Naturwärmekraftwerk in Bad Mergentheim von Stadtwerk Tauberfranken mit (von links nach rechts) Geschäftsführer Paul Gehrig, Prokuristin Ann-Kathrin Murphy und dem Leiter der Wärmeerzeugung und Wärmeverteilung Julian Bullmann
Der kommunale Versorger Stadtwerk Tauberfranken ist keiner der Großen, deckt aber profitabel die gesamte Energiewende-Reichweite ab.
Tilman Weber
Zwölf Kachelöfen zur Versorgung von Einfamilienhäusern reichten aus, um den jährlichen Treibhausgasausstoß des Naturwärmekraftwerks aufzuwiegen. Mit diesem Vergleich will Paul Gehrig die Nachhaltigkeit der viel umfangreicheren Energieversorgung beim Stadtwerk Tauberfranken verdeutlichen. Gehrig ist Geschäftsführer des Bad Mergentheimer Kommunalunternehmens. Die 2012 in Betrieb genommene Holzhackschnitzel-Heizkraftanlage mit 8,5 Megawatt (MW) Biomasse-Feuerungswärmeleistung sowie zwei 5,5-MW-Erdgaskesseln für Verbrauchsspitzen liefert Wärme für umgerechnet 2.500 Haushalte. Als Herzstück im Stadtwerk Tauberfranken zur Energieversorgung pumpt es pro Jahr 39 Gigawattstunden (GWh) durchs Fernwärmenetz großenteils an Kurstätten, Kliniken, städtisches Bad und kommunale Gebäude. Zusätzlich produziert es 8,3 GWh Elektrizität mit einer 1-MW-Stromturbine.
„Für uns als Kur- und Heilstadt zählt die Ökobilanz viel: Die Luft in Bad Mergentheim ist dank der ersetzten Heiztechnik mit zuvor fossilen Brennstoffen nun sauberer“, sagt Tauberfranken-Chef Gehrig.
Wärmestoffwechsel für eine Kurstadt
Auf der 14 Millionen Euro teuren Anlage pulsiert der Biomasse-Stoffwechsel für die 24.500-Einwohner-Stadt: Vor dem bunt beschrifteten Gebäudeensemble in mehreren Grüntönen, das wie ein Ökoversandlager anmutet, fahren einzelne LKW mit regionalem Holzbrenngut auf eine Waage – im Sommer mal nur 20, im Winter bis zu 50 in der Woche. Sie schütten Hackschnitzel vor die Trockenkammer, halten leer wieder auf der Waage und geben so das Nassgewicht der wetterfeuchten Ladung preis. Frisch heruntergetrocknete Materialproben lassen immer neu auf die Brennwerte und eben Trockengewichte schließen, die das Kraftwerk dann vergütet. Zwei Hackschnitzelhalden trennen hier Waldbewirtschaftungs-Restholz mitsamt Schädlinge-verseuchtem Käferholz vom Landschaftspflegeholz aus Hecken und Grünstreifen. Während das Schüttgut draußen nach Forst riecht, ist die Kesselhalle geruchsfrei. Das gelegentliche Quietscheneiner Klappe erinnert daran, dass die Anlage beständig Holzmasse nachschiebt. Irgendwo reihen sich Säcke mit Filterasche aus dem mehrfach gereinigten Rauchgas oder finden sich Absetzmulden mit Rostasche, die später mit Kalk zur Düngung versetzt wird.
14 Cent pro Kilowattstunde kostet die Wärmelieferung anprivate Haushalte aus dem Holzhackschnitzel-Heizkraftwerk in Bad Mergentheim aktuell. Der günstige Preis ist profitabel, weil die Anlage hocheffizient und mit regionalem Brennstoff arbeitet.
Nach ein paar Modernisierungs- oder Ausbauetappen hat das nordwürttembergische Kommunalversorgungsunternehmen hier seine Schlüsseltechnik perfektioniert. Sie gibt unter Gehrigs Regie den Tauberfranken den Zugriff auf immer neue Verwertungsideen und Energieprodukte, liefert außerdem die sprichwörtlich schwarzen Finanzzahlen. Und sie macht das verhältnismäßig kleine kommunale Unternehmen mit knapp 130 Mitarbeitenden zum steuernden Unternehmen einer weitreichenden und effizienten Energiewende im Großraum-Versorgungsgebiet Hohenlohe zwischen Franken, Schwaben und Odenwald: Das mehrstufige Heizsystem zieht mit drei Wärmetauschern seit 2025 aus 1.100 Grad Celsius Feuer- und 350 Grad Turbinenanfangshitze so viel Energie, dass die Abgastemperatur von 180 Grad auf 130 oder sogar bis 120 Grad absackte.Eine ORC-Turbine nutzt bei eher niedrigen Vorlauftemperaturen verdampfendes Silikonöl anstelle von Wasserdampf zum Antrieb. Beim Betriebsstart war sie für kleinere Blockheizkraftwerke noch Pioniertechnik.
