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Automatisierter Sonnenschutz gegen Überhitzung

Klimavorsorge mit schlauen Jalousien

Der Sommer 2026 hat schon im Juni gezeigt, womit wir künftig rechnen können. Extreme und lang dauernde Hitzewellen mit über 40 Grad Celsius werden keine Ausnahmen mehr sein. Doch viele Gebäude seien darauf überhaupt nicht vorbereitet, sagt Simon Schmid, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Rollladen und Sonnenschutz. Daher gebe es mittlerweile eine gewissen Handlungsdruck, was den Sonnenschutz von Gebäuden betrifft. Das dazugehörige Schlagwort laute Klimavorsorge. Schmid geht davon aus, dass in Zukunft mehr in außenliegenden Sonnenschutz investiert werden wird. Denn anders lassen sich die hohen Temperaturen nicht in den Griff bekommen.

Laut einer Studie der Repräsentanz Transparente Gebäudehülle (RTG), die bereits 2023 durchgeführt wurde, erfüllte ein typisches Wohn- und Esszimmer mit großer Fensterfront nach Süden mit einem bestmöglichen innenliegenden Sonnenschutz in der Vergangenheit gerade noch die Anforderungen. Damit blieb der Raum – von einzelnen Temperaturspitzen im Juli und August abgesehen – verträglich temperiert. Durch den Klimawandel jedoch wird der gleiche Raum in Zukunft in den Sommermonaten regelmäßig die 30-Grad-Marke überschreiten. Die RTG ist das gemeinsame Hauptstadtbüro des Bundesverbands Flachglas, der Industrievereinigung Rollladen-Sonnenschutz-Automation und des Verbands Fenster + Fassade.

Lamellen reflektieren Wärmestrahlung

Mit einem außenliegenden Sonnenschutz lässt sich eine Überhitzung laut RTG nahezu vollständig vermeiden. Gemeint sind Markisen, Raffstoren oder Rollläden. Besonders die Vorteile von Raffstoren mit horizontalen, verstellbaren Lamellen hebt Anbieter Warema in einer Pressemeldung hervor: „Eine Nachführung des Lamellenwinkels entsprechend dem aktuellem Sonnenhöhenwinkel ermöglicht, dass keine direkte Sonnenstrahlung in den Raum gelangt – bei gleichzeitig maximalem, diffusen Tageslichteintrag.“

Durch das Verhindern einer direkten Sonneneinstrahlung findet kein starker Energieeintrag statt, der regulierte diffuse Tageslichteinfall ermöglicht zusätzlich energetische Einsparungen beim Kunstlicht. Abhängig von der Verglasung und der konkreten Sonnenschutzlösung lassen sich im Durchschnitt 90 Prozent des Gesamtenergieeintrags in das Gebäude vermeiden. Besonders groß ist die Wirkung eines automatisierten und motorisierten Sonnenschutzes. Er stellt sicher, dass die Verschattung zu jeder Tageszeit optimal eingestellt ist.

Das gilt für Wohngebäude genauso wie für Nichtwohngebäude, wo die Räume von häufig wechselnden Personen genutzt werden. Wozu es führen kann, wenn ein automatisierter Sonnenschutz fehlt, beschreibt Verbandschef Schmid: „Während der vergangenen Hitzewelle beispielsweise mussten mehrere Seniorenheime evakuiert werden.“

In Wohnhäusern bietet eine Automatisierung den Vorteil, dass die Räume auch vor Sonneneinstrahlung geschützt werden, wenn niemand zu Hause ist. Außerdem ist es möglich, dass sich der Sonnenschutz selbstständig einer veränderten Wetterlage anpassen kann. Schließlich muss er aktiv sein, wenn die Sonne scheint. Doch er darf nicht ausgefahren werden, wenn es gefährlich wird. „Wenn etwa ein Gewitter aufzieht, wird die Markise automatisch eingefahren oder die Raffstoren gehen in eine Position, in denen Windböen keinen Schaden anrichten können“, erklärt Schmid.

Zeit mit hohen Temperaturen reduziert sich um 90 Prozent

Was die Automatisierung konkret bringt, hat das Ingenieurbüro Prof. Dr. Hauser im Auftrag der RTG berechnet. Grundlage war ein Testraum mit circa 45 Quadratmetern Grundfläche und einer nach Süden orientierten Fensterfläche von etwa 36 Prozent der Grundfläche des Raumes. Bereits bei herkömmlicher Bedienung des außenliegenden Sonnenschutzes lässt sich demnach die Anzahl der Stunden mit Innenraumtemperaturen von über 26 Grad Celsius von 2.781 Stunden ohne Sonnenschutz auf 512 Stunden reduzieren.

Eine frühzeitige Aktivierung über eine Automation verringert diese Zahl noch weiter – und zwar auf 212 Stunden. Bei zusätzlicher Nachtkühlung durch Lüften lassen sich die Stunden mit Innenraumtemperaturen von über 26 Grad sogar auf nur noch 39 Stunden reduzieren.

