Das Projekt „Bornholm Energy Island“ markiert insofern einen wichtigen Meilenstein für die europäische Energieunion, als dass es die grenzüberschreitende Vernetzung über die Offshore-Windkraft anstößt. Die EU fördert das entsprechend mit 645,2 Millionen Euro. Als erstes Projekt seiner Art stärkt die Energieinsel Bornholm die Widerstandsfähigkeit, Nachhaltigkeit und Integration des europäischen Energiesystems und dient als Vorbild für künftige Offshore-Projekte. Getragen von Energinet und 50Hertz verbindet es mehrere Offshore-Windparks über einen zentralen Energie-Hub auf der Ostseeinsel Bornholm. Rund drei Gigawatt erneuerbarer Strom sollen so nach Dänemark und Deutschland geleitet und Millionen Haushalte sowie Unternehmen mit sauberer Energie versorgt werden. Möglich wird dies durch neue Konverterstationen, ein rund 200 Kilometer langes Seekabelsystem und zusätzliche Landverbindungen. Als weltweit erster hybrider Gleichstrom-Interkonnektor steht das Projekt für eine neue Form europäischer Energiekooperation.
Beim North Sea Summit hat das Projekt praktisch Symbolkraft erreicht, steht es doch für die neue Zusammenarbeiter der europäischen Länder beim Ausbau eines Großkraftwerks Offshore in der Nordsee. Die Zusammenkunft europäischer Staaten zur weiteren Zusammenarbeit bei der Meereswindkraft wird von der Bundesregierung, Unternehmen und Verbänden als großer Wurf bewertet.
Die Ergebnisse des North Sea Summit sehen Sie hier.
Im Nachgang zu diesem dritten North Sea Summit luden sechs Verbände gemeinsam zum Parlamentarischen Abend ein, um die Ergebnisse genauer zu beleuchten. Wolfram Axthelm, Geschäftsführer Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE), begrüßte dabei ausdrücklich die Ergebnisse des Offshore-Gipfels und die starken politischen Botschaften, die dort formuliert wurden. Begriffe wie „Stromkreuz Europas“ oder „Energie-Hub der Welt“ seien wahrgenommen worden und setzten wichtige Signale. Zugleich betonte er: „Natürlich ist es wichtig, die richtigen Botschaften zu senden, damit Politik und Verwaltung ihren Handlungsauftrag erkennen. Aber jetzt muss das auch erfolgen.“
Das klare Bekenntnis der Bundesregierung zur Offshore-Windenergie bewertete er positiv. Entscheidend sei nun jedoch, dass diesem Bekenntnis konkretes Handeln folge. Besonders kritisch sieht er die aktuelle Ausschreibungssituation. Die Branche erlebe bereits zum zweiten Mal einen deutlichen Einbruch – einen „Durchhänger“, der gefährlich sei. Die Verbände warnten seit zwei Jahren davor, dass ohne Gegenmaßnahmen ein strukturelles Problem entstehe.
In diesem Zusammenhang kritisierte Axthelm die Perspektive, erst 2027 wieder umfassend handlungsfähig zu werden. „Zu sagen, 2027 geht es dann wieder los, ist fatal“, stellte er klar. Für große Teile der europäischen Wertschöpfungs- und Lieferketten sei das schlicht zu spät. Er verwies auf Großbritannien als positives Beispiel: Dort habe der Staat innerhalb weniger Wochen das Ausschreibungssystem angepasst und erfolgreich umgesetzt.
„Das zeigt, dass es funktioniert – wenn man es wirklich will.“ Die Politik könne es sich nicht leisten, ein weiteres Jahr verstreichen zu lassen. Stattdessen brauche es sofortige Anpassungen, damit Offshore-Wind wieder Fahrt aufnehme und die Lieferketten stabil blieben.
Tim Meyerjürgens, CEO TenneT GmbH, ordnete den Offshore-Gipfel in einen größeren geopolitischen Kontext ein. Der erste Gipfel sei 2023 vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine entstanden. Heute sei die Lage jedoch noch angespannter. „Energie ist heute Sicherheitspolitik“, stellte Meyerjürgens klar.
Darüber hinaus sei Energie auch Wettbewerbs- und Industriepolitik. Die geopolitischen Spannungen beträfen längst nicht mehr nur den Osten, sondern hätten sich auch im Verhältnis zum Westen deutlich verschärft. Europa müsse daher souveräner werden – und könne das nur gemeinsam erreichen. Der Gipfel habe hierfür ein starkes Signal gesetzt.
Im Vergleich zu den ersten beiden Offshore-Gipfeln habe sich die Stimmung grundlegend verändert. Während zuvor Klimaschutz und ambitionierte Zielbilder im Vordergrund standen, sei diesmal der Fokus deutlich pragmatischer gewesen. „Es ging nicht mehr nur um Absichtserklärungen, sondern darum, wie wir tatsächlich dorthin kommen.“
Er erinnerte an einen eindringlichen Appell der Verbände im Herbst, die anstehenden Auktionen nicht unverändert durchzuführen. Stattdessen brauche es ein „De-Risking“ der Branche, etwa durch die Einführung eines CfD-Modells, um Kapitalkosten zu senken. Großbritannien zeige, dass dies funktioniere.