Die ökologische Nachhaltigkeit soll nicht zuletzt damit garantiert sein, dass die Hackschnitzeltransporte 90 Prozent der Brennguttonnagen aus maximal 50 Kilometer entfernten Flächen anfahren. Zusätzliche Mehremissionen für längere Anfahrten der Hackschnitzel-Lastwagen seien nicht vermittelbar, heißt es bei dem Versorger.
Die Auslastung der Anlage ist durch immer mehr ausgehandelte Netzanschlüsse und verlässliche Wärmeabnahme durch Bäder- und Kurbetriebe auch im Sommer gut. Dies lastet die Kapazität der Anlage meistens aus und im Sommer noch zu gut 50 Prozent. Die Stromerzeugung erreicht eine Bruttoauslastung von 8.300 rechnerischen Volllaststunden, also 94,5 Prozent der 8.760 Jahresstunden im Vollbetrieb. 85 Prozent der Wärme stammen allein aus dem Biomasseheizkessel, während die Erdgas-Spitzenlastkessel die restlichen 15 Prozent beisteuern. Das für weitere 13 bis 14 Millionen Euro gebaute Wärmenetz in Bad Mergentheim mit 18 Kilometern Leitungslänge lässt so auch bei Abschreibung der hohen Investitionskosten günstige Wärmepreise von unterdurchschnittlichen 14 Cent pro Kilowattstunde (kWh) für gewöhnliche Haushalte zu und für Großabnehmer zu 11 Cent. „Das ist auch im Vollkostenvergleich attraktiver als die frühere fossile Wärmeversorgung mit Öl und Gas“, sagt Gehrig.
Mit steigenden Treibhausgaskosten im europäischen Emissionsrechtehandel hielte er auch 15 bis 20 Cent pro kWh für zumutbar, sagt Gehrig im Hinblick auf künftige Kosten durch einen weiteren Ausbau des Fernwärmenetzes. Es sollen nicht nur mehr Anschlüsse gerade auch von Kurstätten hinzukommen, sondern absehbar auch eine Kälteversorgung für die Innenstadt. Kälteversorgung könnte zum neuen Standortvorteil des Kurorts im fortschreitenden Klimawandel werden.
8 Millionen Euro brachte die Bürgerbeteiligung ein, die unter anderem das zwischenzeitlich größte Photovoltaik-Freiflächenfeld Baden-Württembergs, Gickelfeld, mitfinanziert. Stadtwerk Tauberfranken hatte den Stromverbrauchern der Region dazu Genussrechte angeboten. Von den 68 Megawatt (MW) gehören 30 zu EnBW und 38 MW dem Hohenlohe-Versorger und seinen Partnern.
Stadtwerk soll Energiewende-Treiber sein
So will der Stadtwerk-Chef das Unternehmen darauf ausrichten, Treiber der Energiewende zu bleiben. Schon mit seinem Amtsantritt 2006, wenige Jahre nach der Liberalisierung des Energiemarktes und dem Ende des Versorgungsmonopols der kommunalen Energieversorgung, hatte Gehrig eine aus der Region abfließende Wertschöpfung der Energieversorgung als wirtschaftliche Falle ausgemacht.
Seit 2016 übernehmen die Strategen am Bad Mergentheimer Stammsitz immer neue Elemente einer flexiblen grünen Energieversorgung in Eigenregie. Damals starteten sie hier den Ausbau einer Ladeinfrastruktur für den Ökostrom der Elektro-Autos sowie fast zeitgleich in Kooperation mit dem Elektro-Carsharing-Verein Taubermobil ein Teilauto-Angebot. 2019 führte das Stadtwerk Tauberfranken zudem mit dem örtlichen Bahnbetreiber Westfrankenbahn und einer Verkehrsgesellschaft ein regionales Netzwerk zur flexibleren E-Car-Nutzung ein, nachdem 2018 schon der bundesweite kommunale Teilautoverein Mobilitätszentrale mit Tauberfrankenbeteiligung gestartet ist. Und schon seit 2016 rotiert der erste Tauberfranken-Windpark Külsheim am Rand der Versorgungsregion, 30 Kilometer nordwestlich: Fünf Nordexanlagen mit zusammen zwölf Megawatt liefern den Grünstrom, um Angebote wie die Elektromobilität als glaubwürdige Grünstromalternative erkennbar zu machen. 55 Prozent des Windparks sind im eigenen Besitz, der kleinere Teil gehört dem Stadtwerkenetzwerk Thüga, dem auch das Stadtwerk Tauberfranken angehört.
