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H2-Skalierung

Grünes Ammoniak aus der Küstenwüste

Text: Natascha Plankermann

Eine Landschaft wie ein Versprechen, das sich anschickt, eingelöst zu werden. Wir sind im Auto durch eine steinige Weite unterwegs, es sieht aus, als fahre man über den Mond. Kurz vor der Küste kommt ein Baustellenzaun in Sicht und am Horizont zeichnen sich die Umrisse eines der ambitioniertesten Energieprojekte der Welt ab: eine „Alles-aus-einer-Hand“-Fabrik, die aus Sonnenlicht, Wind, Wasser und Luft grünes Ammoniak produziert – als transportierbaren Energieträger oder Düngemittelrohstoff für den Weltmarkt. Gebaut wird sie von einem Unternehmen, das in Europa kaum jemand kennt, während es in Indien als Pionier der Energiewende etabliert ist: ACME.

Die Baustelle liegt wie auf einem Balkon über dem Indischen Ozean. Unten rauscht das Arabische Meer, oben rollen die Bagger. Zum Meer hinunter zieht sich ein breiter Einschnitt durch die terrassenförmig abgetragenen Sandsteinfelsen: Dort soll die Pipeline verlaufen, die das Projekt via Schiff mit Europa verbinden wird. Meerwasser wird nach oben zur Entsalzung gepumpt, verflüssigtes Ammoniak fließt nach unten zum Tanker. Ein einfaches Bild für eine komplexe Transformation, die in vollem Gange ist: „Die Straße zur Küste haben wir in anderthalb Jahren gebaut, jetzt folgt ein Terminal ohne Anlegesteg“, erklärt Naveen Sharma, der mich begleitet. Er ist der Koordinator für Projektpartner. Wir treffen einige der mehr als 800 Arbeiter, die hier rund um die Uhr in rotierenden Schichten im Einsatz sind. Der Stolz leuchtet aus ihren Augen, respektvoll nennen sie den Namen ihres Firmengründers.

Vom Solarentwickler zum Molekül-Pionier

ACME – genauer gesagt: ACME Cleantech Solutions Pvt. Ltd., wobei der Name vom griechischen akmē für „Gipfel“ stammen soll – wurde 2003 von Manoj K. Upadhyay in Gurugram unweit von Neu-Dehli gegründet. Upadhyay, Unternehmer und Ingenieur, begann als Technologielieferant für die Telekombranche, bevor er 2008 die erneuerbaren Energien für sich entdeckte. 2015 war ACME bereits Indiens größter privater Solarentwickler mit einem Portfolio von über 1.500 Megawatt. Zwei Jahre später sicherte sich ACME den Auftrag, im Bhadla-Solarpark im indischen Bundesstaat Rajasthan eine Solaranlage mit einer Leistung von 200 Megawatt zu bauen. Der dort erzeugte Strom wurde für 2,44 Rupien pro Kilowattstunde (damals rund 33 Euro pro Megawattstunde) verkauft – nach Unternehmensangaben zu diesem Zeitpunkt der günstigste Preis, der jemals für Solarstrom in Indien ausgehandelt worden war.

Weitere Schritte folgten: Im September 2021 nahm ACME in Rajasthan eine der weltweit ersten integrierten Pilot-Anlagen für grünen Wasserstoff und grünes Ammoniak in Betrieb. Es begann mit rund fünf Megawatt Solarleistung und einem 2,5-MW-Elektrolyseur. So wurden zunächst bescheidene fünf Tonnen Ammoniak pro Tag produziert, wichtig war indes das Signal: Das Projekt zeigte, wie erneuerbare Energie in einen transportfähigen Rohstoff umgewandelt werden kann. Upadhyay sagte damals: „Grünes Ammoniak ist der praktikabelste Weg für Indien, ein globaler Exporteur sauberer Energie zu werden.“

Zeitgleich suchte ACME nach dem richtigen Standort für das erste große internationale Projekt. Er fand sich an der ­Küste Omans.

Milliardensummen für Duqm

Im März 2021 unterzeichnete ACME mit der Sonderwirtschaftsbehörde Special Economic Zone at Duqm (SEZAD) ein Memorandum of Understanding – und wird eines der ersten Unternehmen, das nach Omans nationaler Wasserstoffstrategie handelt. Im August 2021 folgte ein verbindlicher ­Pachtvertrag über 92 Quadratkilometer in Duqm. Die Investitionssumme wurde auf 3,5 Milliarden US-Dollar beziffert. Heute liegt das Gesamtinvestitionsvolumen für den Ausbau nach Unternehmensangaben bei rund sechs Milliarden USD.

