Springe zum Hauptinhalt Skip to main navigation Skip to site search
Abwärmenutzung aus der Industrie

„Alle müssen sich damit beschäftigen“

Frau Freier, Herr Hoffmann, lassen Sie uns mit einer grundlegenden Frage beginnen: Was ist eigentlich Abwärme?

Hoffmann: Abwärme entsteht immer dort, wo eine Energieumwandlung stattfindet – bei einem Fahrzeug zum Beispiel bei der Umwandlung von Kraftstoff in Bewegungsenergie. Aber für unser Gespräch ist die Abwärme interessant, die bei Wärmeanwendungen in der Industrie übrigbleibt, also wenn etwa Hitze erzeugt wird, um ein Prozessergebnis zu erhalten. Ein Beispiel sind Trocknungsprozesse, bei denen Restwärme anfällt, die sich zwar nicht mehr direkt für den Prozess, aber anderweitig verwenden lässt.

Freier: Wichtig ist, dass die Abwärme dabei ein unerwünschtes Nebenprodukt ist. Also, wenn es nicht das Ziel des Prozesses ist, diese Wärme zu erzeugen, sondern diese als Restmenge anfällt und ihre Produktion nicht mit vertretbarem Aufwand vermieden werden kann.

Hoffmann: Wichtig ist dabei, dass man zunächst stets versuchen sollte, möglichst wenig davon zu erzeugen, indem man die Prozesse entsprechend optimiert. Aber die Menge, die sich eben nicht vermeiden lässt, sollte man unbedingt nutzen. Im Energieeffizienzgesetz ist diese als unvermeidbare Abwärme definiert.

Eine weitere Quelle für Abwärme sind Rechenzentren.

Hoffmann: Richtig. Das sind die beiden Sektoren, die im Energieeffizienzgesetz sehr stark adressiert werden, weil sich diese aus technischer Sicht relativ einfach erschließen lassen. Es gibt noch weitere Bereiche wie etwa die Elektrolyse, bei denen Abwärme ein unerwünschtes Nebenprodukt ist. Aber momentan liegen die größten Potenziale zur Nutzung von Abwärme in der Industrie und bei Rechenzentren.

Wie groß sind denn diese Potenziale in Deutschland?

Hoffmann: Im Jahr 2024 wurden in der Industrie etwas mehr als 410 Terawattstunden Wärme und Kälte erzeugt. Studien zufolge lässt sich rund die Hälfte davon technisch nutzen. Entscheidend ist dabei jeweils das Temperaturniveau der Abwärme. Denn je höher die Temperatur, desto größer sind auch die Nutzungsmöglichkeiten. Der überwiegende Teil der Abwärme liegt im Bereich unter 200 Grad Celsius. Das ist interessant für viele Wärmeanwendungen, aber in der Industrie nur in Produktionsbereichen mit entsprechendem Temperaturbedarf. In vielen Fällen ließe sich die Abwärme aber schon früher in industriellen Prozessen abgreifen, dann stehen oft deutlich höhere Temperaturen für andere Prozesse zur Verfügung.

Freier: Über die Plattform für Abwärme, auf der Unternehmen mit einem Gesamtenergieverbrauch von mehr als 2,5 Gigawattstunden pro Jahr ihre Abwärmedaten melden müssen, wissen wir, dass 32 Prozent der unvermeidbaren Abwärme eine Temperatur von mehr als 110 Grad Celsius haben und sich damit für Wärmenetze und andere Industrieanlagen nutzen lassen. Und ein großer Teil davon steht permanent zur Verfügung.

Wie lässt sich Abwärme nutzen, wenn sie nicht für interne Prozesse wiederverwendet wird?

Hoffmann: Die Abwärme lässt sich zum Beispiel in kommunale Wärmenetze einspeisen. Das ergibt doppelt Sinn, denn die Kommunen müssen ihre Wärmeversorgung transformieren, um bis 2045 klimaneutral zu sein. Dafür benötigen sie einen sinnvollen Mix aus erneuerbaren Energieträgern. In diesem Zusammenhang spielt Abwärme eine große Rolle, da der Gesetzgeber sie als erneuerbare Wärmequelle definiert und sie bisher nur wenig erschlossen ist. Wir gehen davon aus, dass die Kommunen künftig 20 bis 25 Prozent ihrer Wärmeversorgung über Abwärme umsetzen können – als Ergänzung zu anderen erneuerbaren Energien.

