In der Nähe von Posen sind bereits einige Windparks entstanden.
Planer Andreas Jesse über den polnischen Windmarkt gestern und heute.
Nicole Weinhold
Ein Gespräch mit dem deutschen Windparkentwickler Andreas Jesse, der als einer der ersten Deutschen den polnischen Windmarkt ausgelotet hat, über seine Erfahrungen.
Herr Jesse, Sie sind seit über zwei Jahrzehnten in Polen als Windparkplaner tätig. Warum haben Sie sich ausgerechnet für Posen als Standort entschieden?
Andreas Jesse: Wir sind seit 23 Jahren in Posen ansässig – eigentlich aus einer strategischen Überlegung heraus: drei Stunden von Berlin entfernt zu sein, drei Stunden von Danzig und drei Stunden von Warschau, also super zentral. Heute geht es mit der Bahnverbindung und Autobahn sogar noch zügiger, aber das war der ursprüngliche Gedanke.
Was genau macht Ihre Firma?
Andreas Jesse: Wir machen Projektentwicklung – überwiegend im Wind-, aber auch im Photovoltaikbereich. In der Windenergie haben wir schon erfolgreich große Projekte umgesetzt. Wir übernehmen dabei nicht nur die Projektentwicklung, sondern auch Planung, Bau und Betrieb sowie die Betriebsführung. Wir bleiben bis hin zur kaufmännischen Abrechnung für unsere Kunden hier in Polen. Insgesamt haben wir sechs Windparks realisiert. Ich bin zwar Deutscher, aber meine Gesellschaft ist eine 100-prozentige polnische Gesellschaft mit eigenem polnischem Personal und eigener Firmenstruktur. Ich bin mindestens drei Tage die Woche hier in Posen.
Ganz Polen unterliegt zurzeit einem neuen raumordnerischen Verfahren.
Wer sind Ihre Kunden?
Andreas Jesse: Wir haben deutsche und internationale Kunden. Hier in Polen ist die ganze internationale Welt unterwegs.
Sie waren auch lange Vorsitzender des BWE-Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern. Sehen Sie Vorteile des polnischen Marktes gegenüber Deutschland?
Andreas Jesse: Ehrlich gesagt: nicht wirklich. Die Probleme sind ähnlich oder gleich. Wir kämpfen quasi gegen die gleichen Windmühlen. Wir haben hier nichts, wo wir sagen könnten, es ist hier viel einfacher.
Polen hatte wie Bayern eine 10H-Regelung, die zu einem Abstand von zehn Anlagenhöhen zu Wohnsiedlungen zwang. Woher kam die eigentlich?
Andreas Jesse: Das kam tatsächlich aus Bayern nach Polen. Als es damals losging und Bayern das beschlossen hatte, wurde eine Warschauer Regierungsdelegation nach Bayern eingeladen. Danach kam das 10H-Gesetz nach Polen – die damalige PiS-Regierung hat es übernommen und zügig durchgesetzt. Ich habe meine letzte Baugenehmigung für das, was gerade dreht, vier Wochen bevor 10H in Kraft getreten ist, bekommen.
Wie ist der aktuelle Stand?
Andreas Jesse: Das ist jetzt ein bisschen abgeschwächt auf 700 Meter, mit Einverständnis der Gemeinde. Die vollständige Abschaffung der 10H-Regelung ist derweil noch nicht ganz durch – der Präsident blockiert das noch. Aber wir sind immer in der positiven weiteren Gestaltung. Was ich aber sagen muss: Das Gerede über 10H ist Symbolpolitik. Wenn man eine Anlage mit 160 Meter Turmhöhe und 250 Meter Bauhöhe baut, stellt man die nicht 500 Meter an den Ortsrand. Die wandert automatisch wegen der Einhaltung von Schall- und Schattenwerten deutlich weiter weg.
Was bremst den Markt aktuell?