Mehrere Gründe sprachen für Oman, wie ACME-Vizevorsitzender Arnava Sinha (engl: ACME’s Executive Vice President) beim Green Hydrogen Summit im Dezember 2025 in Muscat erläuterte: ein großes Potenzial, um erneuerbare Energie zu erzeugen, ein strukturierter Genehmigungsweg und ein Standort, an dem mehrere Parteien gemeinsam eine Infrastruktur nutzen können. Duqm liegt zudem außerhalb der geopolitisch sensiblen Straße von Hormus und verfügt über einen Industriehafen. Und aus Sicht von ACME war das vielleicht Wichtigste etwas weniger Greifbares: Vertrauen in das langfristige Engagement des Landes. Denn bei Projekten, die milliardenschwere Vorabinvestitionen und einen jahrzehntelangen Betrieb erfordern, sieht das Unternehmen politische Stabilität und verlässliche gesetzliche Rahmenbedingungen als genauso entscheidend an wie Sonnenschein und Wind.

Oman seinerseits hat ein strategisches Interesse: Duqm wird gezielt als Wasserstoff- und Ammoniak-Hub aufgebaut, mit der nationalen Agentur Hydrom als Koordinator.

Die Arbeiter des indischen Projektent­wicklers ACME posieren gern für ein Foto. 

© Natascha Plankermann

Die Arbeiter des indischen Projektent­wicklers ACME posieren gern für ein Foto. 

Eckdaten des Projekts

Das Projekt gliedert sich in drei Phasen, die erste ist bereits im Bau. Es entsteht eine Produktionsstätte für 100 000 Tonnen grünes Ammoniak pro Jahr, dafür sind rund 240 Megawatt Elektrolyseleistung und rund 650 Megawatt Solarleistung vorgesehen. Die Elektrolyseure liefern chinesische Spezialisten: Shuangliang Group und Sungrow Hydrogen.

Die Technologie zur Herstellung von Ammoniak kommt vom amerikanischen Unternehmen KBR, das auch speziell entwickelte Anlagenteile liefert. Um so viel Strom wie möglich zu erzeugen, sind die Solarpanele vor Ort mit einem automatischen Drehmechanismus ausgestattet – sie folgen dem Stand der Sonne und fangen dadurch mehr Licht ein. Diese Technik wird von den Firmen Game Change Solar und Arctech geliefert.

Zusätzlich verfügt die Anlage über eine Meerwasserentsalzungsanlage, die täglich rund sieben Millionen Liter Trinkwasser aufbereiten kann, sowie über einen Speicher, in dem bis zu 60 Tonnen Wasserstoff gelagert werden können.

Die Phasen 2 und 3 sind in Planung. In den nächsten Ausbaustufen soll die Produktion auf insgesamt 900 000 Tonnen Ammoniak pro Jahr steigen. Dafür sind rund 2 Gigawatt Elektrolyseleistung und etwa 4 Gigawatt Solarleistung vorgesehen.

Das Projekt wurde zunächst von TÜV Rheinland als grüne Produktionsanlage zertifiziert. Inzwischen gehörte es zu den ersten weltweit, das von CertifHy vorzertifiziert wurden – einem europäischen Zertifizierungssystem, das nachhaltig erzeugten Wasserstoff und verwandte Kraftstoffe nach einheitlichen Standards bewertet und damit Transparenz für Käufer und Märkte schafft. Die Vorzertifizierung bestätigt, dass die Anlage die EU-Anforderungen für erneuerbare Kraftstoffe nicht-biologischen Ursprungs (RFNBO) gemäß der EU-Richtlinie RED III erfüllt – also für Kraftstoffe, die ausschließlich aus erneuerbaren Energiequellen wie Sonne oder Wind hergestellt werden.

Ab 2027 soll geliefert werden

Die ursprünglichen Zeitpläne wurden mehrfach nach hinten verschoben, 2023 erreichten die Beteiligten mit dem Financial Close aber einen Meilenstein: es gibt 488 Millionen US-Dollar Kredit vom staatlichen indischen Green-Infrastructure-Finanzierer REC Limited. Inzwischen erscheint es angesichts der Fortschritte mit Siebenmeilenstiefeln, die auf dem Gelände zu erkennen sind, als realistisch, was Omans Energieminister Salim Al Aufi beim World Hydrogen Summit im Mai 2026 in Rotterdam verkündete: Die Lieferung von grünem Ammoniak nach Europa soll in einem Jahr beginnen. ACME selbst plant mit seinem Abnehmer Yara Anfang 2027 zu starten.

Abnehmer Yara: Das erste große Abkommen

Die Weichen dafür sind gestellt: ACME und Yara International – der norwegische Düngemittel- und Ammoniak-Konzern – unterzeichneten 2024 einen langfristigen Abnahmevertrag für 100 000 Tonnen grünes Ammoniak pro Jahr, weltweit einer der ersten in dieser Größenordnung. „Im grünen Wasserstoffmarkt hat sich lange nicht viel bewegt – umso mehr sind alle, im Oman oder außerhalb, auf das ACME-Yara-Projekt gespannt!“, erklärt Dr. Dawud Al Ansari, Leiter des in Muscat ansässigen Shaheen Instituts für Stragie und Entwicklung und Professor für Wasserstoffökonomie. Der Abschluss war nach 18 Monaten Verhandlung möglich geworden, weil sich der regulatorische Rahmen in Europa stabilisiert hatte.