Ein automatisierter Sonnenschutz erhöht aber nicht nur das Wohlbefinden der Nutzer eines Gebäudes. Er kann auch Energie sparen. Denn die Antwort auf die Extremtemperaturen durch den Klimawandel ist häufig der Betrieb einer Klimaanlage. Und die muss mehr leisten, wenn der Raum schon relativ warm ist. „Wenn man ein Haus beispielsweise von 30 Grad auf 24 Grad Celsius mit einem Klimagerät kühlen muss, benötigt man dafür mehr Energie, als wenn das Gebäude dank Sonnenschutz nur eine Innentemperatur von 26 Grad Celsius besitzt“, erläutert Schmid.

Der entsprechende Einfluss auf den Energieverbrauch wurde ebenfalls in der RTG-Studie berechnet. Soll ein Zimmer mit den erwähnten Maßen ohne Sonnenschutz oder andere Maßnahmen auf 22 Grad Celsius gekühlt werden, wird dafür pro Jahr bis zu fünf Mal so viel Nutzenergie wie für das Heizen im Winter gebraucht. Sonnenschutz kann auch in diesen Fällen den Energiebedarf mehr als halbieren.

Der Sonnenschutz rechnet sich. „Die Anschaffungskosten für einen intelligenten Sonnenschutz amortisieren sich schon innerhalb weniger Jahre“, sagt Dirk Geigis, Projektleiter PR & Kommunikation bei Somfy, einem Hersteller von Antriebs- und Steuerungstechnik für Sonnenschutz. Klimaanlagen dagegen seien teuer und energieintensiv.

Außenstation reagiert auf die Wetterlage

Die Automatisierung des Sonnenschutzes läuft in der Regel über im System hinterlegte Wenn-dann-Regeln, mit denen die Motoren in Rollläden oder Jalousien aktiviert werden. Sinnvoll ist dabei die Verwendung von Außenstationen, die mit unterschiedlichen Sensoren – etwa für Luftfeuchtigkeit, Temperatur oder Windgeschwindigkeit – ausgestattet sind. Damit kann das System auf die jeweilige Witterung reagieren.

Dieses lässt sich auch in ein Smart Home oder eine Gebäudeautomation einbinden. Dann kann man den Sonnenschutz zum Beispiel mit der Klimaanlage oder der Lichtsteuerung vernetzen, um den Betrieb der unterschiedlichen Technologien optimal aufeinander abzustimmen. Auch das spart Energie.

Entscheidend ist, auf Standards zu achten, damit auch Komponenten des Smart Home oder der Gebäudeautomation von unterschiedlichen Herstellern miteinander funktionieren. Im Smart-Home-Bereich – also für private Wohngebäude – gilt zum Beispiel Matter als Standardtechnologie, die sich zunehmend verbreitet. Produkte, die Matter unterstützen, können miteinander kommunizieren. Häufig wird dabei das Netzwerkprotokoll Thread verwendet. Dieses sorgt dafür, dass sich die Geräte überhaupt miteinander verbinden lassen.

Im gewerblichen Bereich – also in der Gebäudeautomation – wird häufig KNX verwendet. Diese Technologie ist bereits in vielen Gebäuden installiert und Sonnenschutzsysteme wie Außenjalousien, Markisen und Rollläden lassen sich mit einer zentralen Steuerung verbinden. KNX gilt als sehr zuverlässig, Installationen werden oft jahrzehntelang genutzt.

Schule im Passivhaus-Standard nutzt smarte Raffstoren

Die Technologie ist auch in der neu gebauten Tannenbergschule in Seeheim-Jugenheim installiert, die Passivhaus-Standard erfüllt. Eine wichtige Komponente in dem Konzept ist ein automatisierter Sonnenschutz mit Raffstoren von Warema. Eine spezielle Behangausführung, das sogenannte Tageslicht-Transportelement, teilt die Raffstoren in zwei Funktionsbereiche.

Der obere Bereich lenkt Tageslicht gezielt in einen Raum. So entsteht eine gleichmäßige Belichtung der Klassenräume bei gleichzeitig kontrolliertem Wärmeeintrag. Der untere Blendschutzbereich dient zur Verschattung und reduziert direkte Sonneneinstrahlung, indem die Lamellenwinkel bedarfsgerecht geschlossen werden können. Für spezielle Anforderungen – etwa zur Verdunkelung des Ruheraums – wurden bei dem Schulgebäude zudem Vorbau-Markisen montiert.

Die Automatisierung inklusive Wetterstation wird mit Hilfe von KNX umgesetzt. Die Raffstoren werden raumweise über entsprechende Sonnenschutzaktoren angesteuert und reagieren auf Sonneneinstrahlung, Temperatur und Wind. Eine Sommer- und Winterregelung passt den Betrieb im Tages- und Jahresverlauf bedarfsgerecht an. In den Sommermonaten fahren die Anlagen zeit- und helligkeitsabhängig in die Verschattungsposition. Im Winter bleiben die Raffstoren in der Regel geöffnet, sodass solare Gewinne genutzt werden können.