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Aus Netzperspektive kritisiert Meyerjürgens die bislang meist einseitige Anbindung der Offshore-Windparks. Diese führe dazu, dass teure Infrastruktur nur etwa 25 Prozent der Zeit ausgelastet werde. „Das können wir uns schlicht nicht leisten.“ Eine stärkere Koordination und europäische Vernetzung sei daher unerlässlich. Das Modell der Bornholm Energy Island zeigt nun einen effizienteren Weg auf.
Unter der Moderation von Dennis Rendschmidt, Geschäftsführer VDMA Power Systems, diskutierten dann Maria-Lena Weiss, MdB, CDU/CSU, Alaa Alhamwi, MdB, Bündnis 90/Die Grünen, Dunja Kreiser, MdB, SPD, Till Schwarzlose, Senior Vice President Development EU, RWE Offshore Wind, Marc Becker, Senior Vice President Offshore, Siemens Gamesa. Inhaltlich ließen sich die Diskussionen von gestern im Wesentlichen drei Themenfeldern zuordnen, so Rendschmidt, die er in der Talkrunde ebenfalls aufgreifen wolle:
Finanzierung und Erlösmodelle – also die Frage nach verlässlichen Rahmenbedingungen für Investitionen.
Chain und Industrie – wie stellen wir sicher, dass die benötigte Hardware rechtzeitig und in Europa verfügbar ist?
Sicherheit – ein Thema, das neu an Bedeutung gewonnen hat und heute viel präsenter ist als noch vor wenigen Jahren.
Er wandte sich an Frau Weiss mit der Frage, welche Rolle Offshore-Wind aus ihrer Sicht im Kontext von Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Kosten spiele? „Ich halte es für absolut richtig, an den bestehenden Klimazielen festzuhalten. Alles andere wäre fatal gewesen.“ Dabei gehe es nicht um die Frage, ob ein Ziel ein oder zwei Jahre früher oder später erreicht werde, sondern um die grundsätzliche Kursentscheidung. Viele – auch in der Branche – verließen sich auf diese Zielsetzungen. Und Offshore-Wind spiele dabei eine zentrale Rolle. „Offshore ist gewissermaßen das Herzstück der Energiewende, weil die Erzeugungsmengen und das Potenzial, das hier liegt, kaum durch andere Technologien zu ersetzen sind.“
Alaa Alhamwi betonte: „Wir brauchen dringend eine Reform des Ausschreibungsdesigns, eine Novellierung des Windenergie-auf-See-Gesetzes, und vor allem Tempo.“ Er merkte zudem an: „Ein Punkt hat mich gestern besonders irritiert: Der Bundeskanzler sprach von Offshore-Wind als „Übergangstechnologie“. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das falsch. 100 Prozent erneuerbare Energie sind technisch möglich, Offshore-Wind spielt dabei eine Schlüsselrolle.“
Till Schwarzlose brach bei seinem Statement eine Lanze für das britische Vergütungssystem: „Das aktuell erfolgreiche Modell basiert auf einem zweiseitigen Contract-for-Difference (CfD), der inflationsindexiert und produktionsunabhängig ausgestaltet ist. Dieses Modell hat sich in Großbritannien über Jahre bewährt.“
Siemens-Gamesa-Mann Marc Becker sagte: „Die Projekte, über die wir heute sprechen, gehen 2033 oder 2034 ans Netz. Das sind acht Jahre Vorlauf. Und was passiert in der Zwischenzeit? Wir haben rund 60 GW bezuschlagte Offshore-Leistung, davon aber nur für etwa 4 GW eine finale Investitionsentscheidung. Ohne einen kontinuierlichen Ausbaupfad können wir weder Produktionskapazitäten auslasten noch Arbeitsplätze sichern. Man kann nicht von null auf 15 GW pro Jahr springen.“ Er verwies dabei auf die Produktionsstätte seines Unternehmens in Cuxhaven. Dunja Kreiser nahm den Faden auf. „Der gestrige Nordsee-Gipfel war ein sehr wichtiges Signal für unsere Küstenländer und die dort angesiedelte Industrie. Offshore-Wind bietet eine enorme Chance für regionale Wertschöpfung. Wir sprechen von über 90.000 Arbeitsplätzen, die langfristig mit diesem Sektor verbunden sein können. Gerade in Zeiten des industriellen Wandels ist das von enormer Bedeutung.“
Die zentrale Botschaft des Abends war klar: Ohne Verlässlichkeit, Tempo und klare politische Entscheidungen werden die ambitionierten Ziele nicht erreichbar sein.