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Fake Noise

Geräusche sind – und das kann man laut sagen – die wohl ambivalenteste Sinneswahrnehmung überhaupt. Nehmen wir mal das sirrende Fiepen eines Zahnarztbohrers, das einem durch Mark und Bein gehen kann – und quasi mit Links Phantomschmerzen im Weisheitszahn auszulösen vermag. Ganz anders das quirlig-aufgeregte Vogelgezwitscher am Morgen, das der Schlaftrunkenheit eine Leichtigkeit überzustülpen vermag, die einen tatendurstig aus dem Bette stachelt.

Sofern man nicht Julia heißt, und – Fake Noise, 1. Akt! – dem Liebsten eine Lerche für eine Nachtigall auf dem Granatbaum dort vorzuspiegeln versucht, damit dieser nicht allzu rasch aus der emotional erhitzten Kemenate entfleucht.

Weniger markerschütternd, aber deswegen nicht minder nervtötend, verdrängt das Aufheulen schalldämpfbefreiter Motorräder in Hör-, aber außer Sichtweite die Stille des Waldes und lässt den harmlosen Naturfreund zum gewaltfantasierenden Bikermörder mutieren. Was des einen Klimax, ist des anderen Oropax. Doch … die Rettung naht! Es ist die Elektromobilität, nicht der 8-Zylinder!

Wer aber nun tatsächlich meint, die Engel der Hölle würden auf leise surrende E-Harleys herabsteigen, der glaubt auch – Fake Noise, 2. Akt! –, ein elektrisch angetriebener Ferrari würde ohne artifiziellen Soundeffekt die Manufaktur in Maranello verlassen.

Tja, und mit der Klangkunst ist es nicht anders. Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, wenn sie ihr in den Magen fährt … dann vergisst sie, dass sie taub ist. Grönemeyer hat das gegrölt, ein echter Ohrwurm. Geht einem nicht mehr aus der Muschel. Fast so schlimm wie ein Tinnitus, der immerfort piept, rauscht, zischt oder summt, aber – Fake Noise, 3. Akt! – keinerlei Informationswert für den Hörgestörten hat und in über 90 Prozent der Fälle in Verbindung mit Schwerhörigkeit auftritt – man hört ihn also nur, wenn man kaum oder nichts mehr hört.

Das akustische Rauschen ist übrigens auch bei Kindern ein weit verbreitetes Phänomen – sie können zwar hören, aber hören doch nichts, obwohl man sie förmlich anschreit. Wie oft verpufft der quälend hinausgeseufzte Satz „Räum’ endlich dein Zimmer auf!“ in den unendlichen Weiten des Weltraums, und – Fake Noise, 4. Akt! – dringt in dessen Vakuum schallwellenbefreit in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

So wenden wir uns nun am Ende des Dramas vom Lärm ab und dem Epilog zu, beschäftigen uns stattdessen mit der Frage, wie laut die Stille sein muss, damit sie Gehör findet?

Liegt die größte Macht der Dornen nicht darin, dass sie nicht stechen, sondern still sind? Übertönen am Ende nicht die Inhalte die Lautstärke? Philosophische Gedanken, sie kommen auf Samtpfoten daher, flüsternd umgarnen sie die Fake Noise, spinnen sie ein und lassen das Fiepen, Zwitschern, Blubbern, Surren, Grölen, Rauschen, Zischen und Seufzen in der grenzenlosen Echokammer der Stille verhallen. si