Gibt es denn schon Modelle, wie eine solche Abwärmenutzung umgesetzt wird?

Hoffmann: Das wird in den bisherigen Projekten auf ganz unterschiedliche Weise gelöst. Es gibt Industrieunternehmen, die eine zusätzliche Rolle als Energieversorger einnehmen und die Abwärme selbst verkaufen möchten. Es gibt aber auch Modelle, in denen die Abwärme quasi kostenlos zur Verfügung gestellt wird. In anderen Fällen möchte sich das Unternehmen nicht darum kümmern und beauftragt einen Contractor oder ein Stadtwerk damit, dies zu übernehmen.

Freier: Das ist alles sehr individuell und immer davon abhängig, wozu das Unternehmen bereit ist und was die Kommune möchte, welche die Abwärme abnimmt. Dabei geht es um viele verschiedene Fragen wie etwa „Wie ist die Infrastruktur vor Ort?“, „Inwieweit möchte der Industriebetrieb in seine Prozesse eingreifen oder gar von außen eingreifen lassen?“ oder „Wer übernimmt die Wartung des Wärmetauschers?“.

Unterscheidet sich ein Rechenzentrum eigentlich bezüglich der Abwärmenutzung von der Industrie?

Hoffmann: Grundsätzlich ist es so, dass bei einem Rechenzentrum im Prinzip alles an elektrischer Energie, was hineingesteckt wird, auch wieder als Abwärme anfällt. Denn die Rechenleistung erzeugt Wärme, die sich vor Ort nicht anderweitig nutzen lässt. Zudem wird ein Rechenzentrum typischerweise permanent – also 24/7 – betrieben. Im Gegensatz zu manchem Industrieprozess, der vielleicht auch mal ein paar Tage zur Wartung stillsteht oder im Batchbetrieb gefahren wird. Gleichzeitig werden immer mehr und immer größere Rechenzentren gebaut. Das heißt, das Wärmepotenzial durch Rechenzentren wächst extrem stark und schnell an.

Freier: Auf der anderen Seite hat die Abwärme eines Rechenzentrums ein relativ niedriges Temperaturniveau von 25 bis 30 Grad Celsius. Bei Wasserkühlung kann die Temperatur auch schon mal höher liegen. Aber in der Regel muss die Abwärme per Wärmepumpe auf das benötigte Level gebracht werden. Außerdem ist ein Rechenzentrum meistens geografisch relativ weit vom Wärmenetz einer Kommune entfernt.

Hoffmann: Dies ist ein wichtiger Punkt, der bei einer Standortentscheidung für ein Rechenzentrum schon frühzeitig bedacht werden sollte. Früher ging es vor allem darum, einen Ort zu finden, wo man mit dem Rechenzentrum niemanden stört. Nun ist bei der Standortwahl auch entscheidend, ob es in der Nähe ein Wärmenetz gibt oder ein solches errichtet werden soll. Daher ist es - nicht zuletzt auch von Seiten des Gesetzgebers - sehr erwünscht, dass Kommune und Rechenzentrumsbetreiber frühzeitig gemeinsam miteinander besprechen, welcher Platz am besten geeignet ist, um die Abwärme nutzen zu können.

Ab wann ist denn die Verwendung von Abwärme wirtschaftlich?

Hoffmann: Wenn man einen Firmenchef fragt, dann hört man nicht selten, dass Investitionen wirtschaftlich sind, die sich spätestens nach drei Jahren amortisieren. Das schaffen einige Abwärmeprojekte, aber nicht alle. Bei vielen Projekten liegt der Break-Even-Point eher im Bereich von vier bis sieben Jahre. Die Amortisationsdauer wird oft als einfache Entscheidungsregel verwendet, ist jedoch stark branchen- und projektabhängig. Zudem sollte man bedenken, dass man auch nach dem Erreichen des Amortisationszeitpunkts weiter Energie einspart. Das wird oft vergessen.

