur spezielle Werksärzte dürfen.
Vollmedizinischer Dienst auf See
Heidenescher und seine „Offshore Medics“, wie er die Angehörigen des medizinischen Teams nennt, sind in Notfällen ebenso im Einsatz wie zur allgemeineren Gesundheitsbegleitung der Windparkteams. Sie wollen binnen zwei Tagen auf Anfragen für einen Einsatz reagieren können. „Aktuell sind Auftragsanfragen innerhalb 48 Stunden besetzt“, sagt er. Als Gesundheitsanbieter vernetzt sich Medical Offshore Support mit weiteren Medizindienstleistern. Wenn möglich helfen sie sich aus. Sein Job sei auch, sagt Heidenescher, auf dem Schiff ein hausärztlicher Berater und Zuhörender zu sein (siehe Interview unten).
Die Vielfalt an innovativen Unternehmen soll das Net Zero Valley Nordwestdeutschland aufzeigen. Es ist die Initiative eines sogenannten Beschleunigungstales, das der NZIA als Innovationsraum vorsieht. Ihr gehören einige Dutzend Offshore-Windkraft-Zulieferunternehmen an. Im Beschleunigungstal lassen sich besondere strategische Projekte fördern. Noch ist über die Förderung nicht entschieden. Koordinator ist das Amt für regionale Landesentwicklung Weser-Ems.
Die EU fordert schon mal, dass künftig alle Mitgliedstaaten die Zuschläge in den Ausschreibungen neuer Windparks mittels Differenzverträgen vergeben: Diese Contracts for Difference oder CFD veranlassen die Bietenden, ihre Vergütungsforderungen an realistischen Kostenannahmen auszurichten. Im Windparkbetrieb erhalten sie dann bei Stromhandelspreisen unterhalb dieser Vergütungshöhe einen Aufschlag, bei höheren Einnahmen am Strommarkt müssen sie die Überschüsse zurückzahlen.
Darüber hinaus sieht das NZIA vor, dass qualitative Zuschlagskriterien wie verantwortliche Unternehmensführung, Sicherheit der elektronischen Steuerung und der Daten vor unbefugten außereuropäischen Zugriffen und die Fähigkeit zur Termintreue bei Bauteillieferungen entscheiden, welche Projekte an den Ausschreibungen teilnehmen können. Außerdem sollen qualitative Kriterien zu 15 bis 30 Prozent den Zuschlag mitentscheiden, die dem Umweltschutz dienen und der Sicherung eines funktionierenden Erneuerbare-Energien-Ausbaus.
Die Zeit zur neuen Wertschöpfungsordnung drängt: Schon Ende 2027 will die EU-Kommission als Unionsbehörde die Erfolge der ersten angepassten nationalen Ausschreibungen für neue Energie- und Klimaschutzanlagen überprüfen.
Netto-Null-Industrie
Net-Zero-Industry.Act.(NZIA) heißt das 2024 in der Europäischen Union beschlossene und 2025 präzisierte Regelwerk zur Wertschöpfung in Europa. Damit sollen die Mitgliedsstaaten ab 2027 die Fertigung der wichtigsten Komponenten der Technologien für eine Netto-Null-Emissionen-Wirtschaft überwiegend in Europa stattfinden lassen. Vor allem sollen die Lieferketten nicht mehr anfällig gegen Krisen aus dem Ausland sein. Die Umsetzung in deutsches Recht steht ab 2027 an.
Breite Wertschöpfung vom Lagerbauer am einen bis zum Medizindienstleistenden an der anderen Seite. Rothe Erdes Extenderlager (Pitch Bearing Unit) mit Hydraulik-Stellarm
Foto: thyssenkrupp rothe erde
Tower-Ready-Einheit für Blattlagertausch
Foto: Medical Offshore Support GmbH & Co. KG
Telemedizinische Verbindung
Foto: Medical Offshore Support GmbH & Co. KG
Checkwerte – grün: EKG, blau: Sauerstoff im Blut, gelb: Kohlenstoffdioxid im Blut, weiß klein: Blutdruck, weiß groß: Temperatur
Foto: Medical Offshore Support GmbH & Co. KG
Notfallsanitäter auf deutschem Betriebsgelände – das ist der einem Werkrettungsdienst ähnliche Status der Gesundheitsdienstleister im Offshore-Windpark von Medical Offshore Support aus Ganderkesee.
Foto: thyssenkrupp rothe erde
Lagerproduktion bei Thyssenkrupp Rothe Erde
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