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Qualifikation zur Energieberatung

Frische Kräfte

Der Zunft der Energieberatenden geht es wie vielen anderen technischen und planerischen Berufen – die Ausübenden werden nicht jünger und es rücken nicht genug qualifizierte junge Leute nach, um den steigenden Bedarf zu decken. DEN und GIH, die beiden Branchenverbände, weisen schon länger auf dieses Problem hin. Dabei spielt auch, aber nicht nur der demografische Wandel seine Rolle.

Einen interessanten Weg, um diesem Mangel entgegenzuwirken, hat man in Bremen eingeschlagen, wo die Hochschule (HSB) und die Klimaschutzagentur Energiekonsens schon früh den Ernst der Lage erkannt haben. Sie kamen vor drei Jahren auf die Idee, im Masterstudiengang Architektur/Environmental Design das Wahlmodul „Energieberatung Wohngebäude“ anzubieten, das auch für Studierende anderer Fachrichtungen offen ist. Es qualifiziert für die Eintragung in der Energieeffizienz-Expertenliste.

An den ersten beiden Modulen haben 40 Personen teilgenommen, im vergangenen Wintersemester waren es 27. (Man hat das Angebot bewusst in die kalte Jahreszeit gelegt, da man so die Thermografie live und in Farbe vorführen kann.)

Hauptinitiatorin ist Professor Michaela Hoppe, die seit 2013 an der HSB klimagerechte Architektur lehrt. Sie legt außer auf den energetischen Aspekt und die Nachhaltigkeit ebenso großen Wert auf gestalterische Qualität. Mitinitiator Bernd Langer, Prokurist bei Energiekonsens, lehrt ebenfalls im Rahmen des Wahlmoduls. Eine der erfolgreichen Absolventinnen ist Leonie Cordes, die derzeit als Energieberaterin tätig ist, daneben aber Professor Hoppe als Lehrbeauftragte unterstützt. Im Interview geben die drei Auskunft über das Wahlmodul, von dem sowohl Energiekonsens wie auch die Hochschule denken, dass es bundesweit nachahmenswert ist.

Frau Professor Hoppe, Ihr Gebiet ist die klimagerechte Architektur, nicht einfach die Architektur. War es Ihre Idee, das Wahlmodul einzurichten, oder kam die Initiative von Energiekonsens?

Michaela Hoppe: Ich weiß es ehrlicherweise nicht mehr so genau. Energiekonsens und Hochschule sind diesbezüglich aufeinander zugegangen.

Bernd Langer: Ich auch nicht. Also, die Kooperation zwischen beiden, die ist schon so alt wie die Agentur.

Hoppe: Ich hatte das Bedürfnis, soeinen Kurs anzubieten, weil ich das Thema für wichtig halte. Architektur muss mehr Verantwortung für die Umwelt übernehmen. Und das entspricht auch vom Prinzip her meiner Lehre im Bachelorstudium. Dort geht es um Grundzusammenhänge und darum, das energetische Verhalten von Gebäuden kennenzulernen. Das wollte ich gerne im Master vertiefen, dazu mit gestalterischem Anspruch. Daher die Idee, dieses mit einer Zusatzqualifikation zu verbinden. Und der andere Auslöser, Herr Langer, war dann glaube ich auch der Bericht der Enquetekommission zur Klimaschutzstrategie an die Bremische Bürgerschaft. Dort wurde festgestellt, dass es gar nicht genügend Energieberater gibt, um zu wuppen, was in Bremen an energetischer Sanierung geschehen muss.

Im Bremer Wahlmodul werden die Inhalte in einem Semester vermittelt, in hoher Dichte. Wie setzen Sie die Schwerpunkte?

Hoppe: Die Basisinhalte orientieren sich natürlich am Regelheft der Deutschen Energie-Agentur (Dena). Dann haben wir die Vertiefungsinhalte für Wohngebäude, mehr ist in einem Semester kaum unterzubringen. Und da ziehe ich den Hut vor den Studierenden, die das Modul wählen, denn die kriegen das gesagt, das ist deutlich mehr Arbeit ist als in jedem anderen Wahlmodul. Aber sie lassen sich darauf ein, auf die höhere Arbeitsbelastung,

Langer: Allein die Gebäudetechnik, mit den Themen Heizungstechnik, Lüftungstechnik, Gebäudeautomation, und Regelung könnte man ja schon über drei Semester machen. Und jetzt ist die Wärmepumpe dazugekommen, die wieder eine andere Herangehensweise verlangt, gerade was den hydraulischen Abgleich und so weiter angeht. Und leider fallen die Öl- und Erdgaskessel ja nicht weg, die sind auch noch 20 Jahre in den Gebäuden. Das ist schon sehr viel. Aber die Studierenden machen das ganz gut, sehr konzentriert. Die wollen das auch wissen.

Weiter wäre die Bauphysik zu nennen, die ist sicher auch nicht ohne. Dazu ist ja die reine Theorie recht trocken. Wie kommt das Anschauliche in die Ausbildung?

