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„Wir müssen an allen Stellschrauben drehen“

Nicole Weinhold

Josche Muth war früher einmal Generalsekretär des europäischen Industriedachverbands der Erneuerbare-Energien-Branche (EREC) in Brüssel. Und für die GIZ hat er die deutsch-mexikanische Energiepartnerschaft vorangebracht. Er ist also mit allen Wassern gewaschen, was er für seine neue Aufgabe durchaus gebrauchen kann. Mit uns spricht der neue Ørsted-Deutschland-Chef während einer Offshore-Exkursion der Husum Wind und der Firma Tennet bei starkem Seegang.

Seit wann bist du bei Ørsted?

Josche Muth: Vor fünf Jahren habe ich hier angefangen. Eingestellt wurde ich für Regulatorik und Öffentlichkeitsarbeit, gerade als Ørsted in Grünwasserstoff und E-Fuels investierte. Diesen Bereich habe ich mit einem Team über mehrere europäische Märkte hinweg abgedeckt.

Und heute?

Josche Muth: Am 1. Juli habe ich die Geschäftsführung von Ørsted in Deutschland übernommen. Wir sind rund 320 Mitarbeitende an drei Standorten: Berlin, Hamburg und Norddeich. In Norddeich sitzen die meisten, weil wir von dort den Service, also die Überwachung und den Betrieb der Offshore-Windparks, leisten. In Emden liegen zudem zwei unserer Schiffe.

Hohe Pönalen führen nicht dazu, dass ein Projekt garantiert gebaut wird. Der bessere Hebel sind indexierte Differenzverträge.

Du trittst die Nachfolge von Jörg Kubitza an. Hat sich dein Arbeitsfeld verändert?

Josche Muth: Wir sind ein Geschäftsführungsteam aus drei Personen mit unterschiedlichen Bereichen; die rechtliche Letztverantwortung liegt bei mir als Country Manager. Es geht jetzt noch stärker um die Repräsentation des Unternehmens – nach innen zu den Mitarbeitenden und nach außen.

Wie läuft euer Offshore-Geschäft?

Josche Muth: Ørsted ist Weltmarktführer im Bereich Offshore-Wind. Global haben wir rund 10 Gigawatt installiert – in Asien, den USA und vor allem in Europa. Hier liegt unser Fokus, weil es attraktive Märkte gibt: Polen, die Niederlande, Dänemark, Großbritannien und Deutschland. In Deutschland haben wir heute, am 31. August, unseren größten Park in den kommerziellen Betrieb überführt. Die Fläche wurde uns 2017/2018 bezuschlagt, der Bau war im vergangenen Jahr abgeschlossen, und jetzt wird der Strom vollständig eingespeist.

Welcher Park ist das?

Josche Muth: Borkum Riffgrund 3, den wir vorhin gesehen haben. Mit 913 Megawatt ist er der bis dato größte, in Betrieb befindliche, Offshore-Park in Deutschland – in der Nord- wie in der Ostsee.

Enthält das Windseegesetz in der jetzigen Fassung die Punkte, die euch wichtig sind?

Josche Muth: Wir haben lange darauf gewartet, weil es die Rechtsgrundlage und damit Investitionssicherheit schafft. In diesem Jahr wurden die Offshore-Ausschreibungen pausiert. Das Ministerium hat im Entwurf aber die weltweiten Probleme der Branche klar erkannt und eine große Entbürokratisierung vorgenommen – das Gesetz wurde deutlich verschlankt. Positiv ist auch, dass man sich an internationalen Modellen orientiert hat.

Du meinst Dänemark oder Großbritannien?

Josche Muth: Genau. In Großbritannien gibt es schon seit Jahren sogenannte zweiseitige Differenzverträge (CfDs); auch die EU-Kommission hat deren Umsetzung gefordert. Man bietet dabei auf eine feste Strompreisvergütung: Liegt der Marktpreis darüber, bekommt der Staat die Differenz; liegt er darunter, gleicht der Staat sie aus. So erhält der Betreiber über 15, 20 oder 25 Jahre einen festen Strompreis. Das soll nun auch in Deutschland eingeführt werden.

Manche Investoren kritisieren, dass ihnen zu viel abgeschöpft werde. Teilst du das?

