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H2 nach dem Boom

„Ohne grüne Moleküle geht’s nicht.“

Text: Monika Rößiger

In seinem Grußwort erinnerte der Klimaphysiker Mojib Latif, Präsident der Akademie der Wissenschaften, an die erste Ölkrise im Jahr 1973. „Spätestens da hätte uns doch klar werden müssen, dass fossile Energieträger keine sichere Versorgung bieten. Dänemark hat das erkannt. Wir dagegen treten auf der Stelle.“

Trotz Klima- und Energiekrise, trotz Kriegen und immer wieder aufflammenden Konflikten in Nahost, mangele es bis heute an der Einsicht, wie dringend ein Umsteuern in der Energieversorgung notwendig ist.

Die Euphorie der frühen Wasserstoffjahre ist verflogen. Der Markthochlauf verläuft langsamer als erhofft, aber an der grundsätzlichen Notwendigkeit von grünem Wasserstoff zweifelte auf dem Kongress dennoch niemand.

Die eigentlichen Probleme liegen weniger auf der technischen als auf der wirtschaftlichen Ebene. „Wir müssen jetzt innerhalb von 15 Jahren ein neues Energiesystem aufbauen“, sagte der Unternehmensberater Marius Buchmann von EERA consulting in Oldenburg. „Wir brauchen nicht nur CO2-Reduktionen, sondern eine komplette Transformation.“

Als Projektleiter an der damaligen Jacobs University Bremen wirkte er unter anderem an der dena-Leitstudie “Aufbruch Klimaneutralität” mit. Er räumte ein, dass zahlreiche Wasserstoff-Szenarien der vergangenen Jahre hinsichtlich der Kosten zu optimistisch gewesen seien. Der Preis für grünen Wasserstoff liege heute bei etwa zehn Euro pro Kilogramm.

„Sollten Elektrolyseure künftig nicht mehr von Netzentgelten befreit werden, könnte der Preis sogar auf 12 bis 15 Euro pro Kilogramm steigen“, sagte Buchmann. Von Wettbewerbsfähigkeit gegenüber fossilen Alternativen sei man damit weit entfernt. Besonders kritisch sei die Situation in energieintensiven Branchen. Selbst ein Preis von vier Euro pro Kilogramm würde von Teilen der Chemieindustrie derzeit als wirtschaftlich kaum tragbar angesehen.

„Bankability“ als Schlüsselthema

Mehrfach fiel auf dem Kongress der Begriff „Bankability“, der inzwischen für viele Projekte entscheidend geworden ist. Deshalb wünschen sich Unternehmen nichts sehnlicher als einen hohen CO2-Preis, so Buchmann. Außerdem fehle dem Wasserstoffmarkt bislang eine funktionierende Mittelschicht aus Handelsakteuren, wie sie in der fossilen Industrie seit langem etabliert ist.

Diese könnte auch mit Hilfe der Stiftung H2Global aufgebaut werden, deren Grundidee das sogenannte Doppelauktionsmodell ist. Dabei überbrücken staatliche Ausgleichszahlungen die Differenz zwischen Import- und Verkaufspreisen, bis sich der Markt für grünen Wasserstoff selbst trägt.

Hermann Held, Professor für Nachhaltigkeit and Global Change an der Universität Hamburg, warnte vor enormen Kosten, die laut Weltklimarat (IPCC) durch Klimaschäden entstünden, falls wir nicht handeln. Schon deshalb sei Wasserstoff für industrielle Anwendungen eine „No-Regret-Technologie“. „Im Jahr 2050 könnten die Vermeidungskosten mithilfe von H2-Technologien um 15 bis 22 Prozent niedriger ausfallen.“ In China seien die Vermeidungskosten sogar noch höher und lägen bei rund einem Drittel des Bruttoinlandsprodukts. Vom sogenannten blauen Wasserstoff riet der Physiker hingegen ausdrücklich ab. Interessanter Nebenaspekt: Er bezeichnete sich selbst als „Generation Tschernobyl, die durch den radioaktiven Regen gelaufen ist“.

