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„Gaskraftwerke sind der perfekte Komplementär zu den erneuerbaren Energien“

Ein Heimspiel war der Handelsblatt-Gipfel für die Bundeswirtschaftsministerin. Katherina Reiche hat dort viel Zustimmung für ihren energiepolitischen Kurs für Deutschland erhalten. Im Mittelpunkt ihres Statements und des anschließenden Interviews standen bezahlbare Strompreise, Versorgungssicherheit, der marktwirtschaftliche Ausbau der erneuerbaren Energien sowie die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Reiche machte deutlich: Die Energiewende bleibt Ziel – sie muss aber effizienter, systemischer und finanziell tragfähig umgesetzt werden.

Energie als Standortfrage

Deutschland stehe vor der Herausforderung, ein Energiesystem zu gestalten, das zugleich klimaneutral, resilient und wettbewerbsfähig ist. „Deutschland hängt davon ab, dass die Energieversorgung verlässlich ist, dass sie bezahlbar bleibt und dass wir den Weg der Dekarbonisierung erfolgreich, aber effizienter gestalten“, sagte Reiche. Besonderes Augenmerk legt die Ministerin auf energieintensive Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen. „Ich muss dafür sorgen, dass Strom bezahlbar bleibt – nicht nur für private Haushalte, sondern auch für unsere Industrie“, betonte sie. „Viele tausend Unternehmen profitieren inzwischen von der Strompreiskompensation – das ist ein echter Fortschritt für den Industriestandort“, so die Ministerin.

Versorgungssicherheit: Gaskraftwerke bleiben unverzichtbar

Ein zentrales Thema war das Kraftwerkssicherungsgesetz und der Aufbau eines Kapazitätsmarkts. Reiche kündigte an, noch 2026 rund zwölf Gigawatt gesicherte Leistung auszuschreiben, weitere 20 Gigawatt sollen ab 2027 folgen. „Gaskraftwerke sind der perfekte Komplementär zu den erneuerbaren Energien“, erklärte Reiche. Trotz des Ziels von 80 Prozent erneuerbarem Strom seien flexible, zuschaltbare Kraftwerke notwendig. „An 40 Tagen lag der Anteil erneuerbarer Energien unter 20 Prozent – für diese Zeiten brauchen wir gesicherte Leistung über mehr als zehn Stunden.“

Mehr Markt, weniger Systemkosten

Reiche machte deutlich, dass der wachsende Anteil erneuerbarer Energien auch neue Pflichten mit sich bringt:
„Wenn erneuerbare Energien fast 60 Prozent des Strombedarfs liefern, müssen sie sich stärker Marktbedingungen stellen und Verantwortung für das Gesamtsystem übernehmen.“ Künftig sollen Wind- und Solarenergie stärker systemdienlich, netzorientiert und kosteneffizient ausgebaut werden. Negative Strompreise ohne Förderanspruch seien ein richtiger Schritt gewesen.

Der Netzausbau bleibt laut Reiche der „Flaschenhals der Energiewende“. Gut ausgebaute Übertragungs- und Verteilnetze senkten teure Redispatch-Maßnahmen. „Jede Leitung, die steht, hilft, Systemkosten zu senken“, sagte sie. 2025 werde ein Rekordjahr bei Redispatch-Kosten.

Auch geopolitische Abhängigkeiten sprach Reiche offen an. „Es ist nie gut, zu einem großen Anteil von einer einzigen Quelle abhängig zu sein“, sagte sie mit Blick auf LNG-Importe, insbesondere aus den USA. Gleiches gelte für Batteriezellen und Photovoltaik-Komponenten aus China. „Wir haben in Deutschland starke Unternehmen entlang der gesamten Elektrifizierungskette – diese Stärken müssen wir gezielt ausbauen“, forderte die Ministerin.

Der jüngste Stromausfall in Berlin sei ein Weckruf gewesen, sagte Reiche. Cyberangriffe und physische Sabotage seien reale Risiken. „Kritische Infrastrukturen müssen zu Land und unter Wasser besser geschützt werden“, forderte sie. Sicherheit müsse europäisch gedacht werden – insbesondere mit Blick auf Nordsee- und Ostseeprojekte.