Andreas Jesse: Ganz Polen unterliegt zurzeit einem neuen raumordnerischen Verfahren. Jede Gemeinde muss ihr Gebiet raumordnerisch organisieren – Tourismus, Bebauung, Wind, Landwirtschaft. Das soll zum Sommer abgeschlossen werden, aber böse Zungen sprechen von einer Verlängerung um ein Jahr. Die ersten Gemeinden sind fertig, aber es wird schon massiv geklagt. Wenn man in seinen Gemeinden eine Ablehnung erhalten hat, steht man erst mal wieder am Ausgangspunkt.
Was bedeutet das für laufende Projekte?
Andreas Jesse: Das Gute an Polen ist: Auch wenn sich etwas ändert, gibt es Bestandsschutz. Wer eine alte gesetzliche Regelung hat, kann auf diese für viele Jahre vertrauen. Man muss nicht befürchten, rückwirkend in eine Regelung wie 10H zu fallen.
Wie war der Start vor 23 Jahren?
Andreas Jesse: Ganz am Anfang gab es eine große Euphorie in Polen für die moderne Windkraft. Man hat dann zwei, drei Jahre gebraucht, um eine Struktur zu schaffen. Die ersten Pachtverträge wurden noch quasi auf Deutsch gemacht. Irgendwann haben wir das ins polnische Recht übertragen. Das hat für mehr Vertrauen gesorgt. Wir sind zudem auch nicht herumgezogen und haben den Bauern die Grundstücke abgekauft. Wir haben ihnen gesagt: Wir pachten, ihr könnt weiter Kartoffeln anbauen oder Getreide ernten, aber ihr habt noch eine zusätzliche Pacht. Die Akzeptanz, gerade bei den vielen kleinen Landwirten hier, die war wichtig.
Gibt es in Polen auch Windkraftgegner wie in Deutschland?
Andreas Jesse: Ja, natürlich. Ich hatte manchmal Veranstaltungen, wo das, was ich in Deutschland erlebt hatte, nach Polen schwappte. Durch Internet und moderne Kommunikation ist heute alles zugänglich. Wer sich ausschließlich über negative Aspekte informieren will, kann das. Wir hatten auch Mythen – in einer Bürgersprechstunde zu einem Windparkprojekt sagte einer: Wenn die Windkraft kommt, werden die Frauen nicht schwanger. Dann stand ein Feuerwehrmann auf und sagte: Bevor du darüber redest, musst du erst eine Frau haben. Und dann ist immer noch nicht raus, ob das an dir, an deiner Frau oder an der Windkraftanlage liegt. Der Lacher war auf unserer Seite.
Wie schaffen Sie Akzeptanz vor Ort?
Andreas Jesse: Wir engagieren uns in den Gemeinden, in denen wir tätig sind – in Kultur, Sport und Veranstaltungen. Und das nicht unerheblich. Man kennt uns dort. Das wiederholt sich alle Jahre wieder. Außerdem haben wir immer transparent gearbeitet: Wir haben innerhalb der Gemeinde Eignungsräume entwickelt und in diese dann unsere B-Pläne gelegt. So hatte man die Abstimmung mit der Gemeinde und den Betroffenen vorher. Dadurch hatten wir kaum Gegner.
Welche Chancen sehen Sie in Zukunft für die Windenergie in Polen?
Andreas Jesse: EU-Vorgaben treiben das Thema. Größere Städte und Kommunen wollen in Richtung Grünstrom gehen. PPAs sind hier eine interessante Alternative – große Betriebe wollen sich selbst mit eigenen Windparks oder grüner Energie versorgen. Das Spektrum ist hier, würde ich sagen, fast weiter als in Deutschland. Außerdem vernetzen wir deutsch-polnisches Business: Wir bringen polnische Unternehmen nach Berlin und deutsche Lieferanten nach Polen. Bei unseren Stammtischen hier ist eigentlich alles am Platz – von Finanzierung über Juristen bis zu Tiefbauern. Theoretisch könnten wir den ganzen Park bauen.
Andreas Jesse,
Geschäftsführer der polnischen Projektentwicklungsgesellschaft Windpower Poland mit Sitz in Posen
Foto: WPP
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