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Zukunftstaugliche Quartiere planen

Wohnen, leben, arbeiten – ohne Klimahypothek

Der Sommer 2026 ist mehr als alle zuvor von der Klimakrise geprägt, von extremer Hitze, Waldbränden, trockenfallenden Flüssen, Missernten und hitzebedingten Sterbefällen in bisher ungekanntem Ausmaß. Von 12.500 Hitzetoten geht das Robert-Koch-Institut bis Ende Juli in diesem Jahr aus [1].

Das setzt insbesondere die Kommunen landesweit unter enormen Druck. Die Ursachen liegen unbestreitbar in der Art, wie wir produzieren, konsumieren, uns fortbewegen, aber in der Art, wie wir bauen und wohnen. Gebäude belasten Klima und Umwelt während der Errichtung, der Nutzung und beim Rückbau.

Die drei Säulen der Nachhaltigkeit

Dass das kein Schicksal sein muss, ist Grundidee des nachhaltigen Bauens. Sinn und Zweck ist es, die negativen Wirkungen eines Gebäudes in allen drei Lebensphasen so gering wie möglich zu halten. Unterschieden werden dazu ökologische, ökonomische und soziale Qualitäten: die drei Säulen der Nachhaltigkeit.

Zur ersten Säule gehört es, den Verbrauch an Ressourcen, an Energie und an Fläche sowie die Belastung der Natur durch Treibhausgasemissionen und Schadstoffe zu minimieren. Die ökonomische Säule enthält unter anderem die Optimierung der Bau- und der Nutzungskosten, die soziale Säule die Optimierung der für die Nutzer entscheidenden Eigenschaften wie Wohngesundheit und Barrierefreiheit [2]. Energieberater haben mit dem Thema zu tun, wenn sie beispielsweise für ein Effizienzhaus 40 mit dem Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG) die Fördermittel nach dem KfW-Programm 297/298 „Klimafreundlicher Neubau“ beantragen sollen.

Gebäude und ganze Quartiere zertifizieren

Eine der Institutionen, die Fortbildungen anbietet und Projekte zertifiziert, ist neben etwa dem Bau-Institut für Ressourceneffizientes und Nachhaltiges Bauen die 2007 gegründete Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Zusätzlich zu Bau- und Umbauprojekten können seit 2011 auch Quartiere ein Zertifikat in vier Stufen von Bronze bis Platin erhalten, etwa Stadtquartiere, Gewerbegebiete oder Industriestandorte. Seit Ende 2025 ist das ebenfalls für Bestandsquartiere möglich.

Durch den Schritt vom Gebäude zum Quartier wird die Bewertung erweitert. Berücksichtigt werden müssen jetzt der öffentliche Raum und sämtliche gemeinschaftlich genutzten Infrastrukturen, schreiben Stephan Anders und Matthias Schäpers von der DGNB: „Straßen, Wege, Plätze, Grünräume, Mobilitätsknoten, Entwässerungsstrukturen oder gemeinschaftliche Energieversorgungen bilden das zentrale Bewertungsfeld.“ [3]. Interessant ist die Zertifizierung aus Sicht der DGNB für Investoren, Projektplaner, Unternehmen, Wohnungsbaugesellschaften sowie für die Kommunen. Sie erleichtert wie bei der Planung von Gebäuden den Zugang zu Förderungen. Zu nennen sind das KfW-Programm 498/499 „Klimafreundlicher Neubau – Kommunen“ oder das Programm „Wachstum und nachhaltige Erneuerung“ im Rahmen der Städtebauförderung.

Ökologische Qualität: Den gesamten Lebenszyklus betrachten

Die ökologische Qualität umfasst im Katalog der DGNB für Bestandsquartiere die Kriterien „Klimaschutz und Energie“, „Wasser“, „Biodiversität“ sowie „Fläche und Boden“ [4]. Anders und Schäpers listen auf, was zum Beispiel in vielen Gewerbegebieten im Argen liegt: „Der hohe Anteil versiegelter Flächen in Verbindung mit geringem Grünanteil führt zu Überhitzung und unkontrollierbarem Regenwasserabfluss, wodurch das Risiko für Überschwemmungen steigt. Hinzukommen isoliert voneinander agierende Einzelbetriebe, wodurch Synergieeffekte ungenutzt bleiben (…) Die großen Dachflächen werden weder zur Energieerzeugung noch für ökologische Maßnahmen wie der Förderung der Biodiversität, der Verbesserung der Luftqualität, der Reduzierung von Hitzeinseln und der Speicherung von Regenwasser genutzt.“ Ein solches Quartier ist vulnerabel anstatt klimaresilient – und noch dazu klimaschädlich.

