Am 22. Oktober 2024 genehmigte die Bundesnetzagentur den Aufbau des deutschen Wasserstoff-Kernnetzes. Zwei Jahre später ziehen die deutschen Fernleitungsnetzbetreiber eine Zwischenbilanz. Mit rund 9.040 Kilometern geplanter Leitungslänge handelt es sich nach Angaben des FNB Gas um das größte Wasserstoffnetzprojekt Europas. Seit Sommer 2026 fließt erstmals Wasserstoff durch Leitungen des Kernnetzes – an der Ostsee, vom Emsland ins Ruhrgebiet und im ostdeutschen Chemiedreieck.
Im ersten Jahr nach der Genehmigung wurden mehr als 500 Kilometer Leitungen in Betriebsbereitschaft versetzt. Davon entfallen 507 Kilometer auf umgestellte Erdgasleitungen. Der größte Abschnitt ist eine 400 Kilometer lange Trasse von Lubmin an der Ostsee über Brandenburg bis Bobbau in Sachsen-Anhalt. Diese befüllte Gascade im Dezember 2025 mit Wasserstoff. In diesem und im kommenden Jahr sollen nach Angaben des FNB Gas weitere 900 Kilometer hinzukommen.
Elektrolyse, Transport und Abnahme im Realbetrieb
Im zweiten Jahr nach der Genehmigung funktionieren Erzeugung, Transport und Abnahme erstmals im Realbetrieb. In Lingen produziert eine Elektrolyseanlage von RWE erneuerbaren Wasserstoff. Dieser gelangt über Leitungen von Nowega, OGE und der Evonik-Tochter Syneqt zum Chemiepark in Marl.
Parallel kann Ontras nach eigenen Angaben jährlich rund 2.700 Tonnen grünen Wasserstoff aus dem Energiepark Bad Lauchstädt zur Totalenergies-Raffinerie in Leuna transportieren. Für 2027 ist zudem geplant, in Epe den ersten kommerziellen Wasserstoff-Kavernenspeicher Deutschlands in Betrieb zu nehmen. Gasunie hat zur Anbindung an den europäischen Wasserstoff-Backbone mit dem Projekt Hyperlink bereits mehr als 170 Kilometer Wasserstoffleitungen durch Umstellungsmaßnahmen realisiert.
Reservierte Kapazitäten übertreffen Erwartungen
Seit März 2026 können Marktteilnehmer verbindlich Ein- und Ausspeisekapazitäten reservieren. Nach Angaben des FNB Gas übertrifft die Nachfrage die Erwartungen. Bis zum letzten Stichtag wurden Kapazitäten von knapp sechs GW zahlungspflichtig reserviert. Das sei doppelt so viel wie noch im Mai 2026.
„Das Wasserstoff-Kernnetz beweist, dass Deutschland große Transformationsprojekte meistern kann. Jeder Kilometer Wasserstoffleitung, jeder Elektrolyseur und jedes Industrieunternehmen, das auf Wasserstoff umsteigt, stärkt die regionale Wertschöpfung und den Standort Deutschland“, sagt Matthias Jenn, Vorstandsvorsitzender des FNB Gas.
FNB-Gas-Geschäftsführerin Barbara Fischer verweist auf den Finanzierungsbedarf für den weiteren Ausbau. „Die Netzbetreiber haben geliefert: Die ersten Leitungen liegen, die Industrie reserviert Transportkapazitäten. Aber auch jede weitere Leitung braucht Abnehmer, jeder neue Kunde ausreichend Wasserstoff“, weiß Fischer. Nötig seien vor allem verlässliche Finanzierungsbedingungen für Investitionsentscheidungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Dazu gehörten die Fortführung und Ausweitung der Klimaschutzverträge sowie die finanzielle Absicherung der Importkorridore.
Regulatorischer Rahmen und Ausblick
Die Bundesnetzagentur hat in den vergangenen zwei Jahren den regulatorischen Rahmen weiter ausgestaltet. Mit den Festlegungen Wanda (Juni 2024) und Kosmo (Dezember 2025) wurde das Netzentgeltsystem festgelegt. Mit Wakanda und Wasabi (beide Oktober 2025) folgte das künftige Netzzugangs- und Bilanzierungsmodell. Die vollständige Anwendung von Wakanda und Wasabi ist ab 2028 vorgesehen. Die Kooperationsvereinbarung für Wasserstoff wird derzeit durch die entsprechenden Verbände erarbeitet.
Der zweite Entwurf des ersten integrierten Netzentwicklungsplans für Gas und Wasserstoff (NEP 2025) sieht bis zum Jahr 2037 ein Wasserstofftransportnetz von 9.241 Kilometern vor. Darin enthalten sind 291 Kilometer neue Maßnahmen, die über das Kernnetz hinausgehen. Mit einem Investitionsvolumen von insgesamt 24 Milliarden Euro sollen bis 2037 Produktionsstandorte, Häfen, Speicher und Industriezentren in allen Bundesländern verbunden werden.