Yara-Präsident Magnus Ankarstrand verkündete: „Das Abkommen demonstriert die Kraft von Partnerschaften bei der Entwicklung von Wertschöpfungsketten, die Emissionen reduzieren.“ Das in Duqm produzierte Ammoniak soll in Yaras globales Verteilnetz eingespeist werden, schwerpunktmäßig in Europa. Über den gesamten Lebenszyklus des Projekts erwarten die Geschäftspartner, dass nahezu 45 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente eingespart werden – das entspricht etwa sieben Prozent der gesamten jährlichen Treibhausgasemissionen Deutschlands, die laut dem Portal Statista zuletzt bei rund 649 Millionen Tonnen lagen.

Europa diskutiert, Asien ist weiter

Grünes Ammoniak ist längst kein Nischenthema mehr: Es wird als klimafreundlicher Schiffstreibstoff gehandelt, als Baustein für die Stahlindustrie und bleibt zugleich ein zentraler Rohstoff für Düngemittel. In Europa nimmt der politische Rahmen Form an – aber langsam. Die neue EU-Richtlinie RED III verpflichtet Industrie und Düngemittelhersteller, einen wachsenden Anteil ihres Wasserstoffs aus erneuerbaren, strombasierten Quellen zu beziehen. Bis 2030 müssen es 42 Prozent sein, bis 2035 60 Prozent. Praktisch bedeutet das: Europa wird große Mengen grünen Wasserstoffs – und damit grünes Ammoniak – importieren müssen, weil die heimische Produktion dafür nicht ausreicht. Der Carbon Border Adjustment ­Mechanism (CBAM) verstärkt diese Entwicklung, weil er die Einfuhr von fossilem Ammoniak und Düngemittel verteuert. „Die Ökonomien des Arabischen Golfs sehen in CBAM vor allem eine Chance, da sie in der Lage sind, grüne Energie und saubere Industriegüter zu günstigen Preisen bereitzustellen“, erläutert Dr. Al Ansari. Laut der niederländischen Landwirtsschaftsbank Rabobank steigen die Preise dadurch 2026 um 10–20 Prozent, bis 2030 könnten es bis zu 50 Prozent sein.

Dennoch bleibt der Preis auch bei grünem Ammoniak ein Problem. Jorgo Chatzimarkakis, Präsident des Verbands Hydrogen Europe, bringt das Dilemma auf den Punkt: „Europa steuert die Nachfrage mit Regeln, Quoten und Nachweissystemen. Aber es fehlen die Instrumente, die Investitionen auslösen.“ Gemeint sind etwa verbindliche Abnahmegarantien und klare Preiszusagen. Es gibt zwar positive ­Signale – etwa mögliche Förderungen für Leitmärkte oder die Einbindung in EU‑Programme wie den ETS Innovation Fund oder die H2‑Bank. Aber: Nichts davon ist bisher verbindlich.

In Asien ist man weiter – der Fokus verlagert sich dort zunehmend von der Regulierung hin zur konkreten Beschaffung: Japan und Südkorea haben Importpfade, staatliche Förderung und Langfristverträge geschaffen. Während das Großprojekt in Duqm (Oman) auf den europäischen Markt zielt, hat ACME parallel eine Liefervereinbarung mit dem japanischen Industriekonzern IHI geschlossen – allerdings für ein separates Ammoniakprojekt im indischen Staat Odisha.

Duqm als Testfeld

Derzeit sieht es so aus, als ob Duqm sich zu einem Testfeld dafür entwickelt, ob die grüne Molekülökonomie industriell skalierbar ist – unter realen Bedingungen, jenseits von Pilotprojekten.

Für Deutschland bedeutet das: Wenn die Stahlindustrie – Thyssenkrupp, HKM, Salzgitter – ab Ende der 2020er-Jahre auf Direktreduktion mit Wasserstoff umstellt, müssen grüne Moleküle importiert werden. Das Ammoniak aus Oman könnte über Rotterdam, Antwerpen oder Duisburg kommen. Alle drei Häfen bauen derzeit entsprechende Terminals aus.

Omans Energieminister Al Aufi sagte es bereits beim Green Hydrogen Summit 2025 in Muscat: Der ACME-Komplex könnte langfristig auf 1,2 Millionen Tonnen Ammoniak pro Jahr ausgebaut werden. Bisher ist allerdings die Frage offen, ob Europa schnell genug handelt, um sich die Menge zu sichern, die in den Phasen 2 und 3 produziert werden sollen – oder ob Asien die Fördermengen übernimmt. Das entscheidet sich nicht in Duqm, wo die Bagger von ACME an der Zukunft bauen. Es entscheidet sich in Brüssel, Berlin, in den Unternehmenszentralen der Investoren und bei der nächsten Oman Climate Week vom 14. bis 16. September 2026.

© Natascha Plankermann

Journalistin Natascha Plankermann mit ihren Begleitern.

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