Nachhaltig zu bauen heißt zunehmend, mit dem zu arbeiten, was bereits an Baustoffen und Materialien produziert und verfügbar ist. Wie weitgehend dieser ressourcenschonende Ansatz inzwischen in die gebaute Praxis einzufließen vermag, zeigt das Bürohochhaus TRÆ – ein dänisches Wortspiel, denn übersetzt steht es gleichermaßen für Baum und Holz, und gesprochen wird es „tre“, dem dänischen Wort für drei. Drei Wortbedeutungen, drei Baukörper – das gesamte Konzept in dreieinhalb Buchstaben versteckt.
Das ortsansässige Büro Lendager Arkitekter hat den dreiteiligen Komplex im ehemaligen Kalkumschlaghafen von Aarhus geplant: einen zwanziggeschossigen Turm und zwei sechsgeschossige Baukörper. Mit 78 Metern ist er das höchste Holzgebäude Dänemarks – mit einem Tragwerk aus Brettschichtholz, einer Fassade aus wiederverwendeten Aluminiumblechen und einer Verschattung aus alten Windradflügeln. Was sich in Teilen wie eine Stückliste aus dem Rückbau liest, hat in Aarhus zu einem Hochhaus gefunden, das zirkuläres Bauen erstmals in dieser Größenordnung durchspielt.
Ein Turm, der sich aus dem Hafen schält
Die drei über Brücken und Stege miteinander verbundenen, zylindrisch angeschnittenen Baukörper stehen auf einem knappen Parzellenstreifen von rund 25 mal 27 Metern am Kalkværksvej und wenden ihre gerundeten Seiten dem Grundstücksinneren zu, ihre geraden nach außen. Die weichen Formen zitieren die Silobatterien diesseits und jenseits der benachbarten Hafenbecken. Bauherren des Projekts sind PFA Real Estate und Kilden & Hindby, ausgeführt hat es Kaj Ove Madsen.
Form folgt Verfügbarkeit
Die hölzerne und mit Stahlbauteilen verstärkte Tragkonstruktion stützt sich auf zwei Betonkerne – einer innenliegend, einer an die Nordostfassade gerückt. Das eigentliche Manifest aber liegt in der Bauteilauswahl. „Form follows Availability“ lautet das Credo der Architekten – und das hieß im Büro und auf der Baustelle: Nicht das Material folgt dem Entwurf, sondern der Entwurf dem, was sich auftreiben ließ. Konkret: gebrauchte Fenster im Erdgeschoss, Glastrennwände aus zweiter Hand, Holzoberflächen aus ausrangierten Möbeln, Akustikmatten aus recycelten PET-Flaschen und über tausend ehemalige Supermarktleuchten, jetzt mit LED-Innenleben.
Trapezbleche mit Patina, Lamellen aus Rotorblättern
Die Schauseite gibt sich rau und schimmernd zugleich. Auf gedämmte Holzkassetten montierten die Planer hinterlüftete Aluminium-Trapezbleche, die zuvor 180 Kilometer entfernt eine Wohnsiedlung in Herlev bei Kopenhagen „bedacht“ hatten. Restlebensdauer der Altbleche: 80 bis 100 Jahre. Pro Geschoss wurden sechs leicht geneigte Streifen übereinander montiert – das ergibt eine geschuppte, an Birkenrinde erinnernde Textur. Dazwischen blitzen glatte Tafeln aus fehlerhaft produzierten Briefkästen auf und fügen sich zu treppenartigen Mustern.
Eine noch ungewöhnlichere Herkunft hat der außenliegende Sonnenschutz zu bieten: Die schmalen, kaum gekrümmten weißen Lamellen wurden aus Rotorblättern ausgemusterter Windkraftanlagen geschnitten. Das glasfaserverstärkte Material schlägt mit deutlich weniger grauem CO₂ zu Buche als neu gewalztes Aluminium. Im vollverglasten Attikageschoss des Hochhauses verlaufen die GFK-Lamellen sogar rundum.
Hochhaus trifft Brandschutz
Wer ein Holzhochhaus baut, stößt beim Brandschutz schnell an Grenzen. Holzfassaden waren nicht zulässig, im Inneren durften nur zwanzig Prozent der Oberflächen sichtbar Holz bleiben. Die Architekten greifen die zirkuläre Erzählung deshalb fassadenseitig im Aluminium und im Innenraum in Möbel, Leuchten und Akustik auf. Auf drei Etagen zieht ein „Living Lab“ ein, das biobasierte und wiederverwendete Materialien im realen Betrieb beobachtet – Raumklima, Alterung, Nutzerresonanz inklusive.
Die Hochtrasse als Stadtscharnier
Vom alten Kalkumschlag in Dänemarks zweitgrößtem Hafen ist eine 200 Meter lange Betonhochtrasse stehengeblieben, die direkt am Turm entlangführt. Eine neue, mäandrierende Stahlrampe windet sich zwischen den verglasten Brücken der drei Türme hindurch und dockt an die zehn Meter hohe Trasse an – als wäre deren Wiederbelebung nur eine Frage der Zeit. Im Erdgeschoss lockt ein sozial betriebenes Restaurant Passanten ins Quartier.
Was bleibt, wenn die Hülle bleibt
Die Ökobilanz weist gegenüber einem konventionellen Betonhochhaus eine Reduktion des grauen CO₂ um 30 bis 50 Prozent aus. Die Aarhus Architecture Awards 2025 kürten TRÆ zum „Best Building“ und attestierten dem Haus eine „leidenschaftliche 1:1-Versuchsanordnung“. Das ist mehr als ein Etikett: TRÆ zeigt, dass Hochhausbau und Kreislaufwirtschaft sich nicht ausschließen – wenn Planer bereit sind, sich von der Verfügbarkeit der Bauteile leiten zu lassen, statt vom Hochglanz-Produktkatalog. si
Literatur
[1] Lendager Arkitekter: Projektbeschreibung TRÆ, Aarhus, Pressetext und Projektinformation, 2025
[2] Baunetz Wissen: Bürohochhaus TRÆ in Aarhus – Glaseinschnitte zwischen wiederverwendeten Trapezblechen und Windradteilen, 2026
Bild: TRÆ, Rasmus Hjortshoj