Ein Windpark entsteht fast ohne finanziellen Vorteil für die Kommune? Zwei Städte nehmen das nicht hin und erhöhen nebenbei die Akzeptanz.
Katharina Wolf
Es geht voran auf der Baustelle in Weißenbrunn. Die Fundamente sind gegossen, Türme wachsen in die Höhe. Bis Ende 2026 sollen hier auf einer Anhöhe zwischen Weißenbrunn und Rugendorf fünf Nordex-Anlagen vom Typ Nordex N175 mit je 6,8 MW Nennleistung und einer Höhe von 266 Metern drehen.
Vorbehalte in der Bevölkerung? Die gab es schon, räumt Marius Conci ein, der im Bauamt der Gemeinde Weißenbrunn das Projekt betreut. Doch durch regelmäßige Informationsveranstaltungen und maximale Transparenz habe die Kommune die Akzeptanz deutlich stärken können. „Wir haben dafür gesorgt, dass für die Bürger klar erkennbar ist, wie sie vom neuen Windpark profitieren.“
Doch der Reihe nach: Dort, wo jetzt der Windpark Weißenbrunn Gössersdorf entsteht, gab es bereits einzelne Windräder, doch das Windvorranggebiet bot noch reichlich ungenutzten Raum für zusätzliche Anlagen. Für Bürgermeister Jörg Neubauer stand schon 2021 fest: „Dass dort weitere Windräder gebaut werden, ist sicher. Die Gemeinde Weißenbrunn sollte diese Chance nutzen und sich ihr Mitbestimmungsrecht sichern. Baut hier erst mal ein Konzern, hat die Gemeinde keinen Einfluss mehr auf die Gestaltung.“
Weißenbrunn bewarb sich deshalb um eine Förderung durch die bayerischen „Windkümmerer“. Ende 2019 hatte die Landesregierung die Initiative Aufwind gestartet, mit dem Ziel, die Akzeptanz der Windenergie zu erhöhen. Einen zentralen Bestandteil bilden die „Windkümmerer“, die ausgewählte Kommunen bei ihren Vorhaben beraten und unterstützen. „Sowohl der amtierende Bürgermeister als auch die Gemeinderäte hatten anfangs ja noch überhaupt keine Erfahrung mit dem Thema Windenergie“, sagt Conci.
Gemeinsam mit dem Kümmerer startete die Gemeinde ihre eigene Projektentwicklung: von der Flächensicherung über die Sicherung eines Netzanschlusses bis zum Erhalt der Genehmigung. gemäß Bundesimmissionsschutzgesetz: „Wir hatten eigene Vorstellungen davon, wie der Windpark geplant werden soll. Statt maximalem Stromertrag sollten die Akzeptanz und Mehrwerte für alle im Mittelpunkt stehen“, sagt Neubauer. Deshalb wurden größere Abstände eingehalten als vorgeschrieben und zusätzliche Gutachten erstellt, die in einem Vorranggebiet eigentlich nicht notwendig gewesen wären.
Baut hier ein Konzern, hat die Gemeinde keinen Einfluss mehr auf Gestaltung.
„So haben wir ein stabiles Gerüst aufgebaut und uns dann auf die Suche nach einem Partner für die Umsetzung gemacht“, berichtet Conci. Auch hier hatte die Gemeinde klare Vorstellungen: „Wir wollten 50 Prozent des Windparks im Besitz der Gemeinde halten, damit wir auch während des Betriebs ein Mitspracherecht haben. Außerdem wollten wir, dass jede Bevölkerungsgruppe profitiert.“ Es sollte daher eine finanzielle Beteiligungsmöglichkeit und einen günstigen Stromtarif für die Bürger der Umgebungsgemeinden geben. Damit auch die junge Generation profitiert, baut die Betreibergesellschaft einen Energiespielplatz und einen Multicourt für Ballsport.
Partner aus der Nachbarschaft
„Mit diesen Vorstellungen haben wir einige Interessenten abgeschreckt“, erinnert sich Conci. Überzeugt hat dann am Ende ein Partner aus der Nachbarschaft: Münch Energie, die nicht nur Erfahrungen im Bereich der Projektentwicklung mitbrachten, sondern auch die gemeindlichen Vorstellungen zu regionalen Mehrwerten teilten. „Ein besonders großer Erfolg für uns alle war die erfolgreiche Teilnahme an der EEG-Ausschreibung und der Erhalt eines attraktiven Zuschlags Ende 2024“, sagt Conci.
Für die Finanzierung des Projekts blieb noch die Frage offen, wie hoch der notwendige Eigenkapitalanteil, welchen die finanzierende Bank voraussetzt, sein wird. Weißenbrunn ist eine Konsolidierungsgemeinde und darf ohne Genehmigung der Kommunalaufsicht nur Pflichtausgaben erfüllen. Doch hier zeigte sich, wie klug es gewesen war, die Projektentwicklung in die eigenen Hände zu nehmen. „Die Vorleistungen der Gemeinde in Höhe von rund 500.000 Euro und die dadurch gesicherten Projektrechte haben einen gewissen Wert. Zeitgleich hat die Bank den gesicherten EEG-Zuschlag und den Faktor Sicherheit durch die Beteiligung einer Kommune in Höhe von 50 Prozent als sehr wertvoll für das Projekt angesehen. Dadurch haben wir erreicht, was anfangs undenkbar war: Die Gemeinde musste kein zusätzliches Geld aus dem Haushalt in die Projektgesellschaft einzahlen“, sagt Conci.
Nun hofft Weißenbrunn, mithilfe des Windparks schnell aus der Konsolidierung zu kommen. Über 20 Jahre rechnet die Kommune mit einer Wertschöpfung von insgesamt knapp 16 Millionen Euro. Allein die Beteiligung an der Windpark GmbH soll rund 11,5 Millionen Euro bringen.
