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Koordinierung komplexer Szenarien

Fabian Kauschke

Welche Aufgaben hat die Koordinierungsstelle Netzentwicklungsplanung?

Barbara Fischer: Die Koordinierungsstelle haben wir im Juli 2024 geschaffen. Sie geht auf eine gesetzliche Anforderung zurück, wonach die Fernleitungs- und Wasserstofftransportnetzbetreiber bei der integrierten Netzentwicklungsplanung für Gas und Wasserstoff zusammenarbeiten müssen. Die Koordinierungsstelle ist – wie der Name schon sagt – zuständig für die Koordinierung der Arbeiten zum Szenariorahmen sowie für die Erstellung des Netzentwicklungsplans. Außerdem ist sie dafür verantwortlich, die entsprechenden Dokumente fristgerecht bei der Bundesnetzagentur vorzulegen. Darüber hinaus fungiert die Koordinierungsstelle als Ansprechpartnerin für Behörden und Öffentlichkeit und betreibt die Datenbanken, die der Netzplanung zugrunde liegen. Wichtig ist aber: Verantwortlich für die Netzentwicklung waren und bleiben die Netzbetreiber selbst.

Wo stehen wir denn aktuell bei der Netzentwicklung des Wasserstoffnetzes?

Barbara Fischer: Wir befinden uns derzeit im zweiten Drittel des ersten Zyklus der integrierten Netzentwicklungsplanung Gas und Wasserstoff. Der Netzentwicklungs-Planungsprozess hat einen zweijährigen Turnus, das heißt, alle zwei Jahre wiederholt sich der Ablauf. Zur Orientierung: Im ersten Jahr wird der Szenariorahmen erstellt, im zweiten Jahr der Netzentwicklungsplan. Wir haben im April 2025 die Genehmigung für den aktuellen Szenariorahmen von der Bundesnetzagentur erhalten. Auf dieser Basis haben die Netzbetreiber nun den Netzentwicklungsplan erarbeitet, der voraussichtlich im März 2026 veröffentlicht wird.

Was steckt konkret hinter dem Szenariorahmen?

Barbara Fischer: Grundsätzlich hat sich die Art und Weise, wie wir Netze planen, stetig weiterentwickelt. Früher – insbesondere im Gasbereich – war die Planung stark bedarfsorientiert. Mit der letzten Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) sind Szenarien deutlich stärker in den Fokus gerückt. Zudem betrachten wir heute einen wesentlich längeren Zeitraum. Aktuell schauen wir auf die Zieljahre 2037 und 2045. In diesem Zyklus haben wir erstmals drei unterschiedliche Szenarien für beide Zieljahre betrachtet.

Das erste Szenario entspricht im Wesentlichen dem sogenannten O45-Wasserstoff-Szenario aus den Langfristszenarien des Bundeswirtschaftsministeriums. Es geht von einem relativ hohen Einsatz von Wasserstoff aus, der 2045 auch in Sektoren wie Haushalten, Gewerbe und Verkehr genutzt wird. In diesem Szenario gibt es im Jahr 2045 keine relevanten Erdgasbedarfe mehr.

Im zweiten Szenario (O45-Strom) besteht die größte Schnittmenge mit einem der Szenarien aus dem Netzentwicklungsplan Strom. Hierbei ist der Grad der Elektrifizierung deutlich höher als im ersten Szenario. Wir sehen Wasserstoffkraftwerke zur Deckung von Dunkelflauten. Der Wasserstoffeinsatz ist insgesamt geringer, dennoch gibt es auch hier im Jahr 2045 keine relevanten Erdgasbedarfe mehr.


Für die Zieljahre 2037 und 2045 erstellt die Koordinierungsstelle Szenarien für die Weiterentwicklung des Wasserstoff-Kernnetzes.

Das dritte Szenario trägt der aktuellen Entwicklung des Markthochlaufes für Wasserstoff Rechnung und wird als „verzögerte Transformation“ bezeichnet. Der Ausstieg aus Erdgas erfolgt hier langsamer, und CCS-Technologien kommen in Kraftwerken zur Dekarbonisierung zum Einsatz.

