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Mehr Flexibilität im Verteilnetz könnte Ausbaukosten um 66 Milliarden Euro senken

Leitungen besser auslasten, Belastungsspitzen abfangen – diese beiden Maßnahmen im Verteilnetz besser zu nutzen, könnte den Netzausbau rund 66 Milliarden Euro billiger machen. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie von Agora Energiewende. Demnach kostet der Verteilnetzausbau bis 2045 rund 250 Milliarden Euro, sollten Betreiber weiter wie bisher planen und bauen. Innovative Betriebsmöglichkeiten könnten hingegen ein Viertel dieser Kosten einsparen und damit auch Engpassgebiete entlasten.

Potenziale des neuen Energiesystems bleiben weitestgehend unberücksichtigt

Bislang blieben die Potenziale des neuen Energiesystems in der Planung der Netzbetreiber noch weitestgehend unberücksichtigt, heißt es in einer Presseinformation von Agora Energiewende. Netzbetreiber nutzen das Potenzial der flexiblen Nachfrage von Wärmepumpen, E-Autos und Speichern zu wenig. In der Folge steigt der Bedarf an Stromleitungen, Trafos und Umspannwerken mehr als nötig – und führt zu höheren Netzentgelten.

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„Die neue Generation von Stromverbrauchern und -erzeugern erfordert auch eine moderne Nutzung der Stromnetze“, sagt Julia Bläsius, Direktorin von Agora Energiewende Deutschland. „Für die Netzplanung sollte gelten: Innovation, wo möglich, Ausbau, wo nötig.“ Den Netzausbau hinauszuzögern durch das Bremsen der Energiewende, wie es derzeit in der Diskussion stehe, verschiebe die Herausforderungen höchstens. „Stattdessen sollten Bundesregierung, Bundesnetzagentur und Betreiber – parallel zum Netzausbau – dringend innovative und günstigere Alternativen voranbringen und in der Planung verankern“, so Bläsius.

Agora macht dazu konkrete Vorschläge:

- differenzierte Preissignale, die die lokale Netzauslastung abbilden,

- teilweise kleinere Netzanschlüsse, bei denen die maximale Leistungsspitze nicht durch das Netz, sondern durch vorhandene Flexibilität – etwa Speicher – getragen wird, sowie

- Maßnahmen, die Betreibern im Notfall eine gezielte Netzentlastung ermöglichen.

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Die größte Aufgabe beim Stromnetzausbau fällt ab Mitte der 2030er an

Die Agora-Modellierung zeigt zudem, dass der größte Ausbaubedarf ab Mitte der 2030er Jahre anfällt – und zwar vor allem aufgrund der steigenden Stromnachfrage von Elektroautos, Wärmepumpen sowie strombasierten Prozessen von Industrie und Gewerbe. Da sich mit zunehmender Stromnachfrage der Bedarf an Energieinfrastruktur weg von fossiler Infrastruktur hin zu Stromnetzen verlagere, müssten diese künftig mehr leisten. Das bedeutet: Kurz- und mittelfristig können einspeiseseitig wirkende Maßnahmen Zeit verschaffen und Geld sparen, zum Beispiel indem neben großen Erneuerbaren-Anlagen Speicher gebaut werden (Co-Location) oder Netzanschlüsse nicht auf das Maximum der Erzeugungsleistung ausgebaut werden (Überbauung). Langfristig brauche es jedoch Lösungen für den besseren Umgang mit der steigenden Last.

Bidirektionales Laden im Container

Bläsius nannte zwei wesentliche Voraussetzungen, um die wachsenden Herausforderungen im Stromnetz im Griff zu behalten: „Betreiber brauchen einen vielseitigen Instrumentenkasten, der sie für unterschiedliche Herausforderungen im Netz ausrüstet: An einem kalten Wintertag, an dem viele Wärmepumpen laufen und E-Autos in den Abendstunden laden, wirken andere Instrumente als an Sommertagen mit Solarspitzen zur Mittagszeit“, betonte sie. Und zweitens bräuchten Betreiber klare Leitplanken, um diese Möglichkeiten auch in die Planung einbeziehen zu können. Nur so kann der Netzausbaubedarf tatsächlich sinken. Auf diese Weise könnten Netzbetreiber laut Agora jährliche Kosteneinsparungen von mindestens 2 Milliarden Euro ab 2030 und 5 Milliarden Euro ab 2035 erzielen. Zum Vergleich: 2026 hat die Bundesregierung allein 6,5 Milliarden Euro für die Senkung der Netzentgelte ausgegeben.

So gingen die Wissenschafter vor

Die Berechnungen von Agora Energiewende fußen auf einer umfassenden Modellierung, die das Beratungsunternehmen Consentec und die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) im Auftrag des Thinktanks durchgeführt haben. Für die Berechnungen wurde das deutsche Stromverteilnetz im Detail modelliert, indem sogenannte Typnetze der Nieder-, Mittel- und Hochspannung genutzt und über Deutschland verteilt wurden. In einem zweiten Schritt wurde dann untersucht, wie sich Lastflüsse mit fortschreitender Energiewende und Elektrifizierung entwickeln. So konnten die Ausbaukosten für ein Szenario berechnet werden, in dem Überlastungen durch Netzausbau gelöst werden, im Vergleich zu einem Szenario, bei dem zusätzlich innovative Maßnahmen zum Einsatz kommen. Die 101-seitige Studie ist zum kostenfreien Download abrufbar.