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Als „Schatzkiste der Natur“ bezeichnet Masao Uchibori die Provinz Fukushima, als er in Hamburg vor rund 70 Fachleuten für erneuerbare Energien und Wasserstoff das Wort ergreift. „Wunderschöne Landschaften, Schlösser, Ramen und unser weltberühmter Sake“, fährt der Gouverneur der Präfektur fort. „Fukushima war so herrlich und so ruhig. Und dann kam der März 2011.“ Das Bedauern darüber ist ihm immer noch anzuhören.
Fünfzehn Jahre nach der verheerenden Kernschmelze in drei Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi zeigt Japan hinsichtlich seiner Energiepolitik ein gespaltenes Bild: Während das Land weiterhin auf Atomenergie setzt und Anfang 2026 zwei Reaktorblöcke des 8,2 Gigawatt starken Atomkraftwerks Kashiwazaki-Kariwa wieder in Betrieb nahm, setzt die Region Fukushima beharrlich auf erneuerbare Energien und Wasserstoff.
So kommt es auch zu dem Kuriosum, dass zwei Superlative im Bereich Energie nur gut 150 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt liegen: Der größte Atomkomplex der Welt und eine der weltweit größten Anlagen zur Erzeugung von grünem Wasserstoff.
„Eine echte Energierevolution“ habe Fukushima hingelegt, sagt Katharina Fegebank, Zweite Bürgermeisterin der Hansestadt, zur Begrüßung der Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, die in der Hansestadt an einem Wirtschaftsseminar teilnehmen.
Wissenschaftlicher Austausch und Sektorenkopplung
Mit diesem Fokus soll die Partnerschaft zwischen Hamburg und Fukushima weiter vertieft werden. Zuvor hatte Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher die hochrangige Delegation aus Japan im Rathaus empfangen, um mit Gouverneur Uchibori feierlich die Zusammenarbeit – vor allem bei der H2-Technologie – zu verlängern.
Seit 2018 kooperieren der Stadtstaat und die Präfektur, die jeweils rund 1,8 Millionen Einwohner haben, auf Basis einer Absichtserklärung (Memorandum of Understanding). Sie unterstützen Unternehmen beim Markteintritt und setzen gemeinsam Forschungsprojekte um. Beide Partner verbindet zudem das für Industriestandorte überaus ambitionierte Ziel, bereits 2040 klimaneutral zu sein.
Sechzig Prozent ihres Strombedarfs erzeugt Fukushima heute schon aus erneuerbaren Energien, also so viel wie Deutschland insgesamt. Die Provinz will Modellregion für eine wasserstoffbasierte Gesellschaft werden, während die Zentralregierung in Tokio weiterhin auf Atomenergie setzt. Klimaneutralität strebt das Land erst für 2050 an.
Wiederaufbau mit Erneuerbaren und Wasserstoff
„Unsere Erfahrungen haben uns gelehrt, besser nicht von Atomkraft abhängig zu sein“, erklärt Uchibori. Zu dieser Unabhängigkeit würden auch Elektrolyseure und Windenergieanlagen aus Deutschland beitragen. Deutsche Technologie und Expertise sind von großem Interesse:. „In einer Schule haben wir sogar eine deutsche Elektrolyse-Anlage als Anschauungs- und Lehrmaterial“, so Uchibori.
Die Präfektur, deren Name für immer mit einem der schlimmsten Atomunglücke der Geschichte verbunden sein wird, zählt inzwischen zu den führenden und politisch wichtigsten Regionen für wasserstoffbasierte Mobilität in Japan. Insbesondere bei BZ-betriebenen Nutzfahrzeugen, ob Lkw oder Bus, Polizei- oder Krankenwagen.
„Selbst Wasserstoff-Fahrräder sind bei uns Alltag“, sagt Uchibori. Stationäre Brennstoffzellen-Systeme versorgen in der Stadt Fukushima das Rathaus, Wohngebäude und eine Olympia-Sportanlage mit Strom und Wärme. Die lokale Industrie setzt Elektrolyse-Wasserstoff beispielsweise In Nachbrenner-Öfen ein, in einer Halbleiter-Glasfabrik und im Reifenwerk von Falken/Sumitono in Shirakawa. Dort werden mit seiner Hilfe klimaneutrale Reifen hergestellt. Früher setzte diese Fabrik schon grauen H2 bei der Vulkanisierung ein.