Regulierung wird zum Hemmschuh

Besonders kritisch diskutierten die Teilnehmer die EU-Anforderungen für erneuerbaren (RFNBO-)Wasserstoff. Detlef Schulz von der Helmut-Schmidt-Universität und Sprecher der Wasserstoff-Arbeitsgruppe der Akademie nannte die Kriterien „Zusätzlichkeit“ sowie die zeitliche und geografische Korrelation von erneuerbarem Strom und Elektrolysebetrieb. Diese Regeln sollten sicherstellen, dass die Wasserstoffproduktion auf zusätzlichen erneuerbaren Energien basiert und nicht mit der direkten Elektrifizierung konkurriert.

Inzwischen sehen viele Marktakteure in den Vorgaben jedoch ein Hemmnis für den Markthochlauf. Professor Schulz bezeichnete sie als einen der wesentlichen Bremsfaktoren für den Ausbau der Elektrolysekapazitäten.

Dabei brauchen wir schnell viel mehr: „Deutschland verfügt derzeit über rund 185 MW installierte Elektrolyseleistung“, sagt Schulz. „Das entspricht nur 1,8 Prozent des geplanten Endausbaus im Jahr 2030.“ Das 10-GW-Ziel der Fortschreibung der Nationalen Wasserstoffstrategie sei somit kaum erreichbar.

Batteriespeicher als neue Konkurrenz

Für Diskussionen sorgte auch Schulz’ Einschätzung zur Rolle von Batteriespeichern. Während diese in der öffentlichen Debatte meist nur als eine wichtige Säule der Energiewende gelten, verwies er auf mögliche Zielkonflikte.

Batteriespeicher konkurrierten zunehmend mit Elektrolyseuren um Netzanschlüsse und Netzkapazitäten. Sie seien zwar marktdienlich und könnten die Strompreise stabilisieren, „aber sie tragen weder zur Systemdienlichkeit noch zur Netzdienlichkeit bei.“ Oft belasten sie das Netz sogar zusätzlich. Schon jetzt bestehe ein Wettbewerb um knappe Ressourcen im Bereich der Infrastruktur. Um in Zukunft Flexibilitätsoptionen besser nutzen zu können, bedarf es einer entsprechend angepassten Gesetzgebung.

Klimaforscher Mojib Latif, Präsident der Akademie der Wissenschaften, begrüßt seine Gäste zum Kongressauftakt. 

© Monika Rößiger

Klimaforscher Mojib Latif, Präsident der Akademie der Wissenschaften, begrüßt seine Gäste zum Kongressauftakt. 

Wasserstoff ohne Reue

Martin Kaltschmitt, Leiter des Instituts für Umwelttechnik und Energiewirtschaft an der Technischen Universität Hamburg, sieht die wichtigsten Einsatzfelder für Wasserstoff in der chemischen Industrie, der Stahlproduktion, der internationalen Schiff- und Luftfahrt sowie in ausgewählten Bereichen der Langzeitspeicherung. Für andere Anwendungen werde die direkte Elektrifizierung wirtschaftlich attraktiver bleiben. Er verweist auf eine Schätzung des Berliner Instituts für Innovation und Technik (iit), wonach der H2-Bedarf in allen Sektoren bis 2035 auf rund zehn Prozent des derzeitigen Primärenergiebedarfs in Deutschland steigen könnte. Auf jeden Fall „müssen auch die Liefer- und Versorgungsketten für kostengünstige „grüne Moleküle“ entwickelt werden“, so der Professor. Sonst könne das Ziel der Defossilisierung bis 2045 nicht erreicht werden. Abwarten ist also auch für ihn keine Option.

CCS – Konkurrenz oder Ergänzung?

Ein weiteres Thema war das Verhältnis von Wasserstoff und Carbon Capture and Storage (CCS). Professor Michael Fehling von der Bucerius Law School warnte davor, beide Technologien als politisch gleichrangig nebeneinander zu stellen.

Aus seiner Sicht benötigen sowohl Wasserstoff- als auch CCS-Infrastrukturen langfristige staatliche Planung. Ein dauerhaftes Nebeneinander unterschiedlicher Technologiepfade könne Investitionsentscheidungen erschweren und zusätzliche Unsicherheit erzeugen. Sein Appell an die Politik lautete daher, klarere Prioritäten zu setzen und die vorgesehenen Einsatzbereiche der jeweiligen Technologien präziser zu definieren.

Am Ende des Kongresses waren sich die Experten einig: Nun geht es darum, die bestehenden politischen und regulatorischen Hürden zu beseitigen. Denn, wie ­Martin Kaltschmitt sagte: „Ohne grüne Moleküle geht’s nicht.“

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