Hoppe: Ein Teil der Veranstaltungen findet im Klimabauzentrum von Energiekonsens statt, weil da wunderbares Anschauungsmaterial vorhanden ist. Die Studierenden genießen, glaube ich, auch sehr die Atmosphäre dort.

Leonie Cordes: Yep!

Langer: Wir haben im Klimabauzentrum eine Ausstellung zur Gebäudetechnik und Gebäudehülle und da gehen wir dann natürlich auch immer rein. Wenn wir beispielsweise die Lüftung thematisieren, dann gucken wir uns eine Lüftungsanlage an und schauen, wie groß ist so ein Ventilator eigentlich. Damit man sich auch vorstellen kann, wie so etwas aussieht.

Hoppe: Ja, und unsere Teilnehmenden aus den technischen Studiengängen, die können sich dort einen Wandaufbau anschauen. Die Wiederholung der U-Wert-Berechnung machen wir anhand der Objekte im Zentrum. Das ist zum Anfassen, handfest, praxisnah, ein ganz, ganz wichtiger Punkt.

Dann ist da der Umgang mit der Software …

Langer: Alle Studierenden erhalten Testzugänge zu einer professionellen Beratungssoftware, geben auch das Gebäude dort ein, lernen so den Umgang mit dem Programm. Und nebenbei die Kosten- und Wirtschaftlichkeitsberechnung. Sämtliche Maßnahmen werden grundsätzlich durchgerechnet.

Hoppe: Dazu gibt es eine Marktübersicht über die verschiedenen Softwareprodukte. Aber für das Schulungsprojekt greifen wir auf eines zurück.

Inwieweit sind die Normen Teil der Ausbildung, zum Beispiel die DIN/TS 18599?

Hoppe: Ja, die gibt ja jetzt die Berechnungsgrundlage sowohl für Nichtwohn- als auch für Wohngebäude vor.

Langer: Es gibt auf jeden Fall immer einen Literaturhinweis und die Aufforderung, sich die DIN abends durchzulesen.

Und das passiert auch?

Hoppe: Im letzten Durchgang hat mir hat jemand einen Gleichwertigkeitsnachweis nach Beiblatt 2 zu DIN 4108 gemacht. Manche fuchsen sich mit Begeisterung in einzelne Themen rein, das ist ganz toll. Studierende haben ja über die Staats- und Universitätsbibliothek einen kostenlosen Zugriff auf die Normen – ein unglaublicher Vorteil. Das sage ich denen auch immer wieder, dass sie es genießen sollen, denn im Berufsleben ist dem nicht mehr so. Ich vermute aber, dass die Normen nicht so wie Literatur gelesen werden, sondern eher in der Software, die wir im Kurs verwenden. Da gibt es eine Infobox und wenn ich irgendetwas anklicke und nicht so genau weiß, was stelle ich da jetzt eigentlich ein, dann wird dort auf die entsprechenden Normen verwiesen.

Langer: Und was die Haustechnik und gerade die Wärmepumpentechnik betrifft, da sind wir von Energiekonsens sehr kritisch – gerade bezüglich der Heizlastberechnung nach DIN 12831, weil sie in der Regel zu einer Überdimensionierung der Wärmepumpenanlagen führt. In der Konsequenz zum Takten und zur geringeren Effizienz und wahrscheinlich auch zur geringeren Haltbarkeit. Und das teilen wir dann natürlich auch mit.

Eine Alternative wäre der Ansatz von Jagnow und Wolff?

Langer: Genau. Das ist die Grundlage unserer Wärmepumpen-Visiten, die wir als Vor-Ort-Beratungen in Bremen anbieten. Mit dem Standardbilanzverfahren können wir die Qualität der Gebäudehülle gut einschätzen und daraus abgeleitet auch die Heizlast abschätzen.

Ein ganz wesentlicher Teil des Arbeitsalltags von Energieberaterinnen und Energieberatern ist die Sicherung der Förderleistung für ihre Kundinnen und Kunden sowie der Umgang mit den Förderregularien und mit den Förderinstitutionen. Gehören diese Themen zum Inhalt der Zusatzqualifikation an der Hochschule?

Hoppe: Das wird in jedem Fall angesprochen, weil es natürlich Teil des Regelheftes ist. Aber je nachdem, an welchem Punkt des Masterstudienstudiums sie sind, treten die Studierenden früher oder später ins Berufsleben ein und bis dahin hat sich die Förderlandschaft noch dreimal verändert. Man kann eigentlich nur den gegenwärtigen Stand erläutern, so wie man ihn für den Probeberatungsbericht zum Abschluss braucht. Da kann man die einschlägigen Quellen nennen. Außerdem haben wir einen guten Kontakt zur Bremer Aufbau- und Förderbank. Die BAB hat einen Förderlotsen, der als Gastdozent zu den Vorlseungen kommt und über die aktuellen Fördermöglichkeiten berichtet. Die Förderung ist ein Akquiseinstrument, mit dem man an Aufträge gelangen kann. Wenn man dann weiß, wo in Bremen der Ansprechpartner sitzt, der immer up-to-date ist, dann ist schon viel gewonnen.