Vorreiter für Wasserstoff-Forschung
Fukushima hat nicht nur eine eigene Wasserstoffstrategie (neben der nationalen von 2017, womit Japan das erste Land der Welt war). Mit dem Fukushima Hydrogen Energy Research Field (FH2R) beherbergt die Region eine der weltweit größten Demonstrationsanlagen zur Herstellung und Erforschung von grünem Wasserstoff.
Verstärkt wird die Wasserstoffforschung durch das Hydrogen Energy Research Institute an der Universität von Fukushima. Dort hat auch das Fukushima Renewable Energy Institute (FREA) seinen Sitz, eine der bedeutendsten Forschungseinrichtungen des Landes – und in engem Austausch mit Wasserstoff-Spezialisten aus Deutschland.
„Auf unserem Campus haben wir Demonstrations- und Pilotanlagen zur Elektrolyse, Ammoniaksynthese und Nutzung von Ammoniak und Wassserstoff in Motoren, Turbinen und in KWK-Systemen“, erläutert Hirohide Furutani, FREA-Generaldirektor. „Auch Speicherung, Katalysatorentwicklung und Lastfolgebetrieb bei fluktuierender Stromerzeugung spielen bei uns eine große Rolle.“
Pilotanlage für grünes Ammoniak
FREA erforscht Wasserstoff‑ und Ammoniak‑Motoren für stationäre Energieanwendungen und arbeitet dafür mit Partnern aus Industrie und Anlagenbau zusammen. „Im April 2018 nahmen wir eine Pilotanlage für grünes Ammoniak in Betrieb, mit einer Kapazität von rund 20 Kilogramm Ammoniak pro Tag“, fährt Furutani fort.
„Ziel ist die flexible Ammoniak-Synthese aus elektrolytisch erzeugtem Wasserstoff.“ Sie gilt zu den weltweit ersten durchgängig mit erneuerbarem Strom betriebenen Ammoniak‑Pilotanlagen dieser Art. Im April 2024 gründete die Universität Fukushima das Hydrogen Energy Research Institute (HERI), das einen integrierten Forschungsnsatz entlang der gesamten Wertschöpfungskette verfolgt.
Wasserstoff aus Biomasse und Kreislaufwirtschaft
Ein besonderes Augenmerk liegt auf einem Gemeinschaftsprojekt mit der Präfektur Fukushima, in dem ein neuartiges Verfahren entwickelt wird, um aus Waldbiomasse gleichzeitig Wasserstoff und Kohlenstoff zu gewinnen.
„Ziel ist der Aufbau eines regionalen Kreislaufsystems zur Dekarbonisierung, das lokale Ressourcen nutzt und zur nachhaltigen Entwicklung der Region beiträgt“, erklärt Tsukasa Matsuda, Executive Director der Universität. Das Vorhaben ist Teil eines umfassenden Biomasse-Wasserstoff-Forschungsprojekts, das technologische Innovation mit regionaler Wertschöpfung verbindet.
Dass die Umsetzung der Wasserstoff-Gesellschaft in Fukushima, aber auch in anderen Teilen des Landes, so gut voran kommt, habe auch mit „kulturellen Differenzen“ zu tun, resümiert Jan Rispens, Leiter des EEHH-Clusters der Hamburger Wirtschaftsbehörde und Mitorganisator des Seminars. Das japanische Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) steuere generalstabsmäßig die verschiedenen Bereiche der Wasserstoffökonomie.
Europa: Schlicht zu kompliziert
Die Wirtschaft dort verstehe, dass dies ein langer Weg sei und viel Forschung und Entwicklungsinvestitionen benötige. „In Deutschland und Europa hingegen versuchen wir, mit einer überkomplexen Regulatorik die Wirtschaft zu Investitionen zu bewegen, die sich derzeit einfach nicht rechnen. Dafür sind die Regeln für für die Produktion von grünem Wasserstoff zu kompliziert.“