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16-Gigawatt-Lücke oder gar 48-Gigawatt-Loch: Seewindkraft fürchtet neuen Fadenriss

Der Chef der Offshore-Sparte im Windkraftgeschäft von Siemens Energy, Marc Becker, warnt vor einem Zuwarten von Politik und Windkraftbranche auf europaweit und insbesondere in Deutschland ausstehende finale Investitionsentscheidungen für ausgeschriebene Windparkflächen. Fehlende Final Investment Decisions (FID), wie der für Energieprojekte übliche Startschuss eines Projektentwicklungskonzerns im Branchensprech heißt, ließen aktuell europäische Windparkbauhaben auf See von 48 Gigawatt (GW) in der Schwebe, sagte Becker in einem Pressegespräch der Windenergiemesse in Hamburg Mitte September. Europäische Zulieferer hätten zwar genug Kapazitäten und Fähigkeiten, um dieses Volumen mit notwendigen Bauschiffen, Fundamenten, Windenergieanlagen, Stromtransport-Infrastruktur und Expertise pünktlich zu erledigen. Doch wahr sei auch, sagte der Senior Vice President Offshore: „Die Dinge passen nicht zusammen“. Es gebe keine sprichwörtliche „unsichtbare Hand des Marktes“, die alles ordnet.

Den Rahmen zu Beckers Appell auf der Hamburger Messe bildete ein gemeinsamer Auftritt mit dem Chef des Getriebebauunternehmens ZF, Jochen Witzig, und dem Windkraft-Geschäftsführer des Maschinen- und Anlagenbauverbandes VDMA, Dennis Rendschmidt. Nicht zuletzt auch mit Blick auf allein in Deutschland ausstehende FID für ein Volumen von 16 GW, sagte Witzig wohl mit Blick auf die deutsche Politik: Erforderlich sei nun ein Plan, um diese Projekte zu bewahren. Falls wenigstens 50 Prozent der geplanten Erzeugungskapazitäten auf dem realen Boden der See zum Stehen kämen, wäre das für die Branche angesichts der Größenordnung schon gut.

Politische Regelung entscheidet über Wettbewerb europäischer Wertschöpfung

Die aktuelle „Knappheit an Investment“ habe aber letztlich auch eine „politische Dimension“, sagte Witzig: Die Politik müsse eine „unternehmerische Umwelt schaffen, in der wir die Sicherheit haben“, die sich abzeichnenden oder eingehenden Windparkbaujobs zu erledigen. Nur dann könnten Zulieferer wie erforderlich um Jahre oder gar Jahrzehnte vorausschauend die Kapazitäten bereitstellen und sich im Wettbewerb auch mit außereuropäischen Unternehmen durch die Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit und Innovationen. Das gelte gerade in einem technologischen Feld wie der Offshore-Windkraft, wo die investierenden Unternehmen sich für die Leistungsfähigkeit der Windstromerzeugung und ihre pünktliche Anbindung verantworten müssen.    

Die politische Lösung für die ausbleibenden Investitionen beginne aber damit, „der Realität ins Auge zu blicken“. Regierungen müssten erkennen, dass ihr bisheriger Weg bei den Ausschreibungen für neue Offshore-Windpark-Zuschläge die Branche fehlgeleitet habe.

Schnelles Handeln gefordert: Fadenriss mit Domino-Effekt droht

Siemens-Gamesa-Offshore-Chef Becker mahnte zu schnellem Handeln: Dieses und das nächste Jahr seien entscheidend um die 16 GW in Deutschland vor einer Nicht-Umsetzung retten zu können. Andernfalls drohe ein erneuter Fadenriss, wie ihn insbesondere Deutschland vor wenigen Jahren erlebt hatte: Nach einer Umstellung der Wettbewerbsregeln für Meereswindparkprojekte sowie einer Unterbrechung des Ausbaufahrplans waren mehrere deutsche Zulieferunternehmen aus dem Markt ausgeschieden oder mussten aufgeben – darunter mit Senvion und Adwen auch zwei Offshore-Windturbinenbau-Unternehmen mit Fertigungen in Deutschland.

Gering vom Ausmaß des 48-GW-Lochs abweichend nannte Siemens-Gamesa-Manager Becker ein Volumen von nicht mit FID abgesicherten aber bezuschlagten 16 GW in Deutschland und weiteren 29 GW „zusätzlich“ vom Ausfall bedrohten europäischen Meereswindpark-Ausbaukapazitäten. Diese Volumen seien nicht FID-gesichert. Es drohe ein „Domino-Effekt“, ergänzte ZF-Geschäftsführer Witzig. Dennoch beziehe sich insbesondere das deutsche Parlament bei aktuellen Debatten um die bevorstehende Reform der Offshore-Windenergie-Regeln nicht darauf, monierte Becker. Dabei sei das Problem in der Politik bekannt.

