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Namibias Wasserstoffhochlauf

Viel Sonne, viel Wind, viel Platz

Text: Klaus Sieg

Hinter dem Gebirge der Namib-Wüste liegt die Pilotanlage von Hyiron, das Oshivela Project. Sie soll in der nächsten Stufe 200.000 Tonnen Eisen jährlich liefern.

© Martin Egbert

Hinter dem Gebirge der Namib-Wüste liegt die Pilotanlage von Hyiron, das Oshivela Project. Sie soll in der nächsten Stufe 200.000 Tonnen Eisen jährlich liefern.

Kurvenreich führt die Schotterpiste durch das Gebirge der Namib-Wüste, über Steine, Staub und Geröll, durch Hügel und Berge voller bizarrer Formationen. In dieser Mondlandschaft soll sich die industrielle Pilotanlage von Hyiron Green Technologies befinden? Eine der nach Angaben des Betreibers größten Produktionsstätten für grünes Eisen weltweit?

Das Gefühl, sich im vermeintlichen Nichts verfahren zu haben, beschleicht einen häufiger in Namibia. Alleine die Wüste Namib erstreckt sich die Küste entlang über eine Länge von zweitausend Kilometern von Angola bis Südafrika. Mit 81.000 Quadratkilometern ist der namibische Teil größer als Bayern. Und das ist längst nicht alles. Fast die Hälfte des südwestafrikanischen Landes besteht aus Wüste, eine Fläche weit größer als Deutschland.

Hinter dem Gebirge glitzert dann doch plötzlich das Solarfeld von Hyiron in der grellen Sonne. Die 44.000 Module sind kaum zu übersehen. Auch die Produktionsstätte selbst, die vielen Container, die Tanks, Leitungen und die große Halle für die beiden jeweils sechs Megawatt Elektrolyseure sind für eine Pilotanlage nicht klein. Die Oshivela Project genannte Anlage, mit 13 Millionen Euro vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) gefördert, könnte schon bald um einiges größer werden.

Hyiron-Projektingenieurin Kandetu Vetuamuje erklärt, wie das aus dem Wasserstoff bei der Eisenreduktion wieder Wasser wird – so braucht die Pilotanlage nur 3 m3 Frischwasser täglich.

© Martin Egbert

Hyiron-Projektingenieurin Kandetu Vetuamuje erklärt, wie das aus dem Wasserstoff bei der Eisenreduktion wieder Wasser wird – so braucht die Pilotanlage nur 3 m3 Frischwasser täglich.

Entscheidung über Skalierung steht an

„In diesem Jahr fällt die Investitionsentscheidung für die nächste Phase“, sagt Johannes Michels Geschäftsführer und Mitgründer von Hyiron Green Technologies. Das 25 Megawatt Solarfeld soll auf 375 Megawatt anwachsen, Batteriespeicher den Betrieb eines Teils der Anlage rund um die Uhr ermöglichen. Aus der noch übersichtlichen Kapazität von heute 15.000 Tonnen Eisen pro Jahr könnten dann 200.000 Tonnen werden. „Jede Tonne Eisen, die auf diese Weise produziert wird, ersetzt 1,8 Tonnen CO2 im konventionellen Verfahren“, sagt Michels, der in Namibia und Deutschland aufgewachsen ist. Hinter ihm geht der Blick über die weite Ebene. Bis Hyiron das Gelände gekauft hat, war hier eine Farm für Schaf- und Rinderzucht. Aufgrund vieler Jahre mit Klimawandel bedingten Dürren musste sie aufgegeben werden. Nun geht es hier um ­Zukunftstechnologie.

Eisenerz ist ein Oxid. Um es von seinem Sauerstoffgehalt zu trennen, braucht es ein Reduktionsmittel. Das ist bislang meist ein Kohlenstoff, überwiegend in Form von Kokskohle. Hyiron nimmt stattdessen grünen Wasserstoff, hergestellt in zwei Elektrolyseuren, die ausschließlich mit Solarstrom arbeiten. Der grüne Wasserstoff wird bei 800 bis 950 Grad einem Drehrohrofen zugeführt. Eine Kette dreht die große, zylinderförmige Kammer des Ofens mit nur einer Umdrehung pro Minute. Von der anderen Seite des Ofens kommt grobkörniges Eisenerz hinein, meist in Form von Eisen (III)-Oxid. „Der Wasserstoff zieht mit mehr Kraft an den Sauerstoffatomen als das Eisen“, erklärt Kandetu Vetuamuje.