In einer anschließenden Diskussion mit Markus Krebber, CEO – RWE, Klaus Müller, Präsident – Bundesnetzagentur, Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung – BDEW, Andreas Schierenbeck, CEO – Hitachi Energy, ging es abermals um die zwölf Gigawatt an Gaskraftwerken, die in einer ersten Ausschreibungsrunde die deutsche Kraftwerksstrategie fokussieren soll. „Wir sind froh, dass wir jetzt den Startschuss bekommen haben, um zunächst einmal diese zwölf Gigawatt schneller umsetzen zu können, als wir es bislang konnten“, sagte Markus Krebber dazu. „Für uns gilt der ganz klare Auftrag der Ministerin: so schnell wie irgend möglich, aber auf Grundlage eines sehr soliden, sehr klar gesetzten Prozesses, damit es keinerlei Spielräume gibt“, fügte Klaus Müller dazu an. „Ziel ist es, noch in diesem Jahr Ausschreibungen durchzuführen und Entscheidungen in einer ersten Runde zu treffen. Wenn wir es schaffen, auch eine zweite Runde noch dieses Jahr auf den Weg zu bringen, wird das Bonn ordentlich unter Stress setzen – aber hoffentlich positiv.“ Zur genaueren Ausgestaltung wollte er derweil nichts sagen. 

Markus Krebber fügte im Sinne seines Unternehmens RWE an: „Wir setzen darauf, dass es jetzt so schnell wie möglich geht. Klar ist aber auch: Wenn es ums Geld geht, wird es am Ende ein Wettbewerb. Diejenigen, die die Leistung am günstigsten bereitstellen können, werden den Zuschlag bekommen. Das ist richtig, damit die Versorgung bezahlbar bleibt.“ Geschwindigkeit sei wichtig. „Wir haben gerade gehört, dass die Gaspreise derzeit moderat sind. Es wäre gut, wenn die ersten Anlagen noch in Betrieb gehen, solange das so ist – und nicht erst wieder dann, wenn die Preise bei 30 Euro oder höher liegen.“

Im Zusammenhang mit Stromkosten war aus den Reihen der Besucher zu hören, dass sich in den Diskussion ein Aspekt wenig wiederfand: Die Möglichkeit sinkender Kosten durch erneuerbare Energien. Oder anders: Der Bau neuer Gaskraftwerke wird den Strompreis in die Höhe treiben. Entsprechend sollte genau geprüft werden, wie viele man davon tatsächlich benötigt. Einige Referenten verwiesen gleichwohl auf des Flexibilisierungspotenzial durch Schwarmspeicher, Heimspeicher oder auch bidirektionales Laden. Derzeit ist diese Technologie in der Entstehung und sollte daher nicht ignoriert werden. Zumal sie auch eine Antwort auf die Resilienzfrage ist. 

Kerstin Andreae (BDEW), wagte es dann doch, das derzeit weltpolitisch völlig ausgeklammerte Klimathema anzusprechen: „Die Energiewirtschaft hat immer klar gesagt: Es gibt drei gleichwertige Ziele – Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz. Diese drei Ecken bedingen einander. Wenn Versorgungssicherheit nicht gewährleistet ist oder Bezahlbarkeit verloren geht, endet die Akzeptanz. Im Moment ist es schwierig, energiepolitische Transformationsprojekte allein mit Klimaschutz zu argumentieren.“ Die Industrie habe große Sorgen, die Anforderungen stemmen zu können. „Das heißt aber nicht, dass wir die Klimaarchitektur infrage stellen dürfen. Der europäische Emissionshandel ist ein zentrales Instrument und muss erhalten bleiben.“ Man müsse wirtschaftspolitisch argumentieren: Diversifizierung, heimische Erzeugung, erneuerbare Energien. „Die Abhängigkeit von günstigem russischem Gas war lange ein wirtschaftlicher Vorteil – bis sie es nicht mehr war.“

Talkrunde v.l. Andreas Schierenbeck, CEO – Hitachi Energy (Bildschirm), Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung – BDEW, Klaus Müller, Präsident – Bundesnetzagentur, Markus Krebber, CEO – RWE mit einer Moderatorin aus dem Team des Handelsblattes.

Nicole Weinhold

Talkrunde v.l. Andreas Schierenbeck, CEO – Hitachi Energy (Bildschirm), Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung – BDEW, Klaus Müller, Präsident – Bundesnetzagentur, Markus Krebber, CEO – RWE mit einer Moderatorin aus dem Team des Handelsblattes.