Zumindest landesweite Aufmerksamkeit ist dem Akteur seit 2024 sicher. Da nahm er zusammen mit dem Energiekonzern EnBW und Thüga das 68-MW-Solarfeld Gickelfeld neu in Betrieb: Vom damals größten Freiflächenpark mit Photovoltaik (PV) in Baden-Württemberg gehören EnBW 30 MW und den Bad Mergentheimern und ihren Partnern 38 MW. Rechnerisch haben die Hohenlohe-Versorger damit genug Grünstrom für weitere knapp 18.000 Haushalte dazugewonnen.
Erweiterung des Windparks Külsheim um 36 MW bald genehmigt? Während regenerative Erzeugung mittlerweile im Schnitt 91 Prozent der Leitungskapazität im Stadtwerk-eigenen Verteilnetz füllt, werden es 2028 rund 180 Prozent sein – 80 Prozent Überschuss für den Export durch Fernleitungen in größere Verbrauchszentren.
Freilich wäre das Energieunternehmen mit der Bilanzsumme von 136 Millionen und 88,4 Millionen Euro Jahresumsatz sowie 4,4 Millionen Euro Überschuss ohne innovative Finanzierungs- und Vermarktungskonzepte kaum finanzkräftig genug für solch große Photovoltaik (PV). Rund 30 Millionen Euro brachte der Regionalversorger als Investment auf, alleine acht Millionen Euro sammelte er als Genussrechtsbeteiligung bei Bürgerinnen und Bürgern ein. Einen hohen Anteil stemmte er mittels Darlehen der staatlichen Förderbank KFW sowie Bankenfinanzierung. Auch die Thüga beteiligte sich – als Organisatorin und durch weitere Stadtwerke in ihrem Netzwerk.
Partnermanagement sichert Expertise
Immer wieder hat sich der Bad Mergentheimer Versorger in der Vergangenheit in Netzwerken wie der Thüga und durch neue Netzwerke darin vorhandene Expertise gesichert, um auch ehrgeizige Vorhaben projektieren zu können. Das war außer im PV-Park Gickelfeld mit der EnBW als finanzstarker Partnerin und der Großprojekte-erfahrenen Thüga auch bei der 2025 abgeschlossenen Leistungserhöhung im Naturwärmekraftwerk um zwei Megawatt der Fall. Mit mittelständischen Technologie-Zulieferern konnten die Bad Mergentheimer die Brennstoffzufuhr beschleunigen. Die Partner bargen in der Anlage verborgene Reserven durch Sensorik, Aktorik, Luftführung und Co., um den höheren Hackschnitzelstoffwechsel für unterschiedliche Erzeugungslastfälle zu optimieren. Eine verbesserte Ascherezirkulation ließ nasse Brennstoffe mehr verwerten. 30 Prozent Mehrleistung aus dem Kessel waren der Lohn, sagt Julian Bullmann, der Leiter der Erzeugung und Verteilung der Wärme.
Das Management um Gehrig steckte sich bildhaft weitere Beteiligungen an Energiewende-dienlichen Akteuren ins Blatt: am örtlichen Tiefbauunternehmen Bokmeier, das bei Grünstromanlagen-Fundamentarbeiten zum Einsatz kommt. An der Wasserstoff-Plattform H2 Main-Tauber, die Machbarkeitsstudien zur Elektrolyse überschüssigen Wind- und Sonnenstroms in den flexiblen emissionsfreien Energieträger grüner Wasserstoff (H2) entwickelt hat. H2 lässt sich bekanntlich als Verkehrs-, Wärme- oder Prozessenergie-Treibstoff nutzen, umTreibhausgasemissionen zu senken. Am „Regioladen+“, einem bundesweiten E-Mobilitäts-Netzwerk, und am kommunalen 5-G-Synergiewerk, das kabelloses Internet aus Laternenmasten ermöglicht, ist das Stadtwerk auch beteiligt.
