Springe zum Hauptinhalt Skip to main navigation Skip to site search
Wasserstoff-Hub

Stuttgart zieht durch

Text: Leonhard Fromm

Der Green Hydrogen Hub in Stuttgart soll ab 2028 lieferfähig sein – das versichert Peter Drausnigg, der technische Geschäftsführer der 2011 gegründeten Stadtwerke der Landeshauptstadt. Er fühlte sich zu dem Bekenntnis Mitte September offenbar gezwungen, weil sich die Investitionen in das Vorhaben auf 75 Millionen Euro seit dessen Planung mehr als verdoppelt haben, während die Stadt Stuttgart um jeden Cent kämpft, seit die Gewerbesteuereinnahmen extrem eingebrochen sind.

Von 2022 bis 2026 sollen die Stadtwerke, in deren Zuständigkeit etwa ein Viertel der geplanten Stuttgarter CO2-Emissionenreduktion fällt, rund eine Milliarde Euro in Klimaschutzprojekte investieren. Die Stadt wollte dafür ursprünglich 300 Millionen aus dem Haushalt als zusätzliche Eigenmittel einbringen. 100 Millionen flossen gleich im Jahr 2022. Den Willen, die übrigen 200 Millionen beizusteuern, beteuerte die Stadt noch im Jahr 2024. „Kooperationen sind jetzt wichtig, um die Geschwindigkeit zu halten,“ sagt Drausnigg. Auch gebe es Fördergelder von Bund und Land, wobei deren Höhe noch nicht klar sei.

Hinter dem Stuttgarter H2-Projekt, bei dem grüner Wasserstoff erzeugt und über eine vier Kilometer lange Pipeline verteilt wird, stehen neben Bund und Land auch die EU sowie der Verband Region Stuttgart und weitere Konsortialpartner aus Wissenschaft und Forschung.

Dass sich die Umsetzung um anderthalb Jahre verzögerte, begründet Drausnigg mit einer Gesetzesänderung. Zudem ist das Projekt durch einen dritten Elektrolyseur auf neun Megawatt installierte Leistung und eine Jahreskapazität von 900 Tonnen H2 gewachsen und damit teurer dimensioniert worden. Ende 2027 soll die Anlage in den Probebetrieb gehen. Der technische Geschäftsführer: „Wir bauen diese Anlage, liefern ab 2028 grünen Wasserstoff und erschließen uns dafür einen Kundenkreis.“

Mehr Wasserstoffbusse geplant

Namentlich sind dieser Kundenkreis vor allem die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB), die den Großteil des Nahverkehrs in Stuttgart und die meisten Buslinien betreibt. Sie hat bislang 15 Wasserstoffbusse im Einsatz. Diese Flotte werde systematisch erweitert, sagt Drausnigg. Zum Vergleich: In Köln fahren im regionalen Personenverkehr bereits 160 Busse mit H2. „Und mit der Pipeline haben wir die Option, auch die Industrie und den Neckarhafen mit grünem Wasserstoff zu versorgen,“ so der Stadtwerke-Chef. Was er nun brauche, seien klare Rahmenbedingungen und weniger bürokratische Hemmnisse. Das gelte innerhalb der Stadtverwaltung, aber auch für die übergeordneten Ebenen.

Aus Gründen des Wettbewerbs nennt er keine Preise und sagt nichts zur Kalkulation. Seit 2011 hat die Stadt 447 Millionen Euro in ihre Stadtwerke investiert, die ausschließlich Ökostrom vertreiben, wofür nach und nach eigene Erzeugungsanlagen errichtet werden. Die SWS verkaufen auch Erdgas und betreiben über die „Stuttgart Netze“ zusammen mit der EnBW das innerstädtische Strom- und Gasnetz. Die kommunale Tochter richtet zudem immer mehr Ladestationen für E-Mobilität im öffentlichen Raum ein, organisiert neuerdings zwölf Wärmenetze und baut die H2-Infrastruktur auf.

Verlegung der Wasserstoffpipeline am Stuttgarter Hafen.

© Stadtwerke Stuttgart

Verlegung der Wasserstoffpipeline am Stuttgarter Hafen.