So wird das Eisen reduziert. Und es entsteht Wasser, das nach aufwändiger Reinigung wieder in den Elektrolyseuren verwendet wird. „So brauchen wir für diese Anlage nicht mehr als drei Kubikmeter Wasser am Tag“, erklärt die Ingenieurin beim Rundgang durch die Anlage. Die bringt ein Tankwagen. Der kommt ein bis zwei Mal im Monat über die Schotterpiste aus Arandis. Die Stadt wurde vom anglo-australischen Bergbauunternehmen Rio Tinto 1972 für ihre Angestellten im Uranabbau gegründet. Viele der schwarzen Minenarbeiter sollen krank geworden sein. Die Abbaustätten über Tage werden von der Tochter Rössing ungeachtet weiter betrieben. Noch heute zählen sie zu den größten der Welt.

Grünes Eisen klingt besser als Uran. Aber wer kauft das Produkt? Einen Teil der Jahresproduktion hat sich der internationale Stahl- und Rohrhersteller Benteler gesichert, für den Hyiron das grüne Eisen zu Pellets presst. Andere Kunden aus Europa kaufen das grüne Eisen, um Pulver für den 3-D-Druck herzustellen. Die Nachfrage aus Europa dürfte steigen. Anfang des Jahres hat die EU-Kommission die Bestimmungen für einen Anteil von grünem Stahl bei öffentlichen Aufträgen geändert. Dieser muss jetzt nicht mehr in Europa hergestellt werden. „Im Preis liegen wir nur leicht über dem für konventionelles Eisen“, sagt Johannes Michels. Wenn die Erweiterung in Betrieb geht, soll es gar keinen Unterschied mehr geben. Das läge an den günstigen Preisen für das grobkörnige Eisenerz, ein Nebenprodukt der Minen aus dem benachbarten Südafrika, sowie den stark gesunkenen Kosten für Batteriespeicher. Vor allem aber gibt es in Namibia sehr viel Sonne. Mit 2.200–2.700 kWh/m²/Jahr ist die Sonneneinstrahlung mehr als doppelt so hoch wie die in Deutschland und liegt immer noch ein Drittel über der in Spanien.

Viel Energie, wenig Strom, knappes Wasser

„Das weltweit beste Potenzial an Sonnenenergie, sehr guter Wind entlang der langen Küste und viel Platz – diese Vorteile wollen wir nutzen“, sagt Jona Musheko. Der Sprecher des staatlichen Namibia Green Hydrogen Programme empfängt in seinem klimatisierten Büro in einem Neubau in der Hauptstadt Windhoek. Das Programm wurde vor fünf Jahren mit Unterstützung unter anderem aus Deutschland ins Leben gerufen. In diesem Jahr läuft es aus. „Wir sind nur die Geburtshelfer der namibischen Wasserstoffwirtschaft gewesen", sagt Jona Musheko. „Nun sind vielversprechende Pilotprojekte am Start.“

Die Regierung von Namibia, die seit März 2025 mit Netumbl Nandi-Ndaitwah erstmalig von einer Präsidentin angeführt wird, will mit grünem Wasserstoff die Wirtschaft des Landes diversifizieren. Die hängt bisher vor allem vom Export von Diamanten, Uran und anderen Rohstoffen ab, von durch die Klimakrise bedrohter Landwirtschaft und Fischerei sowie dem Tourismus, von dem nur sehr wenige Menschen im Land profitieren. Ein Drittel der rund drei Millionen Namibier ist arbeitslos. Investitionen in Wasserstoffprojekte sollen Zehntausende Arbeitsplätze schaffen und dem Land eine verbesserte Energieversorgung sowie hohe Steuereinnahmen bringen. Klingt erstmal gut.