Zusätzlich gibt es für Erdgas ein viertes Szenario, das sich auf das Zieljahr 2030 bezieht. Dieses Szenario ist deutlich stärker bedarfsorientiert. Gerade für Erdgas ist es wichtig, auch die Bedarfe der kommenden Jahre im Blick zu behalten. Zwar wissen wir, dass wir 2045 klimaneutral sein wollen, aktuell befinden wir uns beim Erdgas jedoch noch nicht auf einem Pfad mit tatsächlich sinkenden Bedarfen.

Wie entsteht dann aus dem Szenario­rahmen der Netzentwicklungsplan?

Barbara Fischer: Sobald der Szenariorahmen genehmigt ist, beginnen wir damit, Ausbauvorschläge für das Netz im jeweiligen Zieljahr zu entwickeln. Bei der Netzentwicklungsplanung handelt es sich um einen komplexen Prozess, an dem alle Fernleitungsnetzbetreiber und Wasserstofftransportnetzbetreiber beteiligt sind. Dabei arbeiten sie mit komplexen Modellierungs- und Planungstools, die den Ausbaubedarf in konkrete Netztopologien übersetzen. Dazu analysieren wir die bestehende Infrastruktur und den Transportbedarf. Daraus ergibt sich, wo Leitungen benötigt werden. Gibt es bereits eine Leitung, soll diese möglichst genutzt werden. Ist keine vorhanden, muss neu gebaut werden. Bei Wasserstoff prüfen die Netzbetreiber auch, ob eine bestehende Erdgasleitung auf Wasserstoff umgestellt werden kann. Bei der Netzplanung gilt hier ein Vorrang für Umstellung statt Neubau. Das ist sinnvoll und volkswirtschaftlich effizient. Allerdings kann es passieren, dass bei einer frühzeitigen Umstellung von Erdgasleitungen auf Wasserstoff an anderer Stelle im Netz zusätzliche Maßnahmen erforderlich werden, die sogenannten „erdgasverstärkenden Maßnahmen“. Deshalb ist der Prozess zeitaufwendig und durchläuft mehrere Iterationsschleifen.

2025 wurden bereits erste Abschnitte des Kernnetzes eröffnet. Erst kürzlich 400 Kilometer des Projektes Flow – Making ­Hydrogen Happen von Gascade. Wo schreitet der Netzausbau gut voran und wo gibt es noch Nachholbedarf?

Barbara Fischer: Im Jahr 2025 sind planmäßig über 500 Kilometer realisiert worden. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Genehmigung des Kernnetzes erst aus dem Oktober 2024 stammt – das ist noch nicht lange her. Im kommenden Jahr sollen weitere über 100 Kilometer fertiggestellt werden. Natürlich besteht bei großen Infrastrukturprojekten auch immer das Risiko von Verzögerungen, etwa aus baulichen oder genehmigungsrechtlichen Gründen. Insgesamt sind wir aber derzeit auf einem guten Weg. Gesetzlich sind die Netzbetreiber zudem verpflichtet, das Kernnetz regelmäßig auf seine Bedarfsgerechtigkeit und den zeitlichen Umsetzungspfad zu überprüfen. Das Zieljahr des Kernnetzes ist 2032. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, einzelne Leitungen zeitlich nach hinten zu verschieben, wenn sich die entsprechenden Bedarfe erst später einstellen. Das sehen wir aktuell an einigen Stellen. Diese Anpassungen werden offiziell im Rahmen der Netzentwicklungsplanung ermittelt, und wir werden dazu entsprechende Vorschläge vorlegen.

Welche Herausforderungen sehen Sie für den weiteren Ausbau der Wasserstoff-­Infrastruktur?

Barbara Fischer: Was uns Sorgen bereitet, ist der Markthochlauf insgesamt. Das Kernnetz entsteht, aber auf der Marktseite sehen wir bislang nicht die Entwicklung, die man sich ursprünglich erhofft hat. Infrastruktur allein schafft noch keinen Markt. Es braucht ein klares politisches Commitment und finanzielle Unterstützung, sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite, damit der Wasserstoffmarkt entsteht und die bestehende Preislücke geschlossen wird. Wasserstoff ist derzeit schlicht noch sehr teuer.

Barbara Fischer,
Geschäftsführerin der Vereinigung der Fernleitungsnetz­betreiber Gas und der Koordinierungsstelle für die integrierte Netzentwicklungs­planung („KO.NEP“)

Foto: FNB Gas e.V.

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