Die Markus-Lanz-Sendung am 1. April war durchaus gut genug für das Thema Energiewende und Atomkraftausstieg besetzt. Sie hätte Fehler früherer Bundeswirtschaftsminister in der Gestaltung der Energiewende in Deutschland deutlich offenlegen können. Mit dem vorvorigen Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und der langjährigen Wirtschaftsjournalistin der konservativen Tageszeitung FAZ, Julia Löhr, und einem gut vorbereiteten Moderator Lanz hätte die Sendung war es die richtige Besetzung, um verpasste Chancen der Energiewende aufzuzeigen. Sie hätte außerdem zugleich das Tempo beim Ergrünen der Energieversorgung sichtbar machen und nüchtern auf naive Atomkraft-Renaissance-Träume antworten können.
Es gelang Markus Lanz aufgrund einer überraschend schlichten Behandlung des Themas nicht. Darauf machte jetzt der Youtube-Aufklärer Andreas Schmitz aufmerksam. Seit sechs Jahren gestalte er als „Akku-Doktor“ die Energiewende mit, lobte das vom dänischen Grünstromversorger und Offshore-Windpark-Unternehmen Ørsted betriebene Online-Portal Energiewende im Januar. Schmitz hat nun nach eigenen Angaben eine offizielle Programmbeschwerde gegen die Sendung beim ZDF-Programmbeirat wegen vermuteter leichtfertiger Irreführung der Zuschauenden eingereicht.
Lanz hatte Altmaier damit konfrontiert, dass Deutschland gerade noch acht Prozent des Gesamtenergiebedarfs in Deutschland aus Wind und Sonne versorge. Das sollte offenbar die Bedeutung der erreichten Versorgung aus erneuerbaren Energien schmälern und Altmaier dazu bewegen, dem Glauben an eine starke Wirkung der Energiewende hierzulande abzuschwören. Schmitz weist allerdings darauf hin, dass es zwei Versionen des Energieverbrauchs gibt: eine Primärenergie- und eine Endenergieversorgung. Zu unterscheiden ist hier die ursprünglich eingesetzte Energie zur Stromerzeugung oder auch das Rohöl im Boden vom Strom, der im Akku eines Autos ankommt oder vom Benzin im Tank. Allerdings sei der Anteil von acht Prozent „hochgradig irreführend“, kritisiert Schmitz. Er verweist auf Biomasse, Geothermie und Wasserkraft, die den grünen Anteil an der Gesamtenergieversorgung auf mehr als das Doppelte erhöhen. Der aktuelle Anteil der erneuerbaren Energien an der Primärenergieversorgung erreichte 2025 bereits gut ein Fünftel mit 20,6 Prozent.
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Doch auch diese Betrachtung eines Minderanteils von nur einem Fünftel entlarvt Schmitz als falsch: Am Beispiel von Häusern, deren Heizung auf moderne Technologie umgerüstet ist, erklärt der Akku-Doktor, dass der Anteil nichts über die Dynamik der Energiewende aussagen kann, wenn die auf grüne Energieversorgung umgerüsteten Häuser durch viel höhere Effizienz nur noch ein Zehntel des Energieverbrauchs nicht umgerüsteter Häuser haben. Dann würde sich bei einer Umrüstung beispielsweise der Hälfte von zehn Häusern zwar der Anteil der Erneuerbaren-Versorgung auf nur zehn Prozent der Primärenergieversorgung beschränken – und dennoch wäre die Hälfte der Immobilien schon komplett auf grüne Versorgung umgestellt.
Auch die Aussage Löhrs, die ganze Energiewende drehe sich effektlos im Kreis, pflückte der Akku-Doktor auseinander. Er verweist dabei nicht nur auf die inzwischen auf einen Anteil von 60 Prozent Erneuerbaren-Elektrizität angeschwollenen Grünstromanteil sondern auch auf noch kaum sichtbare und dennoch eingeleitete Fortschritte der Wärme- und Verkehrswende. So stieg der Anteil der Erneuerbaren am Verkehr zwar seit 2010 nur von 5,8 auf 8 Prozent und in der Wärmeversorgung von 12,2 auf 19 Prozent. Doch Schmitz weist auch darauf hin, dass sich in beiden Kurven jüngste Fortschritte der Energietechnik erst mit vielen Jahren Verspätung zeigen können. Weil die Energiekonsumenten Autos und Heizungen noch viele Jahre nach ihrer Anschaffung weiternutzen, ehe sie auf neue Technologie umstellen, werden Änderungen auch erst spät sichtbar. Bei den Neuzulassungen haben Elektroautos erstmals im März die Benziner-Autos überholt. Und 2025 haben Wärmepumpen die Gasheizungen bei den Neuverkäufen offiziell überholt, einen Anteil von 48 Prozent im Vergleich zu 45 Prozent erreicht. Die großen Verzögerungen werden sich demnach erst in den kommenden Jahren in größeren Erneuerbaren-Anteilen klar statistisch auswirken.
Schmitz wirft Löhr außerdem vor, den neben ihr sitzenden Peter Altmaier als „dem Architekten der deutschen Energiewendebremse“ – der sogenannten Altmaier-Delle im Zubau von Photovoltaikanlagen, keine kritische Frage gestellt zu haben, wieso er die Energiewende tatsächlich aktiv eingebremst hatte. Die von Schmitz genannte Altmaier-Delle war eine Folge eines schlagartigen Zusammenstreichens der Photovoltaik-Vergütung durch den CDU-Politiker.
Schließlich wirft der Youtuber Lanz vor, mit einem Stammtischspruch fast Desinformation betrieben zu haben: Deutschland habe die höchsten Strompreise mit auf der Welt. Die Haushaltsendkundenstrompreise sind sehr hoch, die Industriestrompreise aber nur im mittleren europäischen Bereich, lässt Schmitz einen Experten vom Fraunhofer-Institut ISE antworten. Außerdem sei der Strompreis kaufkraftbezogen zu werten und auf die mit der elektrischen Versorgung im internationalen Vergleich zur Verfügung gestellte Leistung und Versorgungssicherheit: Deutschland hat die geringsten Ausfallzeiten der Stromversorgung und stellt zugleich die Standardhaushaltsanschlüsse mit sehr hohen Leistungen zur Verfügung.