Josche Muth: Nein. Dass zu dem gebotenen Preis abgeschöpft wird, halten wir für richtig. Was aber fehlt, ist eine Inflationsindexierung des bezuschlagten CfD-Preises. Ein Beispiel: Erhält jemand heute bei 90 Euro einen Zuschlag, der Vertrag läuft aber über 20 Jahre, landen wir – je nach Inflation – real bei einem deutlich niedrigeren Preis. Zugleich reden wir im Offshore-Bereich über kapitalintensive Investitionen: Zwischen Bezuschlagung und Inbetriebnahme können sieben bis neun Jahre liegen, allein bis zur finalen Investitionsentscheidung drei Jahre. In dieser Zeit können sich Komponenten- und Rohstoffpreise völlig verändern. Solche politisch induzierten Risiken sollten auch politisch aufgefangen werden.

Henne-Ei-Problem lautet: Bauen Investoren den Park wirklich, wenn das Netz steht?

Josche Muth: Entscheidend ist die Realisierungswahrscheinlichkeit. Hohe Pönalen führen nicht dazu, dass ein Projekt garantiert gebaut wird. Der bessere Hebel sind indexierte Differenzverträge, weil sie die Finanzierbarkeit sichern: Investoren schauen auf die Kapitalkosten, und die sind günstiger, wenn die Risiken minimiert sind. Umgekehrt habe ich großes Verständnis für Netzbetreiber wie Tennet, die fürchten, ein Netz zu bauen, an das kein Park angeschlossen wird. Denn der umgekehrte Fall passiert genauso: Bei Borkum Riffgrund 3 stand der Stahl ein Jahr lang im Wasser, ohne dass der Netzanschluss da war.

320 Mitarbeiter zählt Ørsted Deutschland an den drei Standorten Berlin, Hamburg und Norddeich.

Mussten die Turbinen bewegt werden?

Josche Muth: Ja, und unsere Servicetechniker mussten trotzdem raus, um die Anlagen zu kontrollieren. Diese zusätzlichen Wartungs- und Servicekosten werden nach dem Energiewirtschaftsgesetz nicht kompensiert – darauf bleiben wir sitzen. Ersetzt wird nur der nicht verkaufte Strom. Das Optimale ist deshalb eine Synchronisierung: Wenn man sich für 15 Uhr verabredet, sollten beide um 15 Uhr da sein.

Bei den Netzbetreibern gibt es ähnliche Unsicherheiten bei Zulieferern und Genehmigungen …

Josche Muth: Genau, das betrifft Projektierer wie uns ebenso wie die Komponenten der Übertragungsnetzbetreiber. Eine bessere Synchronisierung zwischen Ausbau und Netzanschluss ist entscheidend. Aus Projektierersicht brauchen wir vor allem deutlich früher einen verbindlichen Netzanschlusstermin – den bekommen wir bislang sehr spät.

Gibt es aus deiner internationalen Erfahrung ein besseres Modell als die deutsche „Steckdose auf See“?

Josche Muth: In Dänemark und Großbritannien liegt die Steckdose an Land. Dort baut der Projektierer Park, Konverterplattform und Anschluss selbst; an Land übernimmt der Netzbetreiber. Es gibt dann zwar keine Clusterbildung, aber eine bessere Synchronisierung, weil sich die Projektplanung an verspäteten Komponenten ausrichten lässt – das führt zu Kosteneffizienz. In Deutschland haben wir ein anderes, inzwischen etabliertes Modell; den Willen, das zu ändern, sehe ich weder bei den Netzbetreibern noch in der Politik. Also müssen wir an alle Stellschrauben: Wir Projektierer haben verpflichtende Meilensteine – die bräuchten wir genauso bei den Netzbetreibern, dazu eine frühzeitigere Verpflichtung für den Netzanschluss. Verzögert sich der Anschluss nach der Bezuschlagung, muss man das ganze Projekt unter völlig anderen Annahmen umplanen.

Welcher Markt ist gerade am attraktivsten?

Josche Muth: Polen. Es gibt einen großen Strombedarf in Gesellschaft und Industrie, breite Unterstützung in Politik und Gesellschaft und gute Abstimmungen. Hinzu kommt ein guter Investitionsrahmen: ein zweiseitiger, indexierter Differenzvertrag über 25 Jahre. Insgesamt ein sehr attraktiver Offshore-Markt.

Borkum Riffgrund 3 ist mit über 900 MW derzeit einer der größten Offshore-Parks.

Foto: Orsted

Borkum Riffgrund 3 ist mit über 900 MW derzeit einer der größten Offshore-Parks.

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