Freier: Hinzu kommt, dass man bei der Nutzung von erneuerbaren Energien wie Abwärme natürlich resilienter gegenüber steigenden Preisen bei fossilen Energien ist. Wie problematisch diese Abhängigkeit ist, zeigt sich ja gerade zurzeit sehr stark. Zudem spart man CO2 durch die Abwärmenutzung ein, was auch ein wirtschaftlicher Faktor ist. Schließlich werden die CO2-Preise weiter steigen.

Hoffmann: Man muss aber ehrlicherweise sagen, dass die Nutzung von Abwärme auch einige Investitionen erfordert. Dazu zählen etwa die Anschaffung eines Wärmetauschers und gegebenenfalls einer Wärmepumpe. Je nach Größenordnung muss ein Unternehmen auch ein eigenes Wärmenetz aufbauen. Doch es gibt eine Reihe von Förderprogrammen, die zu Beginn finanziell unterstützen. Zudem kann man wie schon erwähnt einen Contractor oder andere Dienstleister mit ins Boot holen, die das Investitionsrisiko abfedern. Schöner Nebeneffekt: Durch die Investitionen kann auch der Wert des eigenen Maschinen- und Anlagenparks steigen.

Was sind aus Ihrer Sicht noch die größten Herausforderungen, wenn es um die Verwendung von Abwärme geht?

Hoffmann: Eine Hürde ist zunächst mal, dass Wärmequelle und Wärmesenke zusammengebracht werden müssen. Das heißt, Bedarf und verfügbare Wärmemenge sowie -temperatur müssen zusammenpassen. Und beide Seiten – Wärmegeber und Wärmenutzer – müssen in einem räumlichen Verhältnis zueinanderstehen, das die technische Umsetzung ermöglicht. Bei der externen Nutzung gibt es auch häufig unterschiedliche Perspektiven bei Unternehmen und Kommunen. Ein Unternehmen hat einen Planungshorizont von vielleicht zwei, drei oder fünf Jahren. Eine Kommune dagegen legt ihr Wärmenetz für viel längere Zeiträume aus. Da entstehen natürlich Fragen. Zum Beispiel: „Was machen wir, wenn das Unternehmen seine Prozesse, welche die Abwärme liefern, umstellt?“

Freier: Außerdem können sieben Jahre, die es dauert, bis sich ein Projekt rechnet, sehr lang sein – trotz Förderung. Ein weiterer Punkt ist: Gerade kleineren Firmen fehlen Zeit und Kompetenzen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und in den Kommunen ist es auch nicht immer einfach, jemanden zu finden, der sich mit den Anforderungen der Abwärmenutzung auskennt.

Welche Unterstützung bietet das Kompetenzzentrum?

Hoffmann: Wir sind für Unternehmen in Baden-Württemberg grundsätzlich Ansprechpartner für alle Fragen rund um das Thema Abwärmevermeidung und -nutzung. Und wir bringen die verschiedenen Akteure zusammen. Eine Kollegin organisiert beispielsweise Treffen, bei denen sich Rechenzentrumsbetreiber und Stadtwerke intensiv und vertraulich austauschen können. Darüber hinaus führen wir zahlreiche weitere Informationsveranstaltungen für Interessierte in Baden-Württemberg durch. Dort klären wir über Förderprogramme auf und bringen Lösungssuchende und Anbietende zusammenfinden. Am 17. Juni findet in Stuttgart die Fachtagung Abwärme zum ersten Mal gemeinsam mit der Bundesabwärmetagung statt. Das ist das größte Abwärme-Event, das bisher in Deutschland stattgefunden hat.

Freier: Unser Kompetenzzentrum bietet zudem Abwärmechecks an. Wir schauen uns die Potenziale für die Abwärmenutzung im jeweiligen Unternehmen an. Ist ein solches vorhanden, vermitteln wir Energieberatende, welche die Firma bei der Umsetzung eines entsprechenden Projekts unterstützen. Dies sind in der Regel zertifizierte Abwärmeberater und -beraterinnen, die dann eine differenzierte Analyse vornehmen.

Woher kommen die?

Hoffmann: Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist die Fortbildung zum Abwärmeberatenden. Das heißt, Energieberatende können bei uns einen entsprechenden Kurs belegen und sich das Wissen aneignen, das dafür notwendig ist. Denn Abwärmeprojekte sind komplex, besonders wenn es um die Anbindung an Wärmenetze geht.