Um das zu korrigieren, ist es den zufolge Autoren erforderlich, Treibhausgasemissionen über den gesamten Lebenszyklus zu reduzieren, Energie- und Stoffkreisläufe auf Quartiersebene zu etablieren und gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit gegenüber den heute schon spürbaren Folgen des Klimawandels zu erhöhen. „Begrünte und multifunktionale Freiräume fördern die Biodiversität, verbessern das Mikroklima und steigern die Aufenthaltsqualität der Nutzerinnen und Nutzer.“ [4] Matthias Schäpers, Ansprechpartner für die Kommunen, unterstreicht auf Anfrage diese Aspekte, außerdem die Bedeutung der Langzeitperspektive, wozu es gehört, für Kohlenstoffsenken zu sorgen, zum Beispiel indem Holz verbaut wird, das zuvor der Atmosphäre CO2 entzogen hat.

Entsiegelung fördern, Flächeneffizienz planen

Christine Lemaitre, geschäftsführender Vorstand der Gesellschaft, hebt im Gespräch mit der GEB-Redaktion ebenfalls die Dringlichkeit von Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen hervor. Reichlich Inspiration für den Umgang mit hohen Temperaturen gebe es im globalen Süden, doch schon im hitzegebeutelten Spanien lasse sich einiges lernen: „Barcelona zum Beispiel entsiegelt gerade radikal.“ In der katalonischen Metropole würden seit einiger Zeit gepflasterte Plätze systematisch renaturiert [6].

Stichworte „Entsiegelung“, „Flächeneffizienz“, „Versiegelung“: Ein politisch brisantes Feld ist der Umgang mit potenziellem Baugrund, wie schon die Einfamilienhaus-Debatte Anfang 2021 gezeigt hat. Christine Lemaitre kennt den Fall einer kleineren Stadt im Südwesten, in der in einem Neubaugebiet ursprünglich eine recht flächenintensive Reihenhaussiedlung geplant war. Vor dem Hintergrund einer angestrebten DGNB-Zertifizierung jedoch konnte der Gemeinderat von einer nachhaltigeren Alternative überzeugt werden, einem „relativ hoch verdichteten Quartier“.

Ökonomische Qualität : Maßnahmen zeitlich aufeinander abstimmen

Das Themenfeld der ökonomischen Qualität definieren die Kriterien „Zirkularität und Kreislaufwirtschaft“, „Klimaanpassung und Umweltrisiken“, „Anpassungsfähigkeit und Flexibilität“ sowie „Lebenszykluskosten“. Das erste ist insofern für die Hersteller von Bauprodukten von wachsender Bedeutung, als die Rohstoffe knapper werden. Es spielt aber gleichfalls in das Feld der ökologischen Qualität hinein – überall dort, wo üblicherweise die CO2-intensiven Baustoffe Aluminium, Beton, Glas oder Stahl verwendet werden, die durch recycelte Stoffe ersetzt werden können. Überdies kommt es laut Lemaitre darauf an, Materialien auszuwählen, die nicht mit schadstoffhaltigen Beschichtungen oder Schäumen kontaminiert und deshalb mit einen vertretbaren Aufwand zurückzugewinnen sind.

Bei den „Lebenszykluskosten“ geht es auch darum, erforderliche Maßnahmen zeitlich aufeinander abzustimmen. „Muss man in Bestandsquartieren an die Leitungen unter den Gehwegen, ist zu überlegen, ob man im Zuge dieser Arbeiten nicht gleich die Straßenzüge begrünt, anstatt ein Jahr später erneut alles aufzureißen“, erklärt Lemaitre.