Doch Wasserstoff verbraucht viel Wasser. Namibia aber leidet unter Wassermangel und regelmäßigen Dürren. Wiederverwendet wie bei Hyiron kann Wasser aber bei den meisten anderen Nutzungen von Wasserstoff nicht. Neun Kubikmeter Reinstwasser verbraucht die Herstellung von einer Tonne Wasserstoff. Dafür braucht es 12 bis 13 Kubikmeter Oberflächen- oder Grundwasser oder 20 bis 30 Kubikmeter Meerwasser.

Die Elektrolyse verbraucht zudem viel elektrische Energie, für eine Tonne Wasserstoff 47 bis 55 Megawattstunden. Und das in einem Land, in dem weniger als 60 Prozent der Bevölkerung an das Stromnetz angeschlossen sind. Zwei Drittel seiner elektrischen Energie muss Namibia zudem aus den Nachbarländern importieren, meist produziert in Kohlekraftwerken. Wird die grüne Wasserstoffwirtschaft das verbessern und die lokale Bevölkerung davon profitieren? Oder tritt genau das Gegenteil ein?

Das Gemüse aus den Gewächshäusern des Daures Green Hydrogen Village wird bereits in lokalen Supermärkten verkauft.

© Martin Egbert

Das Gemüse aus den Gewächshäusern des Daures Green Hydrogen Village wird bereits in lokalen Supermärkten verkauft.

© NEONBOLD

Die erste Düngerfabrik des Landes

Jeremia Petrus vom Daures Green Hydrogen Village ist vom grünen Wasserstoff Made in Namibia überzeugt. „Wir wollen mit Stickstoffdünger aus grünem Wasserstoff etwas produzieren, was wir im Land dringend brauchen – das wird die erste Düngerproduktion in Namibia überhaupt.“ Bisher muss Namibia seinen Stickstoffdünger aus Südafrika und Zimbabwe importieren. Spätestens die in Folge des Krieges im Nahen Osten sprunghaft gestiegenen Düngerpreise verdeutlichen, wie wichtig eine nationale Produktion sein kann. „Meine Enkel werden stolz auf mich sein, weil ich an diesem Zukunftsprojekt beteiligt war“, sagt der Ingenieur im Blaumann.

Das Daures Green Hydrogen Village des Energieunternehmens Enersense Namibia liegt rund fünf Stunden Autofahrt von Windhoek entfernt in Richtung Nordwesten, zwischen dem Brandberg Massiv und dem Atlantik. Auch diese Anfahrt bietet faszinierende Steppen- und Wüstenlandschaft. Antilopen sprinten vorbei. Eine Straußenfamilie kreuzt die Piste. Neben dem Solarfeld des Hydrogen Village glitzern fünfzehn moderne Gewächshäuser in der Sonne. Hier werden Paprika und Gurken produziert, die bald mit klimaneutralem Stickstoffdünger gepäppelt werden. „Wir nehmen gerade die Anlage für das Haber-Bosch-Verfahren in Betrieb“, erklärt Jeremia Petrus. Hinter ihm streichen Arbeiterinnen die letzten Rohre. Es riecht nach Lack. Neben der Halle mit dem Elektrolyseur und der Ammoniakanlage bauen andere Arbeiterinnen gerade das Fundament für eine Halle, in der die Produktionsanlage für Feststoffdünger stehen soll, gefördert von der Unido. Gegen den Staub und den scharfen Wind tragen sie Masken. Die meisten stammen aus umliegenden Gemeinden. Daures Green Hydrogen Village hat sich verpflichtet, mindestens die Hälfte der derzeit 50 Arbeitsplätze lokal zu vergeben. Auch halten die Vertreter der hier ansässigen Ethnie einen Anteil von zehn Prozent am Daures Green Hydrogen Village, das 2023 mit rund 12 Millionen Euro Unterstützung des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt gestartet wurde. Daraus resultiert auch die Forschungspartnerschaft mit der Universität Stuttgart, mit der in Windhoek sowie dem deutschen Consulting Fichtner. Es gibt ein Labor und ein Trainingscenter auf dem Gelände. Forschende sowie interessierte Besucher können sich in dem Guesthouse einmieten. Angestellte wie Jeremia Petrus, der eigentlich in Windhoek lebt, wohnen ebenfalls auf dem Gelände.