Flaggschiff Daimler Truck

Auch Unternehmen in und um Stuttgart setzen weiter auf Wasserstoff. Daimler Truck mit Sitz in Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart hat dieser Tage angekündigt, bis Ende des Jahrzehnts mehrere hundert Millionen Euro in Wasserstoff-Lkw zu investieren. Karin Radström, Vorstandsvorsitzende des DAX-notierten Konzerns: „Wir haben viel in batterieelektrische Fahrzeuge investiert, aber jetzt nehmen wir im nächsten Schritt sehr viel Geld in die Hand, um Wasserstoff zum Erfolg zu verhelfen.“

Während sich etliche Mitbewerber aus dem H2-Antrieb zurückzögen und allein auf batterieelektrische Antriebe fokussierten, setze Daimler Truck bewusst auf die Doppelstrategie, um in der Logistik tatsächlich die Dekarbonisierung zu erreichen. Radström: „Wasserstoff ist im Lkw-Verkehr europaweit definitiv Teil der Lösung.“ Das gelte für hohe Nutzlasten und Reichweiten, kürzere Ladezeiten und eine auf Dauer limitierte Strominfrastruktur. Dafür arbeitet Daimler Truck mit Konzernen aus der Logistik zusammen.

Auch der Stuttgarter Mittelstand zeigt sich motiviert, beim Aufbau der H2-Infrastruktur mitzumachen. Im nahen Ebersbach/Fils arbeitet das Entsorgungsunternehmen ETG aus Göppingen seit knapp zwei Jahren mit dem Augsburger Start-up Green Hydrogen Technology (GHT) zusammen. In einer Pilotanlage werden unterschiedliche Arten von nicht stofflich recyclingfähigen Abfällen in H2 und flüssiges CO2 umgewandelt. Bisher werden diese „thermisch verwertet“, also in Müllheizkraftwerken oder der Zementindustrie verbrannt, um zumindest die freiwerdende Energie zu nutzen.

Zentraler Punkt bei dem Verfahren: Das Material – von kontaminierten Holzresten, über Kunststoffschnipsel bis Klärschlamm – wird nicht verbrannt, sondern bei 1.200 Grad unter Sauerstoffmangel vergast. Dabei zerfallen die Stoffe in kleinere Moleküle, die im Anschluss getrennt werden. GHT-Geschäftsführer Robert Nave hat zuvor bei zwei ähnlichen Anlagen in Deutschland Erfahrungen gesammelt, eine davon sei um den Faktor 20 größer als die in Stuttgart.

Das inhabergeführte Göppinger Recyclingunternehmen DU, zu dem die ETG gehört und das immer auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen ist, habe sofort Interesse an dem Verfahren gezeigt, erzählt GHT-Geschäftsführer Robert Nave. Auch der Landkreis und der Verband Region Stuttgart zogen mit und gingen mit ihren Fördermitteln ins Risiko. Aktuell werde die Stuttgarter Anlage, die sich bereits bewährt habe, optimiert, um den Workflow zu erleichtern, so Nave.

Ausgelegt ist die Anlage auf 1.000 Tonnen Restmüll pro Jahr. Zugeführt werden im Verfahren Sauerstoff und Wasserdampf. Am Ende entstehen rund 100 Tonnen H2 und 1.200 Tonnen CO2. Kooperationspartner bei der Abnahme des Wasserstoffs sind der H2-Flottenbetreiber Hylane und der Tankstellenbetreiber GP Joule. Die Produktionskosten beziffert Nave mit 1,50 Euro pro Kilogramm Wasserstoff.

Das flüssige CO2 verwertet teils die Industrie, so GHT. Es kann in mineralischem Rezyklat carbonatisiert werden, wie dies etwa die Firma Feess im nahen Kirchheim/Teck seit gut zwei Jahren praktiziert. So erzeugt der Bauschuttrecycler handelbare CO2-Zertifikate, mit denen sich Geld verdienen lässt. Vom Restmüll in Ebersbach bleiben je nach verarbeiteter Fraktion ein bis fünf Prozent des Ursprungsvolumens als Asche zurück. Aus Problemstoffen werden Wertstoffe, die zurück in industrielle Prozesse fließen.

Jetzt weiterlesen und profitieren.

Mit unserer Future Watt Firmenlizenz top informiert und immer auf dem neuesten Wissenstand in ihrem Fachgebiet.

+ Unbegrenzter Zugang zu allen Future Watt Inhalten
+ Vergünstigte Webinarteilnahme
+ E-Paper Ausgaben
+ Sonderhefte zu speziellen Themen
+ uvm.

Wir haben die passende Lizenz für Ihre Unternehmensgröße!

Mehr erfahren

Tags