Das heißt, mit dem Thema Abwärmenutzung öffnet sich für Energieberater ein großes Betätigungsfeld?

Hoffmann: Es gibt definitiv einen großen Bedarf an Beratung, der mit dem Energieeffizienzgesetz noch angewachsen ist. Vorher gab es zwar schon ein starkes Interesse an dem Thema – besonders von den fortschrittlichen Kommunen. Doch jetzt müssen sich alle damit beschäftigen, auch die Unternehmen.

Freier: Den Energieberatenden kommt eine wichtige Aufgabe zu. Sie müssen dabei helfen, die Potenziale so weit es geht auszuschöpfen. Wir haben ja eingangs erwähnt, dass das fehlende Wissen in den Unternehmen und Kommunen oft eine Herausforderung darstellt. Ein weiteres zentrales Betätigungsfeld für Energieberatende wird künftig die Dekarbonisierung der Prozesswärme sein, wobei die Abwärmenutzung einen wichtigen Bestandteil der Lösung darstellt. Auch in diesem Bereich ist von einem entsprechend hohen Beratungsbedarf auszugehen.

Hoffmann: Es bedeutet für viele Energieberatende, sich mit Technologien und Fragen zu beschäftigen, die bisher noch nicht auf ihrer Agenda standen. Zum Beispiel: „Wie lässt sich Wärme aus einer Druckluftanlage auskoppeln?“ Oder: „Lässt sich mit dem Organic-Rankine-Cycle-Verfahren aus Abwärme wirtschaftlich Strom erzeugen?“ Daher haben schon viele Energieberatende die Chance ergriffen und bei uns einen Kurs zum zertifizierten Abwärmeberater beziehungsweise zur Abwärmeberaterin absolviert.

Die Fragen stellte Markus Strehlitz

Anna-Lena Freier

Bild: Umwelttechnik BW

Anna-Lena Freier
Patrick Hoffmann

Bild: Umwelttechnik BW

Patrick Hoffmann

Gesetzlich geregelt

Das Energieeffizienzgesetz (EnEfG) enthält konkrete Pflichten zur Vermeidung und Nutzung von Abwärme für Unternehmen in Deutschland. Dazu zählen:

  • Unternehmen sind verpflichtet, entstehende Abwärme möglichst zu vermeiden.
  • Unvermeidbare Abwärme muss genutzt werden, soweit dies technisch möglich und wirtschaftlich zumutbar ist.

Förderung und Unterstützung

Das Kompetenzzentrum Abwärme in Baden-Württemberg unterstützt Projekte und bringt alle relevanten Parteien zusammen. Dies gilt sowohl operativ für produzierende Industriebetriebe und Rechenzentren vor Ort als auch strategisch bei der Verbesserung der landes- und bundesweiten Rahmenbedingungen solcher Projekte. Weitere Infos unter www.t1p.de/geb260401

Eine Übersicht über die Förderprogramme: www.t1p.de/geb260402

Möglichkeit zum Austausch mit Experten

Am 17. Juni 2026 findet die Fachtagung Abwärme BW erstmalig in Kooperation mit der Bundesabwärmetagung statt. Die Veranstaltung bringt Akteure der Branche auf Landes- und Bundesebene zusammen, ermöglicht den Austausch mit Fachleuten zu Projektideen und die Planung konkreter Maßnahmen. Im Haus der Wirtschaft in Stuttgart stehen aktuelle Entwicklungen und Praxisbeispiele aus Industrie, Kommunen und Energieversorgung in Fokus – darunter Abwärmevermeidung und -nutzung, Abwärme aus Rechenzentren.

Informationen und Anmeldung unter www.t1p.de/geb260403

Jetzt weiterlesen und profitieren.

Mit unserer Future Watt Firmenlizenz top informiert und immer auf dem neuesten Wissenstand in ihrem Fachgebiet.

+ Unbegrenzter Zugang zu allen Future Watt Inhalten
+ Vergünstigte Webinarteilnahme
+ E-Paper Ausgaben
+ Sonderhefte zu speziellen Themen
+ uvm.

Wir haben die passende Lizenz für Ihre Unternehmensgröße!

Mehr erfahren

Tags