Wenn Wärmepumpen den ­Wind­sensor verwirren

Wenn es um die Auswahl der Systeme für einen automatisierten Sonnenschutz geht, empfiehlt Schmid eine individuelle Beratung vor Ort. „Dann bekommt man die Technik, die sich für das jeweilige Haus am besten eignet.“ Denn eine Lösung, die für alle Gebäude passt, existiere nicht. „Es gibt sehr viele Faktoren, die zu beachten sind. Zum Beispiel: Wie ist die Ausrichtung des Hauses? Wie groß sind die Fenster? Welches Material ist bereits verbaut?“

Auf der Internetseite von Elsner Elektronik warnt Frederik Riedel, Leiter des Bereichs Technischer Service, zudem vor Fehlern bei der Installation der Außenstation. Häufig liege die Ursache für Fehler im Umfeld: „Direkt benachbarte Klimageräte oder Wärmepumpen erzeugen beispielsweise Luftverwirbelungen, die vom Windsensor als reale Windgeschwindigkeit erkannt werden können. Dachüberstände, Fassadenelemente oder andere Aufbauten werfen je nach Tageszeit Schatten auf die Sensorik und beeinflussen dadurch die Helligkeits­messung.“

Die Folgen zeigen sich häufig erst im Betrieb – zum Beispiel, wenn Beschattungen unnötig in Sicherheitspositionen fahren oder der Sonnenschutz zu früh reagiert. Die richtige Positionierung ist deshalb ein entscheidender Bestandteil jeder zuverlässigen Wetterdatenerfassung.

Grundsätzlich lasse sich für jedes Gebäude ein passendes System für den automatisierten Sonnenschutz finden, sagt Schmid. Und die Technik sei nachrüstbar. „Ein Vorteil der aktuellen Generation von Raffstoren oder Senkrechtmarkisen beispielsweise ist, dass diese bereits mit Solarpanels ausgestattet sind. Das gleiche gilt für Rollläden. Dass bedeutet, dass alles von außen funktioniert, es müssen keine Kabel mehr nach innen gezogen werden.“ Früher habe es sicherlich viele Leute davon abgehalten, nachträglich Sonnenschutzsysteme mit Automatisierungsfunktion einzubauen, weil dafür Wände aufgeklopft werden mussten, so Schmid. „In vielen Fällen ist das jetzt Vergangenheit – dank Solartechnik und Funksteuerung.“ Anbieter Somfy beispielsweise verspricht einen Betrieb des Motors mit dem hauseigenen Solarpanel auch bei fehlender Sonneneinstrahlung für mindestens 45 Tage.

Außenliegender Sonnenschutz verhindert eine direkte Sonneneinstrahlung und somit einen starken Energieeintrag.

Bild: Warema

Außenliegender Sonnenschutz verhindert eine direkte Sonneneinstrahlung und somit einen starken Energieeintrag.
In der Tannenbergschule in Seeheim-Jugenheim werden die Raffstoren raumweise über KNX-Sonnenschutzaktoren angesteuert und können dadurch auf Sonneneinstrahlung, Temperatur und Wind reagieren.

Bild: Warema

In der Tannenbergschule in Seeheim-Jugenheim werden die Raffstoren raumweise über KNX-Sonnenschutzaktoren angesteuert und können dadurch auf Sonneneinstrahlung, Temperatur und Wind reagieren.
Durch die Einbindung in ein Smart Home lässt sich der Betrieb der unterschiedlichen Technologien optimal aufeinander abstimmen.

Bild: Somfy

Durch die Einbindung in ein Smart Home lässt sich der Betrieb der unterschiedlichen Technologien optimal aufeinander abstimmen.

Hitzeschutz braucht intelligenten Mix

Der Deutsche Anlage-Immobilien Verbund (DAVE) warnt davor, Hitzeschutz auf den Einbau von Klimaanlagen zu reduzieren. Oft seien ein außenliegender Sonnenschutz, intelligente Fassaden, Dach- und Fassadenbegrünung, hochwertige Fenster oder die gezielte Kühlung einzelner Räume deutlich effizienter und wirtschaftlicher. „Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass jedes Problem mit einer Klimaanlage gelöst werden kann. Gerade im Bestand braucht es einen intelligenten Mix aus baulichem Hitzeschutz, Verschattung, Begrünung und effizienter Technik“, sagt Geschäftsführer René Husfeldt.

Nach Auffassung des Immobiliennetzwerks muss Hitzeschutz künftig integraler Bestandteil der Stadtentwicklung werden. Begrünung, Energieversorgung, Gebäude, Stromnetze und Wassermanagement müssten gemeinsam gedacht werden. Denn der flächendeckende Einbau von Klimageräten verschiebe das Problem lediglich. „Wenn an heißen Sommertagen Millionen Klimageräte gleichzeitig laufen, steigt der Strombedarf genau dann massiv an, wenn unsere Energie- und Verteilnetze ohnehin stark belastet sind“, erklärt DAVE-Partner Daniel Triffterer.

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