Cordes: In der Praxis, ja, da muss man wissen, wo es steht und man muss regelmäßig gucken.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa)?

Langer: Wir selber stellen ja keine Förderanträge, wir hören halt nur von unseren Expertinnen und Experten, dass das nicht immer einfach ist und leider häufig lange dauert.

Cordes: Das stimmt, aber wir treten in unserem Büro öfter direkt mit dem Bafa in Kontakt, weil immer wieder Punkte aufkommen, die so in den ganzen Vorschriften nicht erläutert werden. Und die Leute sind doch sehr auskunftsfreudig.

Hoppe: Einer unserer Tipps lautet: Hat man mit jemandem gesprochen, mit dem man gut klarkommt, sollte man sich Namen und Durchwahl notieren.

Leonie Cordes: Das ist so.

Hoppe: Beim Bafa gibt es sehr gute und sehr engagierte Menschen und jeder hat eben auch sein Spezialgebiet. Dann muss man gucken, wen man für welches Projekt kontaktieren muss.

Im Kontext der EU-Gebäuderichtlinie werden die Ökobilanzierung sowie das nachhaltige Bauen und Sanieren an Bedeutung gewinnen. Sind diese Punkte Gegenstand der Ausbildung?

Hoppe: Das Berufsbild wandelt sich stetig. Als ich studiert habe, hat man von Sanierung überhaupt nicht gesprochen. Inzwischen reden wir von Anfang an darüber, wie man mit dem Bestand umgeht und in energetischer Hinsicht über die Ressourcen, die da verbaut sind. Dazu gehört, dass man den Bestand so ertüchtigt, dass er den gegenwärtigen Anforderungen entspricht. Man kann ja kaum sagen, den zukünftigen, eher schon den vergangenen, aber dass er eben einigermaßen zukunftsfähig gemacht wird.

Kommt dementsprechend das Life Cycle Assessment im Modul vor?

Hoppe: Nein, weil der Mindestanforderungskatalog aus dem Regelheft zu dicht ist. Aber dafür ist es Thema in meiner Entwurfslehre.

Frau Hoppe, Sie erwähnten vorhin den Probeberatungsbericht. Wie muss man sich den Aufwand dafür vorstellen? Wählen sich die Studierenden ein konkretes Objekt aus oder wie läuft das genau ab?

Hoppe: Beim letzten Durchgang haben wir in Zusammenarbeit mit der Bremer Wohnungsbaugesellschaft Gewoba ein Gebäude aus deren Bestand ausgewählt, bei dem gute Unterlagen vorhanden waren. Die Studierenden selber hatten sich zuvor teils zu komplexe Projekte ausgesucht, Bestandsgebäude mit vielen Änderungen im Lauf der Jahre, die nicht dokumentiert wurden. Da mussten wir ein bisschen regulierend eingreifen.

Nach Abgabe des Beratungsberichts wird dann die Prüfung abgelegt?

Hoppe: Nach Ablauf des Semesters gibt es eine individuelle Prüfung, um gegenüber der Dena verantwortungsvoll sagen zu können, ja, die Studierenden können mit dem Stoff umgehen.

Und dann muss man ja auch in den Beruf finden. Also idealerweise schon ungefähr wissen, wo es lang gehen soll …

Langer: Bei uns hospitieren alle Studierenden auf den Bremer Altbautagen, einer Messe für energetische Modernisierung, die Energiekonsens und Messe Bremen zusammen veranstalten. Die Studierenden gucken uns als Beratenden über die Schulter, erfahren, wie Kunden angesprochen werden oder wie Kunden die Beraterinnen ansprechen. Und es gibt ein besonderes Format, das sogenannte Speed-Dating mit Energieberatenden. Da kann man Fragen stellen: Wie ist das Leben als Energieberatende, wie sind eure Erfahrungen. Wie viel Geld verdient ihr? Müsst ihr noch nebenbei was anderes arbeiten?

Cordes: Man hat da auch deutlich gemerkt, dass es wirklich viele verschiedene Ansätze gibt, wie man diesen Beruf angehen kann. Dass man seine persönlichen Interessen verfolgen kann.

Hoppe: Es finden in diesem Rahmen auch Gastvorträge statt, bei dem ein Architekt, der zugleich Energieberater ist, ein Projekt vorstellt. Er betrachtet bei Sanierungen neben der Energieeffizienz auch die Nutzungsqualität sowie die räumliche und gestalterische Qualität. Die Gastvorträge liefern wirklich eine gute Inspiration.

Das Programm ist recht fordernd. Wie sieht es mit dem Interesse der Studierenden aus?

Cordes: Es gibt jedes Jahr mehr Anfragen als Plätze. Der Ansturm zeigt deutlich, dass das Interesse hoch ist. Das ist eine Zusatzqualifikation, die ist gut für die Zukunft. Da sind alle froh, wenn man das im Rahmen des Studiums irgendwie mitnehmen kann.

Die Fragen stellte Alexander Borchert.

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