Total Energies und Jera Nex BP fordern Nachbesserungen für aus dem Ruder gelaufene Ausschreibungen

Tatsächlich haben insbesondere mit BP und Total Energies zwei große Öl- und Energiekonzerne sich mit ihren Geboten große Kapazitäten bezuschlagen lassen und nach eigenem Bekunden übernommen. Auf sie fallen 9,5 GW, für die sich beide Unternehmen auf Basis offenbar ungeeigneter Spielregeln im Windenergie-auf-See-Gesetz (WindSeeG) zu Milliarden Euro schweren Rechte-Kauf-Geboten hinreißen ließen.

Mit fast acht Milliarden Euro im Falle von Total Energies und knapp sieben Milliarden Euro im Falle von BP, genaugenommen handelt es sich um das Joint Venture Jera Nex BP, setzten beide Akteure in den betreffenden Ausschreibungen von 2023 und 2024 erklärtermaßen auf eine marktwirtschaftlich mögliche Entwicklung. Diese trat dann allerdings nicht ein. Demnach erschien die bisher über den Abschluss großer Stromlieferverträge (sogenannter PPA) mit stromhungrigen Unternehmen mögliche Vermarktung des Windstroms als sicher. Doch mehrere geänderte Rahmenbedingungen wie eine starke Inflation der Baukosten, verzögerte Termine beim Bau der Netzinfrastruktur und eine nun bevorstehende und diesen Markt verändernde neue Gesetzgebung sollen das Konzept für beide Häuser über den Haufen geworfen haben. So stellen es beide Unternehmen dar. Insbesondere Total Energies brachte mehr oder weniger direkt die Forderung in die öffentliche Debatte ein, die Projekte ein zweites Mal auszuschreiben, was das Bundeswirtschaftsministerium bereits abgelehnt haben soll.

Für die übrigen 8 GW mit Zuschlägen aus Ausschreibungen ab 2023 gelten – auch aufgrund von niedrigeren Geboten – die Zuschläge allerdings als deutlich weniger gefährdet. Für alle Projekte sind nach aktuellen Fahrplänen die FID für ein Projekt oder dagegen für die Jahre 2027, 2028 und sogar noch 2029 vorgesehen.

Differenzverträge lösen ruinösen Bieterwettbewerb ab

Der nun in ganz Europa geplante und teilweise schon vollzogene Umstieg bei den nationalen Ausschreibungssystemen auf sogenannte zweiseitige Differenzverträge – übliches Kürzel: CFD – gilt als das richtige neue Instrument. Das betonten auch Marc Becker und Jochen Witzig. Dennoch werde der Umstieg auf CFD alleine die drohende 16-GW-Baulücke oder gar das 45+-GW-Bauloch nicht schließen. Während die CFD künftig realistische Gebote anregen sollen, weil sie alle Einnahmen bis zu einem in der Auktion angebotenen erforderlichen Vergütungswert garantieren und hingegen alle Überschüsse aus dem Stromhandel darüber hinaus an die Netzbetreiber oder den Staat zurückfließen lassen, habe bisher nur Großbritannien das Problem der fehlgeleiteten Auktionen gut aufgegriffen.

Das Vereinigte Königreich macht anhand erster erfolgreicher Ausschreibungsrunden mit seinen CFD-Regeln bereits deutlich, dass insbesondere eine mit den Zuschlägen verknüpfte Inflationskomponente hilft. Gemäß einem Verbraucherpreis-Index zieht die Vergütung über die lange Projektierungszeit hinweg mit den Veränderungen des Preis- oder Kostenniveaus gleich. In Großbritannien seien die Projekte inzwischen „bankable“, sagte Becker: durch Kreditinstitute gut finanzierbar.

Dennis Rendschmidt, VDMA-Power-Systems: Zuletzt war es eine Hängepartie 

Der Geschäftsführer bei VDMA-Power-Systems verwies auf eine Hängepartie, die im Falle der möglicherweise gestrandeten Investments begonnen habe. Es sie nicht leicht für die Unternehmen unter den aktuellen Umständen ihre Gebote zurückzunehmen, sagte Rendschmidt. Es sei eine Situation entstanden, in der die Akteure darauf warteten, wer den ersten Zug mache – wohl um die Folgen für die eigenen nächsten Schritte bezüglich der unsicheren FID abzusehen.