Jona Musheko, Sprecher des staatlichen Namibia Green Hydrogen Programme, sieht seine Organisation als „Geburtshelfer der namibischen Wasserstoffwirtschaft“. Nun sollen die Pilotprojekte an Eigenständigkeit gewinnen.

© Martin Egbert

Jona Musheko, Sprecher des staatlichen Namibia Green Hydrogen Programme, sieht seine Organisation als „Geburtshelfer der namibischen Wasserstoffwirtschaft“. Nun sollen die Pilotprojekte an Eigenständigkeit gewinnen.
Ingenieur Jeremia Petrus vom Daures Green Hydrogen Village arbeitet an Namibias erster Düngerproduktion. „Meine Enkel werden stolz auf mich sein, weil ich an diesem Zukunftsprojekt beteiligt war“, sagt er.

© Martin Egbert

Ingenieur Jeremia Petrus vom Daures Green Hydrogen Village arbeitet an Namibias erster Düngerproduktion. „Meine Enkel werden stolz auf mich sein, weil ich an diesem Zukunftsprojekt beteiligt war“, sagt er.

Wasserstoff bringt Lebensmittel – und braucht Wasser

Nach erfolgter Inbetriebnahme will Daures 100 Tonnen grünes Ammoniak pro Jahr produzieren, eine überschaubare Menge. „Das ist nur eine Pilotanlage, die nicht rund um die Uhr läuft – aber sie wird immerhin unseren Eigenbedarf an Stickstoffdünger decken.“ Schon jetzt aber stehen Windmessstationen in der Umgebung. Geplant sind fünf Windkraftanlagen mit Batteriespeicher, die einen rund um die Uhr Betrieb ermöglichen sollen. „Wir wollen zeigen, dass eine nahezu klimaneutrale Dünger- und Gemüseproduktion in der Wüste möglich ist und diese dann schrittweise ausweiten“, erklärt Jeremia Petrus. Namibia muss bislang den überwiegenden Teil seiner Lebensmittel aus Südafrika importieren. Bereits jetzt beliefert Daures Green Hydrogen Village Supermärkte in Swapokmund und Walvisbay. Und das zu einem Preis, der nach Angaben des Gewächshausmanagers Jason Angula ein Fünftel günstiger als die importierte Ware ist.

Alles im grünen Bereich also beim Daures Green Hydrogen Village? Nicht ganz. Selbst die modernen Gewächshäuser mit ihrer effizienten Semi-Hydroponik-Technik brauchen pro Hektar und Tag 10 bis 13 Kubikmeter Wasser. Fast 18 Tonnen Wasserstoff sind nötig für die Herstellung von 100 Tonnen Ammoniak. Daraus folgt ein Wasserbedarf von etwa 0,6 Kubikmeter pro Tag.

Das Wasser bezieht Daures aus sieben Bohrlöchern, die nach eigenen Angaben 70 Kubikmeter pro Tag liefern. Soweit kein Problem also. Was aber passiert, wenn das Village erst einmal so groß wird wie geplant? Der erste Ausbauschritt sieht eine Jahresproduktion von 20.000 Tonnen grünem Ammoniak und größere Flächen an Gewächshäusern vor. Die Enersence Namibia verfügt über ein Gelände von 15.000 Hektar.

Zudem wächst der Druck auf die in der Wüste ohnehin knappe Ressource auch von anderen Seiten. Rund um das Brandberg Massiv gibt es Vorkommen an Zinn, Kupfer, Uran, Seltenen Erden und Lithium, die ausgebeutet werden oder werden sollen. Nach den Recherchen der in Südafrika gegründeten NGO Oxpeckers Investigative Environmental Journalism gibt es um die fünfzig Lizenzen für Projekte in der Umgebung. Minen verbrauchen große Mengen Wasser. Nur etwa 90 Kilometer von Daures entfernt liegt die Bergbaustadt Uii. Dort gebe es bereits jetzt erhebliche Probleme mit der Trinkwasserversorgung, heißt es.

Die Wasserstoffwirtschaft birgt für Namibia große Chancen – aber auch Herausforderungen für Naturschutz und den Umgang mit Wasser. Die koloniale Ver­gang­enheit kommt noch hinzu. Wie geht Namibia damit um?

Lesen Sie die Fortsetzung in der Ausgabe 1-2027 von HZwei.

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