Abwärme aus der Industrie wird für das Neubaugebiet Franky in der Frankfurter Innenstadt genutzt.
Wie transparente Daten und konkrete Projekte rund um die Abwärme die Wärmeplanung in den Gemeinden vor Ort voranbringen.
Nicole Weinnold
Die Nutzung von Abwärme gilt als einer der zentralen Hebel für eine klimafreundliche und resiliente Wärmeversorgung in Deutschland. Sowohl auf strategischer Ebene – etwa durch die systematische Erfassung von Potenzialen – als auch in der praktischen Umsetzung vor Ort zeigt sich: Abwärme kann ein tragendes Element der kommunalen Wärmeplanung sein. Die Plattform für Abwärme (PfA) des Bundes und konkrete Quartiersprojekte wie jene der Mainova AG in Hessen verdeutlichen, wie Daten, Planung und Umsetzung ineinandergreifen.
Mit der Plattform für Abwärme hat der Gesetzgeber ein Instrument geschaffen, das Transparenz über vorhandene industrielle Abwärmepotenziale herstellt und das sogenannte Matchmaking zwischen Abwärmeanbietern und potenziellen Nutzern ermöglicht. Martina Erler von der Bundesstelle für Energieeffizienz im Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) betont die grundlegende Zielsetzung:
„Abwärme ist ein großer Schatz, den man nutzen kann, um die Energiewende voranzubringen. Die Plattform für Abwärme dient dem Abbau von Informationsdefiziten, da häufig fehlende Informationen über vorhandene Abwärmepotenziale als wesentliches Hemmnis für die Realisierung von Abwärmeprojekten genannt werden.“
81 Prozent der gemeldeten Abwärme stehen sieben Tage die Woche 24 Stunden zur Verfügung
Grundlage: Energieeffizienzgesetz
Die rechtliche Grundlage bildet das Energieeffizienzgesetz, das in enger Verzahnung mit dem Wärmeplanungsgesetz eine systematische Erfassung und Nutzung unvermeidbarer Abwärme vorsieht. „Die unvermeidbare Abwärme soll gemäß Wärmeplanungsgesetz zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung beitragen. Dafür ist es notwendig, dass die Plattform für Abwärme die Informationsdefizite über vorhandene Abwärmepotenziale beseitigt – sodass man auch weiß, bei uns in der Region hat Unternehmen XY diese oder jene Abwärme. Entsprechend kann man von einem Matchmaking zwischen Wärmeplanungsgesetz und Energieeffizienzgesetz sprechen“, so Erler.
Seit der Veröffentlichung der Daten im Januar 2025 hat sich ein beachtlicher Datenbestand aufgebaut. „Wir haben mittlerweile Meldungen von über 3.800 Unternehmen zu mehr als 6.000 Standorten mit über 26.000 Abwärmepotenzialen und einer gesamten Abwärmemenge von 254 Terawattstunden pro Jahr“, berichtet Erler. Die Daten zeigen zudem regionale Schwerpunkte, insbesondere in industriestarken Regionen wie Nordrhein-Westfalen.
Ein häufig vorgebrachtes Argument gegen die Nutzung industrieller Abwärme betrifft deren angeblich geringe zeitliche Verfügbarkeit. Die Plattformdaten zeichnen jedoch ein anderes Bild: „81 Prozent der gemeldeten Abwärme stehen sieben Tage die Woche 24 Stunden zur Verfügung. Also ist Abwärme durchaus immer verfügbar.“ Auch bei den Temperaturniveaus liefern die Daten wichtige Hinweise für die Planung: Die Mehrheit der Potenziale liegt zwischen 25 und 60 Grad und ist damit prädestiniert für den Einsatz von Wärmepumpen in Wärmenetzen und Quartierslösungen.
Die Daten der Plattform finden bereits breite Anwendung, etwa bei Landesenergieagenturen, Behörden und in regionalen Energieatlanten. In Kooperation mit Awa-Netz werden zudem Plausibilitätschecks integriert, die die Qualität der Daten weiter erhöhen. Damit wird die Plattform für Abwärme zu einem zentralen Werkzeug für Kommunen, die ihre Wärmeplanung auf eine belastbare Datenbasis stellen wollen.
26 tausend Abwärmepotenziale sind bereits in der Abwärme-Plattform des Bundes gespeichert.
Abwärme aus Rechenzentren in Hessen
Wie diese Potenziale konkret genutzt werden können, zeigt die Mainova AG in Hessen. Der Frankfurter Energiedienstleister verfolgt das Ziel, bis 2040 klimaneutral zu werden, und setzt dabei verstärkt auf Abwärme aus Rechenzentren für die Quartiersversorgung. Paula Guesnet, Abteilungsleiterin Vertrieb, Wärme und Contracting, beschreibt Fernwärme als Rückgrat der urbanen Wärmewende. Das Frankfurter Fernwärmenetz umfasst derzeit rund 310 Kilometer und soll bis 2040 auf mehr als das Doppelte wachsen, um perspektivisch rund 40 Prozent des Wärmebedarfs zu decken. Neben Tiefengeothermie, Wasserstoff und Müllverbrennung spielt dabei Abwärme eine zentrale Rolle.
Technisch wird die Abwärme aus Rechenzentren über Leitungen in Heizzentralen geführt, wo Wasser-Wasser-Wärmepumpen das Temperaturniveau anheben. „Einer der Vorteile der Abwärme aus Rechenzentren ist die sehr hohe Verfügbarkeit sowie ein konstant hohes Temperaturniveau. Das ist sehr stabil, sodass die Wärmepumpe eine große Effizienz erzielen kann“, so Guesnet.
Leuchtturmprojekt Franky
Ein Leuchtturmprojekt ist das Neubaugebiet Franky in der Frankfurter Innenstadt. Dort werden rund 1.300 Wohneinheiten sowie eine Kita überwiegend mit Abwärme aus einem benachbarten Rechenzentrum versorgt. „60 Prozent der Wärme stammen aus der Abwärme des Rechenzentrums, für Spitzenlasten und als Redundanz wurde ein Fernwärmeanschluss realisiert“, erläutert Guesnet. Die CO₂‑Einsparungen liegen bei etwa 600 Tonnen pro Jahr, die Wärmelieferung ist bereits gestartet.
Auch in Hattersheim zeigt sich, wie Abwärme Neubau und Bestand verbinden kann. Ein neu errichtetes Rechenzentrum versorgt dort ein Neubaugebiet und ein bestehendes Quartier. Die Abwärme kommt mit rund 30 Grad an und wird durch Großwärmepumpen auf 70 bis 75 Grad angehoben. Der prognostizierte Energiebedarf liegt bei 5.200 Megawattstunden.
Ob strategische Datengrundlage oder konkrete Quartierslösung: Beide Beispiele zeigen, dass Abwärme ein wesentlicher Baustein der kommunalen Wärmeplanung sein kann. Die Plattform für Abwärme schafft die notwendige Transparenz und Planbarkeit, während Projekte wie jene der Mainova AG demonstrieren, wie diese Potenziale vor Ort wirtschaftlich und technisch umgesetzt werden können. Damit wird Abwärme vom bislang ungenutzten Nebenprodukt zu einem zentralen Element einer klimaneutralen Wärmeversorgung.
Foto: Mainova AG
Das Frankfurter Quartier Franky bezieht 60 Prozent der benötigten Wärme über Abwärme.
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