Die Integration von Photovoltaik oder Batteriespeichern in bestehende Windprojekte wirkt auf den ersten Blick naheliegend. In der Praxis verändert sie jedoch grundlegend, wie Projekte bewertet und geplant werden müssen.
In klassischen Windprojekten folgen elementaren Entscheidungen meist einer klaren Abfolge: Zunächst wird die Nutzfläche bewertet, anschließend das Windpotenzial analysiert, darauf basierend die Turbinen dimensioniert und das Layout entwickelt. Es folgen die Auslegung des Netzanschlusses sowie die wirtschaftliche Bewertung. Bei hybriden Projekten greift diese Logik nicht mehr. Stromerzeugung, Speichereinsatz, Netzanschlusskapazität, mögliche Abregelung und Strommarkterlöse stehen in direkter Wechselwirkung. Entscheidungen zur Auslegung wirken sich unmittelbar auf andere Projektparameter aus. Die Zusammenhänge wirken nicht mehr sequenziell, sondern simultan und es entsteht zusätzliche Komplexität.
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Diese Komplexität wird durch aktuelle Marktbedingungen zusätzlich verstärkt. Zunehmende Netzengpässe, steigende Abregelungsrisiken und volatile Strompreise erhöhen den Druck, Wechselwirkungen frühzeitig zu verstehen und in der Planung zu berücksichtigen.
Die Lösung liegt dabei nicht in der Vermeidung hybrider Konzepte. Im Gegenteil: Die komplementären Erzeugungsprofile von Wind und Solar, die Flexibilität durch Speicher sowie die effizientere Nutzung bestehender Netzanschlüsse – etwa durch Überbauung – bieten erhebliche Vorteile. Diese lassen sich jedoch nur realisieren, wenn Projekte von Beginn an als integrierte Systeme geplant und bewertet werden.
Konsequenzen für die Entwicklung
Schon lange vor der Detailplanung müssen grundlegende Entscheidungen zur technischen Auslegung und wirtschaftlichen Tragfähigkeit getroffen werden. Dazu zählen insbesondere das Verhältnis von Wind- zu Photovoltaik-Leistung, die Dimensionierung des Netzanschlusses sowie die Integration von Speicherkapazität.
Werden diese Entscheidungen zu spät oder auf unzureichender Grundlage getroffen, entstehen Risiken oder Verluste, die sich später nur mit erheblichem Aufwand korrigieren lassen.
Gleichzeitig werden wirtschaftlich tragfähige Projekte zunehmend anspruchsvoller. Sinkende Margen, steigende Anforderungen an Netzanschlüsse und höhere Unsicherheiten bei Strommarkterlösen erhöhen die Anforderungen an belastbare Entscheidungsgrundlagen.
Viele Projektierer betrachten Wind, PV und Speicher noch immer getrennt – häufig in unterschiedlichen Teams. Ergebnisse werden erst spät zusammengeführt, was zu Reibungsverlusten führt. Bei hybriden Projekten entsteht daraus ein strukturelles Risiko: Ab dem Zeitpunkt der Konsolidierung spiegeln die Ergebnisse häufig Annahmen wider, die nie gemeinsam bewertet wurden. So kann ein Netzanschluss, der für ein reines Windprojekt ausgelegt ist, für die kombinierte Erzeugung unzureichend sein.
Das Problem liegt nicht im Detailgrad einzelner Analysen, sondern darin, dass Wechselwirkungen erst sichtbar werden, wenn alle Annahmen gemeinsam betrachtet werden.
Repowering: Einstieg in hybride Projekte
Für viele Projektierer ergibt sich der Einstieg in hybride Projekte im Rahmen von Repowering-Vorhaben. Bestehende Windparks verfügen über Netzanschlüsse, die nach einer Modernisierung zusätzliche Kapazitäten bieten können, und gerade vor dem Hintergrund begrenzter Netzanschlusskapazitäten wird die effiziente Nutzung bestehender Infrastruktur zu einem zentralen Faktor für die Projektentwicklung. Repowering bietet einen entscheidenden Vorteil für die Planung. Da Standort, Netzanschluss und Infrastruktur bereits definiert sind, ist die Zahl offener Variablen geringer. Daher eignen sich solche Projekte besonders gut, um integrierte Planungsansätze zu entwickeln, bevor sie auf Greenfield-Projekte übertragen werden.
vind ai
Die Fragestellungen sind dabei in beiden Fällen vergleichbar: Wie kann die vorhandene Netzanschlusskapazität bestmöglich genutzt werden? Welche Abregelungsprofile ergeben sich aus der kombinierten Erzeugung? Wie interagiert ein Speicher mit Erzeugungsspitzen und Strommarkterlösen? Und welche wirtschaftliche Performance ergibt sich unter realistischen Annahmen zu Strompreisen und Betriebskosten? Diese Fragen lassen sich nur auf Basis eines integrierten Systemverständnisses beantworten, nicht durch die isolierte Betrachtung einzelner Komponenten.
Was integrierte Bewertung leisten muss
Technische, netzseitige und wirtschaftliche Parameter müssen in einem konsistenten Modell gemeinsam abgebildet und bewertet werden. Änderungen einzelner Annahmen müssen sich unmittelbar auf Erträge, Abregelung, Strommarkterlöse und wirtschaftliche Kennzahlen auswirken.
Das ist besonders in frühen Projektphasen entscheidend. Änderungen in der Konzeptphase verursachen nur geringen Aufwand, während Anpassungen nach Genehmigungen, Finanzierungen und fixierten Verträgen mit erheblichen Kosten verbunden sein können.
Modelle müssen daher auf Stundenbasis arbeiten, um das Zusammenspiel von Erzeugung, Preisen und Speichereinsatz abzubilden. Zudem müssen Netzrestriktionen berücksichtigt werden.
Integrierte Planung beseitigt Unsicherheiten nicht, macht sie jedoch sichtbar und handhabbar. Dies gewinnt insbesondere für Investoren und Finanzierer an Bedeutung, da Transparenz über Risiken und Ertragspotenziale zunehmend zur Voraussetzung für belastbare Investitionsentscheidungen wird.
Neue Anforderungen an die Entwicklung
Die Fähigkeit, hybride Projekte frühzeitig strukturiert zu bewerten, wird zur zentralen Kompetenz in der Projektentwicklung und es hat Auswirkungen darauf, wie Projektteams organisiert sind, welche Werkzeuge sie einsetzen und vor allem, wie früh sie disziplinübergreifend zusammenarbeiten.
Unternehmen, die diese Fähigkeit aufbauen, werden sich im Wettbewerb besser positionieren, da der Anteil hybrider Projekte weiter steigen wird.
Co-Location-Projekte sind komplex, aber beherrschbar – vorausgesetzt, Planungsprozesse sind darauf ausgelegt. Genau hier setzen integrierte Ansätze an, wie sie beispielsweise von Vind AI entwickelt werden: Sie führen technische, wirtschaftliche und netzseitige Zusammenhänge frühzeitig zusammen und schaffen eine fundierte Entscheidungsgrundlage.
Autor:
Jan-Tore Horn, CTO und Co-Gründer, Vind AI