Besonders liegen Paul Gehrig stimmige Maße zwischen Naturenergie-Angebot und lokalen Abnahmechancen am Herzen. Als Vollversorgungsanbieter liefert das Stadtwerk sowohl Erdgas als auch Wärme, Wasser und Grünstrom in dem Umfang nur aus, der dem Bedarf der Region entspricht. Das heißt: keine Kunden jenseits der Regionsgrenzen, Herkunftsnachweise aus langfristigen Lieferverträgen – Power Purchase Agreements (PPA). Diese Nachweise erhalten Normalkunden mit sogenannten Standardlastprofilen (SLP), wenn sie PPA-Strom aus dem Solarpark Gickelfeld beziehen: 70 Prozent der SLP-Kunden kaufen den hochwertigen Tauberfranken-„Heimatstrom“. Die Gickelfeld-PPAs sind für genau vier MW der PV-Anlage abgeschlossen, weil die Kapazität in der Mittagssonne so schon bis zu 80 Prozent des SLP-Kundenstroms liefert. Nähme Tauberfranken mehr ab, müsste es den Überschuss im Stromhandel bei sehr tiefen Marktpreisen als nahezu entsorgen. Weitere PPA zur Regionalnachweise-Stromvermarktung sind in Vorbereitung: zum Beispiel fürs PV-Feld Wachbach mit 4,5 MW.
Ausbau der Erzeugung hält an
Aus Gehrigs Büro fällt der Blick Anfang Februar auf eine am Vortag abgeschlossene Solardachinstallation über dem Firmenparkplatz. Stadtwerk Tauberfranken versorgt hieraus das elf Kilometer entfernte Wasserwerk des Wasserversorgungszweckverbands direkt. Neben ihm sitzt die vor fünf Jahren vom Job einer Klimaschutzmanagerin bei der norddeutschen Stadt Buxtehude zurückgekehrte Mitarbeiterin Ann-Kathrin Murphy. Sie richtet die Klimaschutzarbeit stärker auf Wirtschaftlichkeit und Effizienz aus. Seit Januar ist Murphy als Prokuristin mit Zuständigkeit für Erneuerbaren-Ausbau auch in der erweiterten Geschäftsleitung. Dabei soll sie den sich stetig professionalisierenden Betrieb beim Bad Mergentheimer Versorger im Austausch mit Politik, Partnern und Öffentlichkeit abstimmen.
„Für uns als Kur- und Heilstadt zählt die Ökobilanz viel.“
Dieser Kommunikations- und Erklärjob wird komplexer. Im Juni 2025 reichte das Stadtwerk den Bauantrag für eine Erweiterung des Windparks Külsheim um fünf moderne 7,2-MW-Turbinen ein. Außerdem sicherte es Pachtflächen in allen vier zur Diskussion stehenden Zonen für die noch 2026 landesweit bevorstehende Ausweisung neuer Windparkeignungsflächen. Doch selbst wenn Behörden und Land schnell grünes Licht geben sollten – so müsste die Investitionsentscheidung womöglich warten, deutet Gehrig an, weil die Bundesregierung wichtige Kriterien für künftige Windkraftvergütung noch im Dunkeln lasse. Ähnliches gilt für einen vom Stadtwerk Tauberfranken zurückgestellten Wasserstoffelektrolyseur im Versorgungsgebiet.
Verlässlicher erscheinen die Perspektiven des Naturwärmekraftwerks. 2034 wird die Landesgartenschau kommen. Wenn die Kurstadt vorher die Innenstadt neu gestalte, ließen sich Neugestaltungen von Straßen und Plätzen für neue Fernwärmeverlegungen nutzen. Auch das angestrebte Kältenetz werde dann planbar.
Der Gesamtinvestitionsbedarf aus „Mittelfristplanung und Dekarbonisierungsstrategie“ ist allerdings enorm: 365 Millionen Euro soll das Stadtwerk Tauberfranken bis 2045 unter anderem auch in Erneuerbare-Energien-Anlagen investieren.
Foto: Stadtwerk Tauberfranken
Zentrale des Stadtwerk Tauberfranken in Bad Mergenthal
Foto: Thüga Energie
Windpark Külsheim aus fünf 2,4-Megawatt-Windturbinen vom Typ N117, in Betrieb seit 2016
Breitband- Energiewelt
Stadtwerk
Tauberfranken ist das regionale Versorgungsunternehmen in der Region Hohenlohe. Es betreibt das „Naturwärmekraftwerk“ mit Holzhackschnitzelverfeuerung mit einer Wärmeleistung von 7,5 Megawatt (MW) und einer 1-MW-Stromturbine. Zum Portfolio gehören auch eine 68-MW-Freiflächensolaranlage, ein Windpark mit 12 und ein geplanter Windpark mit 36 MW. An den Erneuerbaren-Anlagen ist das Stadtwerk meist zu mehr als der Hälfte beteiligt. Außerdem baut es die E-Mobilität in der Versorgungsregion aus und bietetein Elektroauto- Carsharing an.
Foto: Thüga Energie
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