Soziokulturelle Qualität: DGNB kritisert Bau-Turbo

Das Themenfeld der soziokulturellen Qualitäten teilt sich für Bestandsquartiere auf in die Kriterien „Vielfalt für Menschen“, „Städtebau und Architektur“, „Freiraum“ und „Mobilität“. Es geht um soziale Durchmischung, um eine Architektur, die die Identifikation mit dem Quartier fördert, um für alle zugängliche Räume und um möglichst für alle zugängliche Formen klimafreundlicher Mobilität.

Nicht nur in diesem Zusammenhang kritisiert die DGNB Bau-Turbo und Gebäudetyp E. Generell würden sie dem Ziel der Nachhaltigkeit zuwiderlaufen. Wie die Architects for Future (A4F), mit denen zusammen die DGNB die Initiative „Bau-Turbo kommunal“ ins Leben gerufen hat, stellt Lemaitre die Priorisierung des Neubaus in Frage. Es stört sie darüber hinaus, wenn Qualitätsmerkmale wie ausreichender Hitzeschutz oder Bepflanzung im Außenbereich aus Kostengründen nicht mehr festgeschrieben werden.

Banken zeigen Interesse an Zertifizierung

Seit 2024 müssen Unternehmen gemäß EU-Taxonomie offenlegen, ob und wie ihre wirtschaftlichen Aktivitäten auf die sechs wichtigsten Umweltziele hinarbeiten, darunter Klimaschutz, Klimaanpassung und nachhaltige Nutzung von Wasserressourcen [7]. Banken müssen der Europäische Zentralbank quartalsweise berichten, wie CO2-lastig ihr Kreditportfolio ist. Auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hat ein Auge auf Finanzinstitute und Versicherungen, damit diese ihre Nachhaltigkeitsrisiken „gut managen“ [8].

Laut Lemaitre sind es neben Unternehmen und Projektentwicklern die Banken selbst, die ein Interesse an Nachhaltigkeitszertifizierungen haben. Sie hätten sogar eine Zusatzschulung der DGNB für Energieberater angeregt, damit diese ihre Kunden – Hausbesitzer und Bauherren – für das Thema sensibilisieren können. Für ein solches Tätigkeitsfeld wie generell für die Fortbildung zum DGNB-Auditor gelte, dass die Interessenten eine gewisse „Planungsaffinität“ mitbringen sollten – und die Bereitschaft, eine ganzheitliche Perspektive einzunehmen.

Anders als Investoren und Projektentwickler klopfen die Kommunen selbst nicht so oft an. Das hat zum einen mit deren schlechter Finanzlage zu tun, die sich aufgrund anstehender Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen noch verschärfen kann. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund geht von notwendigen Investitionen von jährlich mindestens acht Milliarden Euro allein für die Klimaanpassung aus [9]. Zum anderen fehlen besonders den kleinen Kommunen die entsprechend qualifizierten Mitarbeiter.

Die DGNB bietet deswegen Online-Infoveranstaltungen an und darüber hinaus mit der Initiative „Klimapositive Städte und Gemeinden“ eine Plattform, auf der sich deren Vertreter untereinander vernetzen und austauschen können. Nur folgerichtig, denn Kommunen sind Multiplikatoren. Die Bürger schauen darauf, was ihre Stadt, ihre Gemeinde macht, bemerkte Vorstand Johannes Kreißig auf dem DGNB-Jahreskongress im März. Bleibt zu hoffen, dass sie selbst aktiv werden.

Quellen

[1] Robert Koch-Institut: Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität, https://t1p.de/GEB260751

[2] Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung: Drei Säulen der Nachhaltigkeit, https://t1p.de/GEB260752

[3] Stephan Anders, Matthias Schäpers: Das DGNB-System für Quartiere, in: Planerin, 1-2026, S. 17 ff, S.18, https://t1p.de/GEB260759

[4] Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen: Das DGNB-System für Bestandsquartiere, https://t1p.de/GEB260754

[5] Guiding Architects Barcelona: Städtische Renaturierungsprojekte in Barcelona II, https://t1p.de/GEB260755

[6] Deutscher Nachhaltigkeits Kodex: EU-Taxonomie einfach erklärt, https://t1p.de/GEB260756

[7] Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin): Nachhaltigkeit, https://t1p.de/GEB260757

[8] Deutscher Städte- und Gemeindebund: Hitze und Dürre in Städten und Gemeinden, https://t1p.de/GEB260758