Wir wollten 50 Prozent des Windparks im Besitz der Gemeinde halten.
Allerdings: Ohne Unterstützung, einen kompetenten Projektpartner, viel Engagement und Kommunikation wäre der Plan nicht aufgegangen, ist sich Conci sicher. „Alle Projektverantwortlichen und allen voran der Erste Bürgermeister Jörg Neubauer haben die Bürger immer auf dem Laufenden gehalten, niemand sollte sich überrumpelt fühlen“, betont er.
Doch nicht nur in Bayern, auch in anderen Bundesländern machen sich Kommunen auf den Weg, mehr von einem Windpark zu profitieren als lediglich durch die im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) geregelte Abgabe oder die Gewerbesteuer. Nicht immer gelingt das: „Es hängt viel an den Flächen“, sagt Robert Brandt, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE). „Dort, wo Kommunen eigene Flächen haben, ist der Hebel für kommunale Wertschöpfung besonders groß.“ Doch vor allem in den östlichen Bundesländern sei dies oft nicht der Fall. „Sicherlich wurden auch deswegen dort Beteiligungsgesetze auf den Weg gebracht“, sagt Brandt.
Regeln für Flächenvergabe notwendig
Auch Frank Sondershaus von der Fachagentur Wind und Solar sieht die ungleichen Rahmenbedingungen von Kommunen als Herausforderung. „Deshalb lässt sich gute Praxis nicht einfach verpflanzen“, sagt er. Damit gute Projekte selbstverständlich werden, brauche es Regelungen für die Vergabe der Flächen. „Beispielsweise könnten neben Pachtobergrenzen auch kommunale Vorpachtrechte in ausgewiesenen Windgebieten geprüft werden“, so Sondershaus.
Einen anderen Weg hat die Stadt Elsdorf eingeschlagen. Die Kommune im Rhein-Erft-Kreis mit rund 22.000 Einwohnern, unmittelbar am Tagebau Hambach gelegen, wollte Erfahrungen aus der Vergangenheit nicht wiederholen: Bereits 2005 wurden die ersten Windenergieanlagen errichtet – gegen den Widerstand weiter Teile der Bevölkerung. „Die Anlagen kamen trotzdem, verdient haben jedoch andere daran“, erinnert sich Bürgermeister Andreas Heller.
Dort, wo Kommunen eigene Flächen haben, ist der Hebel für kommunale Wertschöpfung besonders groß.
Statt Flächen ausschließlich für externe Projektentwickler bereitzustellen, entschied sich die Stadt daher für eine aktive Rolle: Elsdorf erwirbt zwei schlüsselfertig entwickelte Windparks vom Bremer Projektentwickler Energiekontor mit insgesamt sieben Windturbinen des Typs Nordex N149. Schon in einer sehr frühen Projektphase hatte die Kommune dafür strategisch investiert: Elsdorf ließ eigene Studien zu Windpotenzial und Umweltverträglichkeit erstellen. So konnte die Stadt sowohl planerische Rahmenbedingungen als auch Fragen der Flächenkulisse und Abstandsregeln mitgestalten.
Mindestrendite bezogen auf Kaufpreis
Der Kauf erfolgt, wenn die Anlagen – voraussichtlich im Herbst 2026 – erstmals Strom ins Netz einspeisen. „Auf diese Weise tragen wir kein Risiko aus der Projektentwicklung“, erläutert Heller. Die Stadt wird dann alleinige Gesellschafterin der Betreibergesellschaft sein, sodass sämtliche Gewinne direkt in den kommunalen Haushalt fließen. Im Kaufvertrag konnte Elsdorf darüber hinaus eine Mindestrendite bezogen auf den Kaufpreis verankern. „Selbst unter vorsichtigen Annahmen hinsichtlich Lebensdauer der Anlagen, Stromerträgen und Betriebskosten rechnen wir langfristig mit durchschnittlichen Einnahmen von mindestens 900.000 Euro pro Jahr“, so Heller.
Die Fremdfinanzierung der Projekte wurde von Energiekontor strukturiert, während die Kommune das erforderliche Eigenkapital über einen Kredit aufnahm. Während des gesamten Prozesses ließ sich die Stadt zudem extern beraten, insbesondere bei der Vertragsgestaltung.
Neben den wirtschaftlichen Aspekten spielte auch die Akzeptanz eine zentrale Rolle. „Sie bekommen hier keinen Szenenapplaus, wenn Sie sagen, wir bauen ein Windrad“, sagt Heller. Entscheidend sei jedoch gewesen, dass die Wertschöpfung nun unmittelbar der Kommune zugutekommt und gleichzeitig größtmögliche Mindestabstände umgesetzt werden. Dieses Zusammenspiel aus kommunaler Beteiligung und Rücksicht auf lokale Belange habe wesentlich dazu beigetragen, die Bürgerinnen und Bürger für das Projekt zu gewinnen.
Foto: Stadt Elsdorf
Andreas Heller, Bürgermeister der Stadt Elsdorf
Foto: Münch Energie
Windpark der Gemeinde in Weißenbrunn
Foto: Stadt Elsdorf
Baustelle eines von zwei Windparks in Elsdorf, Rhein-Erft-Kreis, die die Stadt schlüsselfertig von Energiekontor erwirbt.
Jetzt weiterlesen und profitieren.
Mit unserer Future Watt Firmenlizenz top informiert und immer auf dem neuesten Wissenstand in ihrem Fachgebiet.
+ Unbegrenzter Zugang zu allen Future Watt Inhalten + Vergünstigte Webinarteilnahme + E-Paper Ausgaben + Sonderhefte zu speziellen Themen + uvm.
Wir haben die passende Lizenz für Ihre Unternehmensgröße!